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fragt sie nicht schon wieder, ob ich fertig bin? – O sie kann sich heute den ganzen Tag bei mir wärmen, ich bin doch immer noch nicht fertig: aber ich will mir Gewalt antun, punctum. Lebe wohl.

Diesen Abend um fünf Uhr hofft man die Ehre zu haben, den Herrn Cousin bei sich zu sehen. Es warten zwei Dinge auf dieselben, meine Reisebeschreibung und Deine

Deine Ulrike.

Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versäumt, die verlangten nötigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen, dem Schneider doppeltes Macherlohn versprochen und alles übrige doppelt so teuer eingekauft, als es weniger eilfertige Leute bezahlt hätten. Es schlug fünfe, und der glückliche Herrmann ging, stolz auf sein Schicksal, zur wartenden Ulrike.

Drittes Kapitel

"Hilf mir lachen, Ulrike", so trat Herrmann in ihre stube. "Hilf mir lachen! vor einer Stunde ist dein Porträt und ein Gesicht abgefahren, das ihm wahrhaftig ähnlicher sieht, als ich glaubte, dass dir ein Gesicht sein könnte. Fort ist sie! Sie hat meinen gewesenen Prinzipal gebeten, ihr heimlich ein Kleid von seiner Frau zu geben: allein er ist es nicht eingegangen, sondern hat ihren ganzen Anzug vom Juden geborgt und für die Bezahlung zu haften versprochen. Welche Lust! wie der Graf stutzen und sprudeln wird, wenn er eine falsche Ulrike bekömmt! Der Kaufmann war sehr aufgebracht wider ihn, dass er nicht mit der Bezahlung innehält: der Graf hat ihm von der versprochenen Summe nicht mehr als tausend Taler ausgezahlt: deswegen begleitet er seine Ulrike selber, um deinen Onkel zu mahnen und zu verklagen, wenn er nicht Richtigkeit macht."

Ulrike. Also geht's schon wieder schlimm? – Die arme Tante Gräfin! Wenn die nur nicht dabei leiden müsste! das wird einmal ein Tränenvergiessen werden! – Ihre Leiden gehen mir ans Herz! aber ich kann sie jetzt unmöglich bedauern: ich müsste mir's an meiner Freude abbrechen: das Mitleiden glitscht mir jetzt nur über die Seel weg; und wie die Betrübnis tut, davon weiss ich kein Wort mehr.

Herrmann. Das sollst du auch nicht! nimmermehr wollen wir das wieder erfahren! Seitdem ich dich wieder habe, ist mir jedermann verächtlich, elend, klein: die Leute auf der Strasse, wenn sie vor mir vorübergehn, kommen mir alle wie Zwerge vor: ich rage weit über sie weg. 'Die nichtswerten Geschöpfe!' denke ich: 'wozu leben sie? um in niedrigen, gewinnsüchtigen, langweiligen Geschäften herumzukriechen, bestimmt, des Lebens Last zu tragen und nie eine wahre Freude zu fühlen. Lieben können sie nicht; denn es ist nur eine Ulrike.' – Ich kann gar nicht begreifen, wie jemand sagen mag: "Ich liebe!", wenn er dich nicht lieben darf: alle die bewunderten Schönenalle sind sie gegen dich wie eine Nachtlampe gegen die Sonne: nicht eine Ader tut mir nach ihnen weh.

Ulrike. Bemitleide, beklage sie, die armen Geschöpfe! was kann der Bettler dafür, dass er nicht so glücklich ist als der Reiche? – Ich habe heute allen Leuten ins Gesicht lachen müssen, so komisch verdriesslich und ernstaft sehen sie mir aus. Wenn ich mich nur einmal satt lachen dürfte! Bei Tische brach es mir heute etlichemal heraus: ich verbarg es mit dem Schnupftuche, aber die Frau von Dirzau wurde es doch gewahr: sie fragte mich, was ich hätte; und zum Glück besann ich mich auf ein lustiges Histörchen, das mir eingefallen wäre und das ich ihr erzählte, um nur einmal frei herauslachen zu können.

Herrmann. Und mich muss die Freude zerstreut, verwirrt, abwesend machen; denn der Kaufmann beschwerte sich über mich, dass ich ihm so verkehrt antwortete und immer nicht wüsste, wo ich wäre. "Du bist ja seit gestern gar zum Klotze geworden", sagte er mir: allein ich bat sehr inständig, mich mit dergleichen vertraulichen Benennungen zu verschonen, da ich nicht mehr die Ehre hätte, sein Junge zu sein – "wie trotzig!" sagte er und wunderte sich. – "Und das mit Recht!" sprach ich und ging. Auch deine Botenfrau klagte über mich, dass sie nicht klug in mir werden könnte. –

Ulrike. Bei mir hat sie noch mehr geklagt. Du misstrauischer Schelm! warum traust du ihr denn nicht? – Sie ist eine recht gute Frau.

Herrmann. Ich traue niemandem als dir und mir. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass man sehr gut scheinen und doch ein Spitzbube sein kann.

Ulrike. O du hocherfahrner Heinrich! hat dich während unsrer Trennung die Erfahrung so vorsichtig gemacht? – Du musst wissen, dass wir dieser Frau unser ganzes Glück zu danken haben. Hab ich dir nicht gestern schon von ihr erzählt? – Nein! Jetzt besinne ich mich: ich setzte mich ja erst in meiner Erzählung zu Wildsdruf auf die Post, als wir gestern gestört wurden.

Herrmann. In was für Gesellschaft reistest du?

Ulrike. In herzlich schlechter! Sie hingen alle die Köpfe wie welke Maiblumen. Ein Kandidat, ein Kantor und ein Jäger: sie waren fromm wie die Schäfchen gegen mich; denn keiner redete ein Wort mit mir; und das war mir ganz gelegen: ich hatte mit mir genug zu sprechen. Gegen Abend schickte der Himmel einen gnädigen Regen, der das entlaufne Mädchen so durchnässte, dass ich am ganzen leib