mir nach seinem Geschmacke fand, war mir sehr angenehm: aber zum Unglücke zog er bei dem heftigen Ausdrucke seines Erstaunens den Strick mit dem fuss bald hierhin, bald dortin, und die Pferde wurden wider seinen Willen eine Anhöhe hinaufgelenkt, dass sich der Wagen schon zu legen anfing: ich schrie, und der Tölpel lachte aus allen Kräften. Endlich verstummte sein Spass: er legte sich, so lang er war, neben mir hin und schnarchte, dass die Toten hätten erwachen mögen. Bei mir war an keinen Schlaf zu denken: immer stellte sich mir meine Entlaufung als etwas Schimpfliches, etwas Strafbares vor, immer deuchte mir, als ob mich jemand vom Wagen risse: meine Angst drängte mich so gewaltig, dass ich mehr als einmal herabspringen und zu fuss nach Dresden zurückgehn wollte. Die Dunkelheit, die Gefahr des Umwerfens – denn der Wagen hing bald auf diese, bald auf jene Seite –, meine innerliche Beklemmung! – O Heinrich! das war eine schreckliche Nacht! Dunkle und lichte Wolken hingen über mir wie grosse Riesen mit flammenden Schwertern, die auf mich herabzustürzen und mich für meine Unbesonnenheit zu strafen drohten. Gegen Mitternacht fing der Wind an zu pfeifen und zu brausen, und die grossen, dicken Wolken liefen wie grosse, ungeheure Elefanten und Löwen und Trampeltiere über den Mond weg: bald sah die ganze Gegend im schnellabwechselnden Mondscheine wie ein Kirchhof aus, voller Gräber und weisser Leichensteine: bald bildete ich mir ein, dass die Pferde in einen grossen Teich hineinstolperten: ich schrie und weckte meinen Gürgen auf, der mich schnarchend versicherte, es wäre weisser Sand. Etlichemal erschrak ich bis zur Todesangst: ein schwarzer, langer Mann lehnte am Wege dort: die Pferde gingen gerade auf ihn los; ich wollte sie immer weglenken. Das ist ein Räuber, ein Mörder! dachte ich: die faulen Pferde gingen sogar langsamer, da wir ihm nahe kamen, als wenn sie's mit ihm abgeredet hätten, damit er mich desto besser auf den Kopf schlagen könnte. Der Wagen war noch einige Schritte von ihm, so schoss plötzlich eine schwarze Figur dicht an mir vorbei über den Wagen weg: ich bebte und konnte nicht schreien, als wenn mich der Mörder schon bei der Kehle gepackt hätte. Nach einigen ähnlichen Auftritten kam ich dahinter, dass meine Mörder Bäume und die schwarzen Figuren, die über den Wagen dahinliefen, Schatten von Wolken waren, die der Wind über den Mond jagte. Oft schien die ganze Gegend ringsherum von Menschen zu wimmeln: sie hüpften, sie sprangen, sie tanzten, manche schwarz, manche weiss: die weissen fletschten die Zähne, und zuletzt wurden es in meinen Augen leibhaftige Totengerippe: ich hörte die Knochen klappern, wenn sie im Tanze aneinanderstiessen: sie kamen immer näher, immer näher: die Zähne klapperten mir vor Furcht wie den Toten die Knochen; und dabei fuhren die langen Schatten immer unter ihnen durch wie schwarze Teufel, die sie wegführten. Deine, des Onkels, der Tante stimme hab ich unaufhörlich im Winde gehört: Tante Sapperment fluchte, und du riefst mir nach: "Warte, warte Ulrike!", ich hörte dich keuchen, dich auf den Wagen springen: ich erwachte und erkannte meine Vorstellungen für Traum oder Wind.
Ein neues Unglück! Mein Bauer wachte auf und versicherte, als er sich umsah, dass seine Pferde den Weg verfehlt hätten: er ging einen Fleck voraus, um gewissere Nachricht einzuziehn, und brachte keine bessere zurück, als dass wir auf einem falschen Wege wären. dafür wurden dann die armen Tiere trefflich ausgescholten, aber nicht bestraft: es war nichts zu tun, als gerade bis zu einem dorf fortzufahren. Es geschah: wir langten nach einer beschwerlichen Fahrt über Stock und Stein in einem dorf an und erfuhren vom Nachtwächter, dass unser Umweg nicht weniger als zwo Stunden betrug. Mein Gürge lachte von Herzen über den Eselsstreich, wie er es selbst nannte, und beteuerte seinen Gaulen, dass sie's nicht dümmer hätten machen können, wenn sie gleich Esel wären. Demungeachtet bekamen sie ein kleines Futter, und erst am Morgen trafen wir in dem Städtchen ein: hier erfuhr ich, dass mein Gürge der Knecht eines dortigen Bürgers war; denn er bat sich meinen Gulden aus und brachte mich zu Fuss in ein Wirtshaus, damit es sein Herr nicht gewahr würde, dass er sich nebenher mit seinen Pferden etwas verdient habe. – "Hol mich der Six! er zieht mir's am Lohne ab" – sprach er und empfahl mich der Wirtin zu guter Pflege.
Sonst hielt ich's immer für eine leichte Kunst, in die Welt hineinzulaufen: aber wie schwer fand ich sie jetzt! Die Wirtin meinte es ausserordentlich gut mit mir und bereitete mir das köstlichste Frühstück, das sie aufbringen konnte; aber, aber! jeder Tropfen wurde mir Galle, jeder Bissen ekelhaft: alles Geschirr war reinlich, aber war's nicht genug für mich. Ich hatte mich auf dem offnen Wagen die Nacht hindurch erkältet, war wie zerschlagen am ganzen leib, spürte Mattigkeit und Hitze in mir und bat mir deswegen ein Bette aus, auf welches ich mich warf, ohne Frühstück noch Nachsetzung zu achten. Die gute Frau sah mich immer bedenklich an und tat Ausruf über Ausruf wegen meiner Blässe. Schlaflosigkeit, Wind, Herumschütteln des Wagens und Erkältung hatten mich wirklich so bleich gemacht, dass ich vor mir selbst erschrak, als ich in den Spiegel