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zugebracht hatte, kam der Sohn des Nachmittags voller Freuden in die stube und brachte mir die Nachricht, dass morgen in aller Frühe ein Kapitän mit Extrapost nach Leipzig fahren und mir auf seine Fürbitte einen Platz in seiner Chaise geben wolle.

Herrmann. Und du nahmst den Platz an?

Ulrike. Was sollt ich tun? – Mein Kavallerist versicherte mich, dass ich nichts zu fürchten hätte – "Der Mann hat eine Frau und drei Kinder", sagte er, "er ist schon ein bisschen alt und mein speziell guter Freund und Patron: er hat einmal als Leutenant bei meinem Vater seliger im Quartier gelegen; und da tut er Ihnen nichts, darauf können Sie sich verlassen." – Ich nahm mit Tränen von den guten Leuten Abschied: mein Fieber und mein innerlicher Kummer hatten mich so weichmütig gemacht, dass mich jedes Wort zum Weinen bringen konnte: ich legte einen Dukaten hin, allein der Sohn schwur, dass er des Teufels lebendig sein wollte, und die Mutter, dass sie Gott bewahren sollte, einen roten Pfennig anzunehmen: ich drückte dem Reuter dankbar die Hand, als er mir den Dukaten mit Gewalt in die meinige legte, und hätte ihn küssen mögen

Herrmann. Und ich möchte ihm Millionen schenken, wenn ich sie hätte. Ulrike, wenn wir jemals glücklich zusammen werden, die Leute sollen bei uns wohnen, sollen Freud und Leid mit uns teilen: sie sind meinem herz mehr als Vater und Mutter. – Aber, liebste Ulrike, also reistest du mit dem Offiziere?

Ulrike. Warum fragst du denn so ängstlich? – Er war ja alt und hatte eine Frau und drei Kinder! – Sei unbesorgt! Er hat unterwegs mehr mit dem Postknechte als mit mir gesprochen, und wenn's ihm einfiel, mich zu unterhalten, so redete er von Rebhühnern, wilden Schweinen, zahmen und wilden Enten oder erzählte mir ein Jagdhistörchen, über das ich zum Unglück nicht lachen konnte. Sonst galt es ihm gleich, ob mich hungerte, fror oder durstete, und etlichemal schalt er mich recht derb aus, dass ich mich auf so eine Reise so leicht angezogen hätte, da ich doch so eine elende, patschichte Kreatur wäre. Überhaupt fand er immer etwas zu tadeln, und wo andre Leute bedauert hätten, da schalt er. Statt mir Wein oder eine Höflichkeit anzubieten, fragte er mit mürrischem strafendem Tone: "Warum trinken Sie denn nicht? warum nehmen Sie denn meinen Mantel nicht, wenn sie friert?" – Da wir in Leipzig ausstiegen, dankte ich ihm sehr demütig für seine Güte: allein er wollte meinen Dank nicht: ohne ihn anzuhören, sprach er: "Es ist gerne geschehn" – und wandte sich zum Postknechte, um mit ihm über den Bau seiner Chaise zu sprechen. Ich war nicht zwo Stunden im Gastofe, als sich eine Putzmacherin, die ihre stube neben mir hatte und eine fremde herrschaft in mir vermuten mochte, auf meinem Zimmer einstellte, um mir ihre Waren anzubieten. Ich erschrak, als ich die stimme hörte, und noch mehr, da ich das Gesicht erblickte: es war die Putzmacherin aus Dresden, von welcher Tante Sapperment so vielfältig gekauft, mit der ich so vielfältig geschäkert hatte. Ich dankte leise und wandte mein Gesicht weg: aber unvorsichtigerweise trat ich so, dass sie es im Spiegel sehen konnte.– "Ei, du allerhöchster Gott, sind Sie's denn wirklich?" rief sie aus und fuhr auf mich zu. "Gott sei mir gnädig! wie ich erschrokken bin! Bin ich besoffen oder nüchtern? – Ja, ja. Sie sind's ja mit Leib und Seele. Ei, untertänige Magd, liebes Baronesschen! Behüte mich Gott! in des Henkers Namen, wo kommen Sie denn her?" – Es half nun weiter keine Verstellung: ich musste mich entdekken. Ich überredete ihr in der Geschwindigkeit, dass ich mich mit der Oberstin veruneinigt hätte und heimlich fortgereist wäre, um mich zu einer Anverwandtin in Berlin zu begeben. Ich bat sie, um alles in der Welt mich nicht zu verraten, und bot ihr Geld, soviel ich nur entbehren konnte: aber sie schlug alles aus und tat einen entsetzlichen Schwur, dass sie nichts über ihre Zunge kommen lassen wollte, wenn ich mich ihr ganz anvertraute. Sie erbot sich, mich in zwei Tagen mit nach Dessau zu nehmen, wohin sie mit Waren bestellt war; und weil sie dort ihre Muhme, die Madam Hildebrand aus Berlin, zu sprechen hoffte, so könnte ich alsdann mit dieser Frau vollends nach Berlin reisen. Alles sehr erwünscht für mich! Wir fuhren mit einem Mietkutscher nach Dessau, wo die Frau Hildebrand schon wartete; denn sie hatten einander dahin bestellt, um gewisse Angelegenheiten abzutun, die ich nicht erfuhr. Die Geschäfte der beiden Weiber nahmen zwei ganze Tage hin: alsdann wurde ich der Frau Hildebrand förmlich übergeben, und wir gingen zusammen mit der Post ab. Nun war es hohe Zeit, offenherzig zu beichten und um Rat zu fragen: meine achtzehn Dukaten hatten abgenommen, und wenn auch durch grosse Sparsamkeit der Rest noch einen monat in Berlin widerhielt, was dann zu tun? – Ich tolles Mädchen hatte noch nie hausgehalten und bildete mir ein, dass man mit achtzehn Dukaten durch die halbe Welt reisen könnte: wie fand ich mich betrogen! Ich eröffnete der Frau Hildebrand mein Anliegen und fragte, ob sie mir nicht zu einer Stelle