", weiter wollt ich nichts sagen: aber es verdross mich, dass sie noch erst daran zweifeln konnte. Kurz stelle in der Minute den Schneider! Lass Dich herausputzen wie einen Prinz! Ich bezahle, und wenn mein Geld nicht zureicht, streckt mir Madam Vignali hände voll vor. Ich freue mich schon wie ein Kind auf die erste Puppe, wenn meine Herzenspuppe, mein Heinrich, zum ersten Male im Degen, Chapeau bas, seidnem Futter, gestickten Knöpfen, en herisson frisiert, wie ein Adonis vor mir erscheinen wird. Ob dich Dich kennen werde? – Vielleicht nicht mit den Augen, aber mein Herz erkennt Dich gewiss: das hüpft Dir gleich entgegen, sobald Du nur in die stube trittst: es will jetzt schon mit aller Gewalt zur Schnürbrust heraus, und wenn ich das närrische Ding frage, was ihm ist – "er kommt! er kommt!" ruft es und will sich ganz vor Freude zerstossen.
Du musst mit Deinem Putze morgen früh zustande sein; denn morgen mittag um zwölf Uhr sollst Du Madam Vignali aufwarten. Sie hat mich schon auf morgen zu Tische gebeten, und ich hoffe, dass sie selbst so gescheit sein und Dich auch einladen wird. Ich schicke Dir mit diesem Briefe hundert Taler, damit Du die nötigen Unkosten bestreiten kannst; und nun, lieber Heinrich! kaufe, bestelle, lass nähen und arbeiten, und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen darüber zugrunde ginge: ich lass ihn begraben, wenn er sich zu tod näht, und setze ihm auf seinen Leichenstein: 'Ein wackrer Schneider! er nähte hurtig und starb wie ein Held für die ungeduldige Liebe.' – Kann denn ein Schneider wohl eines edleren Todes sterben?
Vermutlich möchtest Du gern wissen, was diese so oft genannte Madam Vignali für ein geschöpf ist! Ich will Dir's sagen, lieber Heinrich, während dass sich Frau Hildebrand, die Überbringerin dieses briefes, die auch inskünftige unsre Botenfrau sein wird, ihre roten Finger an meinem Ofen auftaut. Rundheraus gesagt! es ist die Mätresse meines Herrn: er hält ihrer drei, eine Italienerin, welches die hochbelobte Madam Vignali ist, eine Französin, die Mademoiselle Lairesse heisst, und eine Deutsche, deren eigentlichen Namen ich nicht weiss: weil mein Herr die deutschen Namen nicht leiden kann, hat er sie wegen ihrer rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt, und das ist nunmehr bei jedermann ihr Name. Jede von diesen drei Schönen wohnt in einem andern Teile der Stadt, und ist jede also eine halbe Stunde von der andern entfernt. Des Abends gibt meistenteils Vignali ein kleines Essen für einen kleinen Zirkel guter Freunde, das der Herr von Troppau das Soupér der drei Nationen nennt, weil die andern beiden, Lairesse und Rosier, allemal auch dabei sind. Sie leben sehr einig und freundschaftlich untereinander, besuchen sich oft und haben mich alle drei von Herzen lieb: die Hauptrolle aber spielt Deine künftige Gönnerin, Madam Vignali, weil sie den meisten Verstand hat. Du wirst sie alle nach der Reihe kennenlernen und Dich herrlich bei ihnen befinden; denn sie sind beständig lustig und guter Dinge. Nur Vignali ist ein wenig ernstaft und will gern wie eine grosse Dame behandelt sein. Nimm Deine ganze Galanterie zusammen bei ihr; denn davon ist sie Liebhaberin; aber, Schelm! wenn Du mir nicht bei der Galanterie stehenbleibst! – In ihrer und aller andern Gegenwart sind wir Cousin und Cousine; denn nun musst Du allmählich anfangen, Dein Deutsch zu verlernen und alles französisch zu nennen, auch wenn Du deutsch sprichst. Madam Vignali wird französisch mit Dir reden, weil sie kein Deutsch kann: allein lass Dich das nicht anfechten! Ich habe sie schon vorbereitet, dass Du in der Sprache noch nicht geübt genug bist. – "Ich will ihn schon unterrichten", sagte sie. Mit einer solchen Sprachmeisterin bist Du doch wohl zufrieden? –
Ja doch! gleich, Frau Hildebrand! Ihre Finger können unmöglich schon aufgetaut sein. – Die Frau drängt und treibt mich, dass ich vor Übereilung tausend höchstnötige Dinge vergessen werde. Lass sie Dir einkaufen helfen: sie versteht sich auf die Preise und ist ehrlich.
Ich muss nur schliessen; denn sie treibt schon wieder. – O Heinrich! wer hätte sich in Dresden so überirdisch grosses, so übermässiges Glück träumen lassen? Wer hätte sich nur die Hälfte so vieler, so entzückender Freude vorgestellt? – Ich bin auch so trunken, so wirblicht davon, dass ich taumle: ich glaube, ich phantasiere gar zuweilen. Die Leute sagen immer, dass die Liebe ernstaft macht: Lügen! lauter Lügen! Mich macht sie so lustig, dass ich oft für mich ganz allein lachen muss; und ich bin doch verliebt, das weiss der Himmel! Ich glaube, dass sich alle Liebe, die es nur auf der Welt gibt, in das kleine Fleckchen hier, in mein Herz, zusammengezogen hat. Ich merke auch gar nicht, dass sich jemand ausser uns liebt: hast Du jemanden gesehen? – Nicht wahr? keine Seele! Die guten Leute können nicht: es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern wie auf der Strasse; denn die Mädchen haben keinen Heinrich und die Jünglinge keine Ulrike. Wen ich nur erblicke, der schielt mich an und seufzt in Gedanken: 'Ach, wer so glücklich wäre wie die!' – Sie dauern mich recht, die armen Leute.
Die ungestüme Frau Hildebrand!