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geben!"

Sie sah ihn misstrauisch an und wusste nicht, ob sie seiner trocknen ernsten Miene glauben sollte. – "Nun gut!" sagte sie endlich, "so will ich zur Gräfin gehen und ihr deinen Entschluss melden."

Der Mann. Ja, das sollst du! – Aber sage mir nur erst: welche Bündel Stroh soll denn der Pfarrknecht kriegen? – Er möchte indessen kommen.

Die Frau. Dass du ihm ja nicht die guten gibst!

Der Mann. Zeige mir sie doch, ehe du gehst, damit du nicht hernach wieder sprichst, ich gebe alles weg, wenn ich die unrechten

"Komm! ich will sie dir zeigen", unterbrach sie ihn und tanzte, wie ein triumphierendes Mädchen nach der ersten Eroberung, über den Hof nach der Scheune hin. Der Mann schlenderte langsam hinterdrein.

Das Tor wurde geöffnet: sie trat mit vorsichtigem Schritte, um die weissen seidnen Schuhe nicht zu verletzen, unter die Strohbündel und erhub den rechten Zeigefinger, dem mann deutlich und augenscheinlich zu demonstrieren, was er tun sollte. Mitten in ihrer Demonstration hörte sie das Tor hinter sich knarren, sie sah sich um und entdecktedass sie eingeschlossen war.

"Adam, Adam! wo bist du?" rief sie mit innerlicher Ängstlichkeit; umsonst: Adam legte eben das grosse Schloss vor das Scheunentor, schnappte es zu, sagte nicht eine Silbe und ging langsam in das Haus.

Nun merkte die arme eingesperrte Frau wohl, durch welche betrügerische Verstellung sie hintergangen war, dass sie in diesem dunkeln Gefängnisse aushalten musste, solang es ihrem Mann beliebte, dass sie nicht zur Frau Gräfin gehen konnte, dass ihres Mannes Trotz die Oberhand behielt. "Ach!" rief sie bei diesem letzten entsetzlichen Gedanken aus, riss das weisse Schnupftuch mit teatralischem. Anstande aus der tasche, bedeckte ihr beträntes Gesicht und sank auf ein Bündel Stroh hinob in Ohnmacht? – das weiss ich wahrhaftig nicht: aber ich zweifle; denn es war ja niemand in der Scheune, der es gesehen hätte. Voller Schadenfreude nahm indessen der Mann den geraden Weg nach Heinrichs Schlafkammer, fand ihn nicht, stutzte, ging weiter: er durchwanderte das Haus von dem obersten Bodenwinkel bis zum untersten Keller, suchte, riefvergebens: er ging vor die Tür, in den Hofnirgends eine menschliche Kreatur, die Heinrich heissen wollte! – 'Hui', dachte er, 'dass mir die Frau den Streich gespielt und den Jungen auf das Schloss vorangeschickt hat! Warte, Nille! wir wollen dich schon kriegen!'-Die Vermutung, so falsch sie auch war, wiegelte seine ganze Galle auf: seine eheliche Autorität war durch die kränkendste Hinterlist beleidigt, und er sann auf eine exemplarische Strafe für eine so unerhörte Empörung gegen seine gesetzgebende Macht. Die Ehe dieser beiden Leutchen hatte überhaupt einen ganz originalen Ton: ohne sich jemals förmlich zu zanken, lagen sie in beständigem Kriege widereinander: nimmermehr liess eins das andre zur offnen Schlacht, nicht einmal zum Scharmützel kommen, sondern jeder teil suchte den andern beständig durch heimtückische Überfälle, Streifereien und listige Kniffe zu necken, und mitten unter solchen Plagereien liebten sie sich so feurig als nur jemals ein Paar, das der Trauring verknüpft hat.

Sobald es bei ihm ausgemacht war, dass er, trotz der Einsperrung seiner Frau, der überwundne teil sei, so machte er, weil sich allmählich die kleinstädtische Zeit des Mittagessens näherte, in eigner person Anstalt dazu. Seine Kochkunst war äusserst gering, und wenn sie auch einen weitern Umfang gehabt hätte, wollte er doch vorsätzlich nichts hervorbringen als eine Wassersuppe. Um sich aber nicht zugleich selbst zu strafen, stillte er erst seinen Appetit mit einigen soliden Stücken geräucherten Fleisches, und als die kalte Küche verzehrt war, richtete er seine magere ungesalzene Wassersuppe an, deckte den Tisch, setzte sein einziges Gericht in die Mitte und ringsherum eine grosse Menge leere Schüsseln. Darauf ging er zur Scheune, öffnete sie und lud seine Gefangene zur Mittagsmahlzeit ein.

"Ich mag nicht essen", sagte sie etwas schnippisch, kehrte ihm den rücken und ging an das andre Ende der Scheune.

Der Mann. Nillchen, du wirst dich doch nicht zu tod hungern wollen! Komm! Die Frau Gräfin hat die hohe Gnade gehabt, uns ein ganzes Gastmahl zu schickenvor grosser Freude, dass unser Heinrich bei ihr ist. Sie hatte sogar die allerhöchste Gnade und liess uns versichern, dass wir alle Tage ein paar Schüsseln aus ihrer Küche könnten holen lassen: aber das sieht mir so almosenmässig aus: ich hab es ausgeschlagen.

"Ausgeschlagen!" rief die leichtgläubige Ehefrau. "Ja, wenn du deiner Frau eine Mühe ersparen kannst, so tust du's gewiss nicht."

Der Mann. Wenn ich's angenommen hätte, alsdann, denkst du, brauchtest du nicht mehr zu kochen? – Nillchen, ebendeswegen hab ich's ausgeschlagen, damit du das Kochen nicht verlernst, bloss um deines Bestens willen! – Die Frau Gräfin liess besonders sehr viele gnädige Komplimente an dich machen.

Die Frau. Es ist doch eine recht liebreiche Dame – (wobei ein tiefer Knix in das Bündel Stroh hinein gemacht wurde, worauf sie stand).

Der Mann. Das ist sie! Der Laufer fragte sehr nach dir, Nillchen: ob er vielleicht gar Präsente für dich mitbrachte? Es kam mir so vor

Die Frau. Und da