sie sich sicher und frei: aber ihre Herzen waren zu überströmend voll, dass sie noch lange schwiegen und viel zu reden glaubten, weil sie innerlich mit sich selbst sprachen. Bei Ulriken löste sich zuerst die Zunge.
"Es ist mir schon lange eingefallen", fing sie an, "ob mich nicht die Frau verraten haben möchte, die mich von Leipzig nach Dessau brachte. Vergeblich hab ich zwei Tage in Leipzig auf dich gewartet: hast du mein Billett vor meiner Abreise von Dresden nicht empfangen?"
Herrmann. Empfangen, aber unglücklicherweise durchaus verwischt! Nachgeflogen wär ich dir; aber das fatale Blatt sagte mir alles, nur den Ort nicht, wohin ich sollte. – Wie konntest du so ein Wagestück unternehmen?
Ulrike. Es hat mich Überwindung genug gekostet. Man schrieb mir, meine Mutter wäre schon unterwegs, um mich ins Stift abzuholen: einen so nahen Besuch konnte ich unmöglich abwarten: ich ersah mir die gelegenheit und wischte fort. Ich hatte mir schon lange vorher vorgenommen, wenn die saiten zu hoch gespannt würden, nach Berlin zu gehen und mich als Kammermädchen zu vermieten. Tante Sapperment hat eine alte Landkarte von Obersachsen, auf Leinwand geklebt und noch vom seligen Herrn Gemahle angekauft: jetzt wird sie zuweilen statt des Strohtellers unter die Schüsseln gelegt: auf dem alten berussten Blatte suchte ich mir den Weg nach Berlin zusammen. Eine Kappe über den Kopf, ein Reisebündelchen am arme, in Saloppe und Negligé wanderte ich zum Tore hinaus: meine Tante war zum Souper gebeten, Hans Pump ausgegangen, die Köchin in ihrer kammer: es ging mir alles nach Wunsche. In der Vorstadt treffe ich einen Bauerwagen, der vor einem wirtshaus hält. – "Willst du denn noch so spät nach haus, Gürge?" fragte ein Mensch, der vermutlich der Hausknecht oder gar der Wirt sein mochte, und trank dem Bauer einen Krug zu. – "Ja", antwortete Gürge, "es ist aber heint verzweifelt dunkel." – "Narr! du wirst dich doch wohl nicht fürchten?" fing jener wieder an. "Bis Wilsdruf ist's ja nicht aus der Welt." – Die Nachricht war mir gar sehr gelegen: da der Wirt gute Nacht gesagt hatte, ging ich leise zu dem Bauer hin und bot ihm einen guten Abend. – "Gürge, willst du mich mit nach Wilsdruf nehmen? Ich gebe dir einen Gulden." – Gürge lachte und wunderte sich, dass ich ihn so genau kannte. – "Wer ist Sie denn?" fragte er. – Eine Pfarrerstochter aus Meissen: ich will eine gute Freundin besuchen. – "Ist Sie denn schwer?" fragte der drollichte Schäker und hub mich in die Höhe. "Ach! dass mich das Schäfchen bisse! Das ist ja eine Feder: Sie wird mir die Pferde nicht lahm machen" – und mit diesen Worten warf er mich so leicht wie ein Bündel Stroh in den Wagen hinein, machte mir einen Sitz und gute Nacht Dresden! Mir klopfte mein Herz, dass ich dachte, die Schnürbrust würde es nicht halten können. Im Tore raffte ich mich, so gut es sich tun liess, zusammen, zog die Kappe tief über das Gesicht, dass man nicht viel sehen konnte, ob man mir gleich ins Gesicht leuchtete: ich antwortete richtig auf alle fragen, und kam mit meiner Erdichtung durch. Heinrich, wie froh ward ich, da wir ausser dem Schlage waren! Die Furcht sass zwar hinter und vor mir und auf allen Seiten, und mein armes Herz pochte wie eine Uhr. Jeden Augenblick dachte ich: jetzt wird man mich zu haus vermissen! jetzt wird man mir nachschicken! Das beste war, dass die Oberstin den Abend vor zwölf nicht nach haus kam und mich vermutlich im Bette glaubte: demungeachtet war mir nicht wohl dabei zumute. Ich ermahnte und bat den Bauer inständigst, hurtig zu fahren: allein er meinte, wir hätten ja nichts zu versäumen, zündete sich ein Pfeifchen an und kam zu mir in den Wagen. Wie ward mir nun vollends bange! die Stricke, woran er die Pferde lenkte, band er sich an den Fuss und beliebte, sich und mir die Zeit mit einer galanten Schäkerei zu vertreiben: er schlang seine plumpen arme um meinen Leib –
"Der Bauerkerl!" unterbrach sie Herrmann erhitzt.
Ulrike. Ja, ja, lieber Heinrich! der Bauerkerl! wenn du eifersüchtig werden willst, warte nur: es wird bessere gelegenheit dazu kommen. Sieh, du Eifersüchtiger! so schlang er die plumpen arme um mich, wie ich dich jetzt umfasse. –
"Ha, ha, ha", fing er lachend an, "dass dich alle Rotkehlchen! Sie ist ja so dünne wie mein kleiner Finger. Sie nehm ich in die Hand und trag Sie bis nach Leipzig und Merseburg. Wie könnt Sie denn nun so dünne sein? es ist ja gar nichts an Ihr." – Als er vollends meine Hand ergriff, brach er in lautes lachen aus und wälzte sich vor spottender Verwunderung. – "Ach, dass du mir nicht aus der Haut hüpfst!" rief er. "Das Patschchen wäre mir, mein Seel! kaum ein Bissen zum Morgenbrote. Dass dich alle Nachtmützen! was das für Fingerchen sind! Es ist, hol mich der Six! als wenn einem vier Regenwürmer in der Pfote lägen." – Dass er nichts an