? Wir können ja kaum mit der Gegenwart zurechtekommen. Mache nicht, dass ich auch zum Murrkater werde! hernach ist's gar mit uns aus. Wir haben so nicht viel Freude zuzusetzen.
Herrmann. Aber sage mir nur, Ulrike, wo ich die Freude hernehmen soll! Ein elender Kaufmannsbursch, vom Morgen bis zum Abend dem Befehle und Zwange unterworfen, zu widrigen, langweiligen, schlechten Verrichtungen genötigt, der es kaum wagen kann, dich zu lieben, sobald er bedenkt, was er ist – ein Unglücklicher, dem nichts auf der Welt gelingt, ohne Beruf, ohne Stand, ohne Ehre, ein Verachteter, Herabgesetzter, ein Irrläufer, der seine Bestimmung sucht und sie nie finden kann –, solch ein Kind des Unglücks soll sich freuen? Wie kann das Ross springen, wenn es im Karren ziehen muss?
Ulrike. Warte, armer Heinrich! warte, ich will dich ausspannen. Sage deinem Kaufmann noch heute, dass du nicht länger sein Junge sein willst. Ich habe jährlich zweihundert Taler, alle Bedürfnisse frei und bekomme Geschenke über Geschenke: die zweihundert Taler sind dein, ganz dein: miete dir eine wohnung, lebe für dich! Freunde und Patrone will ich durch unser Haus schon für dich finden; und dann ist uns beiden geholfen: was sollen wir weiter? – Du armer, lieber Kaufmannsjunge! wie bist du denn in das Leben geraten, da du keinen Gefallen daran findest? Warum bist du so misstrauisch gewesen und nicht gleich, wie du gingst und stundst, nach Berlin gekommen, als ich dir schrieb?
Herrmann. Als du mir schriebst? – Nicht eine Zeile von deiner Hand hab ich empfangen.
Ulrike. So ist doch wahrhaftig dein Doktor des Hängens wert. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft in Berlin hab ich dir mit dieser meiner rechten Hand geschrieben, dass du nach Berlin kommen sollst, und dir ein Haus angezeigt, wo wir uns finden wollten. Gut, dass ich damals meine itzige Station noch nicht hatte! Den Brief hat der unselige Doktor aufgefangen und der Oberstin zugeschickt –
Herrmann. Zuverlässig! denn Schwinger berichtete mir, dass die Oberstin deinen Aufentalt ausgekundschaftet habe – Ulrike. Und Tante Sapperment hat den aufgefangenen Brief an die Tante Gräfin geschickt – Herrmann. Und der Oberstin Brief ist in die hände des Grafen geraten, das schrieb mir Schwinger – Ulrike. Und nun hat der Graf mein Porträtchen hergeschickt, um mich aufsuchen zu lassen – Herrmann. Und nun hat sich jemand gefunden, der dem Porträt ähnlich sieht – Ulrike. Und diesen Jemand wird man statt meiner dem Grafen schicken. – Das ist die ganze geschichte Wort für Wort, als wenn ich ihr zugesehn hätte. Herrmann. Gewiss, das ist sie! – O der Freude, dass uns das Glück so wohlwill! Ulrike. Überglücklich sind wir! – Bedenke nur, was das für eine Lust sein muss, wenn sie denken, sie haben Ulriken im Garne und – pah! da kommt ein Jüngferchen heraus, das sowenig ihre Ulrike ist wie der Karpfen, den wir heute gegessen haben! Herrmann. O welche köstliche Szene! Ich muss lachen, wenn gleich der Kopf darauf stünde. – Sie lachten auch beide so herzhaft und priesen den glücklichen Zufall mit so vieler Fröhlichkeit, dass sie den Bedienten nicht kommen hörten, als er mit dem Tischzeuge anlangte, um zu decken. Sobald sie ihn gewahr wurden, nahmen sie wieder die Miene des Zwangs und der Fremdheit an.
Ulrike. Herr Vetter, Sie werden mir die Ehre erzeigen und heute bei mir speisen.
Herrmann. Wenn Sie erlauben, Mamsell, werde ich die Ehre haben, Ihnen Gesellschaft zu leisten. –
Man schwieg; der Bediente deckte, ging: und nun laute Freude und inniges Gelächter über die komplimentarische Betrügerei!
Ulrike. Ich habe dir deinen Namen den ganzen Weg über gestohlen: um des Diebstahls willen verklagst du mich wohl nicht? – Ich kriege ja doch den Namen einmal: was schadet's, ein paar Jahre früher, als er mir von Gott und Rechts wegen zukömmt?
Herrmann. Ich möchte, dass er dir schon jetzt vor aller Welt zukäme! – Aber warum ein paar Jahre früher? Nunmehr können wir die Entfernung unsers Glücks nur nach Wochen berechnen.
Ulrike. Du hast recht, Heinrich. Was das für eine alberne Rechnung war, die ich machte! Du hast recht: was will uns denn nun hindern? – Der Graf kriegt ehester Tage eine Ulrike: wenn's auch gleich nicht die Rechte ist, was liegt denn daran? Er mag sie dafür behalten und ihr alle seine Gnade und seinen Zwang schenken. – Nun sind wir ja alle befriedigt: er hat eine Ulrike und ich meinen Heinrich. – O du allerliebster Kaufmannsjunge! wir sind glücklich wie die Engel!
Herrmann. Glücklich, dass mein Herz vor Wonne schmelzen möchte! –
Der Bediente unterbrach abermals ihre Freude: er brachte die Suppe.
Ulrike. Wollen der Herr Vetter die Gewogenheit haben, Platz zu nehmen?
Herrmann. Ich werde das Vergnügen haben, Ihnen gegenüberzusitzen. –
In diesem Tone mussten sie sich während der Suppe erhalten, weil sie der Bediente nicht verliess. Das war eine drückende Last: Ulrike machte ihm also weis, dass seine Gegenwart anderswo nötig wäre und dass er deswegen das ganze übrige Essen zugleich aufsetzen sollte: das alte, faule geschöpf liess sich so etwas mit Freuden überreden und folgte ihrem Rate. Nun sahen