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eine Wasserflut wurde. Ich zitterte vor Kälte, fühlte schauerhaften Fieberfrost, mein Mut war ganz dahin. Meine drei gefährten wickelten sich in Mäntel und Überröcke und verlangten gar nicht zu wissen, ob mich fröre; nur der Postillion war so guterzig und erkundigte sich nach meinem Befinden, erbarmte sich meiner und gab mir aus christlicher Liebe für vier Groschen seinen Mantel bis zur nächsten Station. Dort liess man mir die nämliche Milde gegen den doppelten Preis angedeihen. O Heinrich, beklage dein armes, entlaufnes Mädchen! Die Strafe war wirklich zu hart. In einen gelben Mantel vom Kopf bis an die Knie gewickelt, unten in Stroh eingepackt, bald frierend, dass mir das Herz bebte, bald glühend wie ein Feuerofen und bei der grössten Hitze noch innerlich schauernd vor Frost, sass ich armes geschöpf verlassen und allein die übrige Nacht durch auf dem Wagen, und die Wolken strömten so ungeheure Fluten auf mich herab, dass Stroh und Füsse in wasser schwammen: wie eine zarte, kranke Blume, vom Platzregen ersäuft, in den Boden gedrückt, sass ich da, trauerte und weinte. Meine Seelenkümmernis erwachte, Reue und Furcht vor der Zukunft quälten mich; und so wurde die unbesonnen verliebte Ulrike das Spiel eines doppelten Sturms! von innen und von aussen: ein krankes Schäfchen, in einer menschenlosen Wüste!

Obgleich die übrige Reise hindurch die Grausamkeit des Wetters nachliess, blieb ich doch krank und niedergeschlagen: langes Fasten, Mattigkeit, Rückenschmerzen von der Erschütterung des rumpelnden Wagens, Übelkeit, Verdruss, Fieber raubten mir die Kraft, ein Auge aufzuschlagen oder ein Glied zu rühren. Mitten in einer Station stieg ein sächsischer Soldat auf, ein Kavallerist, der bis nach Grimma bei mir blieb. Kaum hatte er meine Krankheit aus mir herausgefragtwelches er gleich tat, als er Platz genommen hatte –, so warf er hastig seinen Mantel von sich, richtete mich auf, liess den Postknecht halten und wikkelte mich so derb in seinen roten Mantel ein, dass ich fast erstickte, holte eine zottichte Mütze aus der tasche, weitete sie über das Knie und setzte sie mir auf meine Kappe darüber: ich bat ihn, seine Güte nunmehr nicht weiter zu treiben, allein er ruhte nicht, bis ich ein Paar wollne Handschuhe annahm, worein er meine Füsse steckte. Ich dankte ihm mit einem gerührten Blicke und beklagte, dass er sich aller Bequemlichkeiten um meinetwillen beraubte. – "Ha!" sprach er, "das Hemde vom leib können Sie kriegen, wenn Sie's haben wollen. Solche Kerle wie mich macht der liebe Gott alle Tage, aber ein hübsches Mädchen nur alle Jahre einmal. Du bist ein rechter Halunke, Schwager!" rief er zum Postknecht, "dass du das arme Nüsschen so frieren lässt." – "Ich kann sie ja nicht wärmen: es ist kalt", antwortete der Postillion mit gedehntem Tone. – "Könntest du dich nicht ausziehn bis auf die Haut und deine Kleider auf sie decken? Du hölzerner Peter wirst doch wohl nichts erfrieren, und wenn du im Hemde bis nach Rom fährst. – Soviel will ich Ihnen nur sagen" (wobei er sich zu mir herüberbeugte), "solange ich bei Ihnen hin, soll Ihnen nichts zuleide geschehn: hier ist Mordgewehr. Mich hat einmal ein Mädchen vom tod errettet, und seit der Zeit hab ich ein Gelübde getan, kein Mädchen in der Welt Not leiden zu lassen: ich gehe durch Feuer und wasser für Sie, wenn Sie's verlangen. Was wollen Sie sagen? Ich habe einmal um eines Mädchens willen dreissig Fuchteln gekriegt. Potz Geier! das tat!" – In diesem Tone fuhr er fort, mir alle seine Heldentaten für die Mädchen, seiner Familie und seiner Kameraden geschichte zu erzählen; und er plauderte mir wirklich einen grossen teil meiner schmerzhaften Empfindungen weg. Dabei war er äusserst sorgsam, nachzusehn, ob etwa der Mantel sich irgendwo aufgeschlagen hatte und den rauhen Wind auf mich streichen liess: und wo er nur einen verdächtigen Fleck traf, da kam er dem Übel sogleich zuvor. Dieser wohlmeinende Plauderer stieg zwar vor Grimma ab, allein der Wagen war kaum bei dem Postause, so fand er sich schon wieder ein und bat mich, mit ihm bei seiner Mutter einzukehren, bei welcher er sich auf Urlaub aufhielt. Ich nahm die Einladung an und wurde mit einer Güte von der alten Witwe und ihrem Sohn bewirtet, gepflegt, gewartetmit einer Güte, die ich zeitlebens nicht vergessen werde. Doch äusserte auch diese Frau bei aller Güte einen kränkenden Verdacht, der mir Ruh und Pflege verbitterte, ein Mitleiden über meine Jugend und Schwächlichkeit des Körpersein Mitleiden, mit so mancherlei bedenklichen Reden vermischt, dass mir die Seele blutete! Ich gab mir alle Mühe, ihr den argen Verdacht einer geschehnen Verführung zu benehmen: sie entschuldigte sich zwar und versicherte, dass sie etwas dergleichen von so einem artigen Frauenzimmer gar nicht dächte, und schwur, Gott sollte sie vor einem solchen Argwohn bewahren: aber des Predigens über die Verführungen der Mannspersonen und des Bedauerns über junge, verführte Mädchen ward doch kein Ende. Ich versicherte sie, dass ich eine Freundin in Leipzig besuchen wollte und aus Unwissenheit den geraden Weg verfehlt hätte, dass ich durch die Empfehlung dieser Freundin Gouvernante in Berlin werden sollte: sie beteuerte mir ebenso stark, dass sie alles glaubte, und fuhr immer in ihren bedenklichen Äusserungen fort. Als ich drei Tage bei diesen Leuten