Essen zurück, und man musste die Erzählung abbrechen und wieder fremd tun. Überdies war es schon sehr spät, und Ulrike bat, dass sich der Vetter morgen gegen Abend wieder zu ihr bemühen möchte, um ihre Antwort auf den überbrachten Brief abzuholen. Er empfahl sich sehr höflich und ging.
Zweites Kapitel
Herrmann erhielt bei seiner Ankunft zu haus, wohin er erst nach stundenlangem Herumirren den Weg fand, von seinem Kameraden die Nachricht, dass der Diener schon die zehn Dukaten verdient und das Mädchen ins Haus gelockt habe, wo sie heute übernachte: dabei berichtete er auch den Unwillen des Herrn über sein langes Aussenbleiben und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung, dass der Herr willens sei, ihn mit dem Mädchen wieder nach haus zu schicken.
Den Morgen darauf bestätigten sich alle diese Nachrichten: der Kaufmann liess ihn zu sich auf die stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor, dass er nicht zum Kaufmanne tauge und für ihn insbesondere ganz unbrauchbar sei: er habe also sich schon längst vorgenommen, ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von sich zu tun, allein da sich ihm jetzt eine so bequeme gelegenheit darbiete, wieder nach haus zu seinem Freunde Schwinger zu kommen, so solle er sich in Bereitschaft setzen, diesen Nachmittag mit abzufahren. -"Die Anverwandtin des Grafen", setzte er hinzu, "ist gefunden: ich habe sie niemals gesehen, weil sie schon in Dresden war, als ich mich wegen meiner Geschäfte auf seinem schloss aufhielt. Wir sollen sie nicht merken lassen, was mit ihr vorgeht: ich habe ihr also eine Lustreise vorgeschlagen – denn so hat es der Graf ausdrücklich verlangt –, sie hat die Partie angenommen: mein Kuffer wird in dem Tore heimlich hinter der Kutsche aufgepackt; und hab ich sie nur einmal ein paar Stunden von der Stadt, so soll sie schon reisen müssen, wenn sie nicht im guten will. Du musst sie wohl kennen?"
Herrmann. Ja – nicht sonderlich – so ziemlich.
Der Kaufmann. Ich will sie dir hernach zeigen: aber dass du dich nicht von ihr blicken lässt! sie möchte sonst Argwohn schöpfen. Sie hat sich mit dem Bordellwirte veruneinigt und ist, schon ein paar Tage her, für sich in der Stadt herumgewandert: sie sieht hübsch aus, aber es ist ein erzlüderliches Tier. Wenn ich wie der Graf wäre, ich liesse sie laufen und dächte gar nicht daran, dass sie meine Verwandtin ist. Man muss aber das dem Grafen verschweigen: schreibe ja nichts an Schwingern davon, und wenn du nach haus kömmst, tu, als wenn du nichts davon wüsstest! – Sie ähnlicht zwar dem Porträt nicht ganz, aber wie sie gelebt hat! es ist ein Wunder, dass sie sich noch so ähnlich sieht. – Es tut mir leid, dass wir nicht beisammenbleiben können: aber es ist vielleicht zu deinem Glückke: halte dich also bereit! –
Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen für sein Anerbieten und ersuchte ihn nur um die Erlaubnis, sich noch einen oder etliche Tage im haus aufzuhalten: er habe schon längst Abneigung gegen Kaufmannsgeschäfte in sich gefühlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgetan, die er in einigen Tagen anzutreten und wodurch er Sekretär in einem angesehenen haus zu werden hoffte. Der Kaufmann fragte nach dem Namen des künftigen Herrn, und Herrmann nennte ihm einen Geheimerat, auf welchen sich jener freilich nicht recht besinnen konnte, weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte. Er musste noch ein paar fragen von dahin gehörigem Inhalte beantworten, und er log sich glücklich aus der Verlegenheit heraus.
Eine gelungne Lüge verleitet leicht zur zweiten. – Der Kaufmann rief die vermeinte Ulrike zu sich in die stube, und Herrmann musste sie aus dem Kabinette beobachten. Er fand wirklich einige Ähnlichkeit mit Ulriken an ihr, aber nur wer die rechte Ulrike nicht gesehen hatte, konnte die falsche mit ihr verwechseln. Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung; und das Glück, die wahre Ulrike zu besitzen, und die Freude, einen Mann zu kränken, der ihn von jeher gehasst hatte, machte ihn so übermütig keck, dass er versicherte, sie sei es leibhaftig. Nun war aller Zweifel bei dem Kaufmanne gehoben.
Dreimal, viermal glücklicher Herrmann! Kaum vermochtest du dein Glück zu fassen. Von lästigen Beschäftigungen befreit, mit den angenehmsten Aussichten auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt, am Grafen durch eine einzige Lüge gerächt, und vor allen Dingen – in Ulrikens ungestörtem Besitze! einer Verbindung mit ihr, wenigstens in Gedanken, nahe! ohne Furcht, ohne Besorgnis, entdeckt, verfolgt, getrennt zu werden! in der schönsten glänzendsten Stadt Deutschlands! – wenn das nicht dem Glück im Schosse sitzen heisst, was soll es denn sein?
Sein Glück sollte noch höher wachsen: gegen Mittag kam eine Frau und brachte ihm folgenden Brief von Ulriken.
den 27. Jan.
Freude, Freude, lieber Heinrich! Wir kommen einander immer näher. Ich habe heute mit Madam Vignali Deinetwegen gesprochen: sie will Dir, meinen Fenstern gegenüber, in ihrem haus ein Zimmer einräumen, Dich mit Möbeln, Betten und allen übrigen Bedürfnissen versorgen. So viel tut sie mir zu Gefallen; und wenn sie Dich kennt, will sie Dich, Dir zu Gefallen, bei sich speisen lassen. Sie sagte zwar: "Wenn ich ihm und er mir gefällt" – aber das ist gar keine Frage. Das sagt ich ihr auch: "Er muss Ihnen gefallen, oder –