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sah. 'Was soll das werden?' dachte ich. 'Erst eine Nacht, und schon so mitgenommen! Aber was hilft's? Soll der Vogel von selbst wieder in den Käfig fliegen, wenn er einmal heraus ist? – Nein! ich muss nach Berlin oder unterwegs umkommen.' – Ich war an der Stubentür einen Postbericht gewahr worden und las darinne, dass eine Post nach Leipzig den nämlichen Tag von Dresden abging: ich erkundigte mich näher bei der Wirtin darnach. – "Ja, meine Scharmante", sagte sie, "diesen Nachmittag kommt sie hier an" – und zu gleicher Zeit erbot sie sich, alles für mich zu besorgen.

Ich hatte nicht lange auf dem Bette zugebracht, als die Frau zu mir leise herankam und mich fragte, ob ich schlief. Sie tat allerhand seltsame fragen an mich, die ich äusserst kurz oder gar nicht beantwortete, sie fühlte mir an den Puls, an die Backen, an das Herz, an die Füsse und schüttelte jedesmal mit dem kopf, und jedes Kopfschütteln wurde mit einem tiefgeseufzten "Ei! ei!" begleitet. Der Ton und die fragen verdrossen mich, und ich fragte, was sie hätte. – "Ach, meine Scharmante!" fing sie an, "ich habe ein Anliegen: Sie werden mir meine Vorwitzigkeit zugute halten; ich habe ein Anliegen." – "Was denn?" – "Sie sind von Dresden?" – Ich wusste nicht, ob ich Ja oder Nein antworten sollte. "Ich komme daher", sprach ich. – "Legen Sie mir doch meine Vorwitzigkeit ja nicht übel aus, meine Scharmante! Sie sehen mir sehr blass aus, überaus blass." – "Darf man denn nicht blass aussehn, wenn man von Dresden kommt?" fragte ich etwas empfindlich. – "Ei! ei! Ja! ja!" – Das war die ganze Antwort. Ich versicherte sie, dass sie mich böse machen würde, wenn sie ihr Anliegen nicht geradeheraus sagte. – "Um Gottes und aller Welt willen nicht, meine Scharmante!" rief sie, "böse müssen Sie nicht werden: das könnte Ihnen gar leicht Schaden tun. Haben Sie denn etwa, da Sie von Dresden kommenaber Sie müssen meine Vorwitzigkeit ja nicht übel deuten –, haben Sie denn etwa so etwas aufgeladen?" -"Was meint Sie damit?" – "Sie sind doch noch Jungfer, dass ich Ihnen nicht etwa Unrecht tue: oder haben Sie schon einen Mann?" – "Nein!" antwortete ich, ohne sie recht zu verstehn. Endlich tat sie eine so deutliche Frage an mich, die ich schlechterdings verstehen musste und die mich so entsetzlich aufbrachte, dass ich sie gehen hiess und ihr unwillig den rücken zukehrte. Die Frage der Frau erlaubte mir nicht, ein Auge zuzutun, so müde ich war: ich ärgerte und härmte mich über den schrecklichen Verdacht und stellte mir die Nachreden vor, die ich mir in Dresden zugezogen haben würde, und was für gefährliche Mutmassungen ich noch in Zukunft erregen könnte. Ich weinte vor Schmerz und Kummer, verbarg das Gesicht in dem Kopfkissen vor Scham, ich konnte vor Beklemmung kaum atmen: ich fühlte einen wirklichen Fieberschauer. – 'O Gott!' dachte ich, 'wenn du vor Krankheit hierbleiben müsstest! man fände dich! holte dich zurück und sperrte dich wie eine Gefangne auf immer in ein Stift ein! oder zwänge dich, einen Pinsel zum mann zu nehmen, damit du nicht wieder entlaufen könntest!' – Die Vorstellung war mir so fürchterlich, dass ich aufstund und in der stube auf und nieder ging und immer davonlaufen wollte, als wenn ich meiner Angst dadurch entlaufen könnte. –

"arme Ulrike!" sprach Herrmann vor Mitleid. "Wie gern hätt ich deine Angst für dich tragen wollen." –

Ulrike. Indem ich so herumirrte, kam die Wirtin mit einer Flasche Branntewein und zwei Gläsern, schenkte ein und reichte mir das Glas. – "Meine Scharmante!" fing sie an, "Sie waren vorhin auf meine Vorwitzigkeit böse: kommen Sie, wir wollen den Groll zusammen vertrinken." – Ich wollte nicht, aber ich musste einen Schluck tun: die Magd brachte Backwerk, und ich entschloss mich zum zweiten Schlucke, weil mir der erste merkliche Dienste getan hatte. Sie lobte die Güte ihres Tranks und erzählte, wieviel Wunderkuren sie schon damit verrichtet hätte, trank dabei so reichlich, als wenn sie sich von Grund aus kurieren wollte, und kam allmählich auf die Heiratsgeschichte ihres verstorbnen bucklichten Mannes. Sie wurde so aufgeräumt, und ihre Erzählung war so lustig, dass ich meine ganze Angst darüber vergass: die dicke Frau fing an zu tanzen vor Aufgeräumteit und sang sich mit einem klaren, pfeifenden Stimmchen dazu: der Anblick war komisch, um in Todesnöten darüber zu lachen. Ich musste sie bitten, mich zu verlassen; denn das lachen und das starke Getränke machten mich so schläfrig, dass ich den Kopf nicht aufrecht halten konnte. Ich legte mich und schlief glücklich ein. – Bei Tische ass ich mit einem Appetite, als wenn ich bei dem Onkel zu Tafel wäre: die Frau Wirtin erzählte mir ihre Ehe mit dem bucklichten mannlauter drollichtes Zeug! Mir war so wohl, dass ich mich munter und fröhlich des Nachmittags auf die Post setzte: meine Gesellschaft

Eben kam ihr fräulein vom