minutenlange Stillschweigen und berichtete, dass er die Ehre habe, der Mamsell Herrmann einen Brief zu überbringen. – "Gleich, Herr Vetter!" rief Ulrike: dort flog sie hin.
Herrmann freute sich seiner verliebten List und der glücklichen Gemütsfassung, womit er sie ausführte: er musste lange warten. Jetzt schwebte seine Göttin in dem seidnen, schlanken Anzuge, leicht wie auf den Fittichen der Luft, durch den dämmernden Korridor daher: ihr glühendes Gesicht leuchtete von fern wie der aufgehende Mond hinter rötlichen Abendwolken. Vom Laufen erschöpft, bat sie ihn, ihr zu folgen. So zeremoniös wie einen Fremden, führte sie ihn in ihre stube; und nun – weg waren alle Komplimente! Sie warf sich ihm um den Hals, er ihr; ihr Gesicht lag auf seiner Schulter, das seinige an der ihren: "Willkommen, Herzensheinrich!" schluchzte sie in sein Kleid hinein, "tausendmal willkommen, Herzensulrike!" antwortete er mit der nämlichen Dumpfheit der stimme. –
Ulrike riss sich los. "O dass ich dich habe!" rief sie. "Dass ich dich hier habe, wo uns niemand kennt, niemand hindern kann!"
Herrmann. Wohl mir, wohl wie im Himmel, dass ich dich habe! – Aber wehe uns, wenn wir uns nicht behalten dürfen!
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, mache mich nicht wehmütig! Wozu denn nun jetzt das Flennen? Ich war so lustig, ich hätte mögen über Tisch und Stühle wegspringen: da schlägst du mir gleich meine Wonne mit deinem schwermütigen 'Wehe!' danieder. Ich glaube, die Freude macht dir den Kopf wirblicht. Besinne dich doch! Ich bin ja da: was willst du denn weiter?
Herrmann. Glücks genug! so wahr ich lebe, Glücks genug! Aber du weisst nicht, was ich fürchte! doppelt fürchte!
Ulrike. Was hast du denn so Fürchterliches zu fürchten? Und gar doppelt? – Also zum ersten?
Herrmann. Man sucht dich: Onkel und Tante wissen, dass du hier bist: sie versprechen demjenigen, der dich findet, zehn Dukaten –
Ulrike. So wohlfeil bin ich ihnen?
Herrmann. Noch mehr! Jemand, dem nach diesem Preise lüstet, gibt entehrenderweise vor, dass er dich in einem schändlichen haus gesehen habe, und verspricht, dich zu liefern – Er schwört, dass diejenige, die er genau kennen will, deinem Porträte, das der Onkel an einen Kaufmann geschickt hat, damit er dich nach ihm finden soll –, dass jene person deinem Porträt auf ein Haar ähnlich sieht; und sobald sie in seiner Gewalt ist, wird sie fortgeschickt.
Ulrike. Lass sie schicken! lass sie schicken! Ich wollte, dass sie mir wie aus den Augen geschnitten gliche.
Herrmann. Aber bedenke, Ulrike, welchem Rufe dich diese falsche Nachricht aussetzt! wie der Graf zürnen wird, wenn er sich so schändlich hintergangen sieht!
Ulrike. Lieber Heinrich, das sind zwei Sachen, an die wir wahrhaftig nicht denken müssen, wenn wir Lust haben, uns zu freuen. Ein Mädchen, das ihrer Tante heimlich entlaufen ist, muss mit dem Rufe vorliebnehmen, der ihr zuteil wird: wenn sie sich nicht damit trösten kann, dass sie keinen bösen verdient, so muss sie zu haus bleiben, in ein Stift gehen oder einen Stock heiraten, wie ihn der liebe Gott beschert. – O Heinrich! mannigmal mitten in meiner Lustigkeit sticht mich's wie ein Dorn am herz, wenn mir der Gedanke durch den Kopf fährt, dass ich von allem dem Kummer und Herzeleid und Zank und Lärm die Urheberin bin: aber der Schritt ist einmal geschehn: ja, Heinrich, so sehr ich dich liebe, sollt ich ihn noch tun, ich bedächte mich. Ein entlaufnes Mädchen und ein lüderliches werden gar leicht miteinander verwechselt – und dann! so schüchtern wie ein gescheuchtes Reh herumzuirren, immer fürchten, dass man gehascht wird, zwischen Schimpf und Misshandlung eingesperrt – Gott weiss es, ein trauriges Leben! – O Heinrich! Heinrich! weinen sollten wir, nicht lachen: ich schien mir nur glücklich, weil ich nicht an unser Unglück dachte.
Herrmann. Du schienst dir's nur? Du bist's! Aber ich – ich werde es nie.
Ulrike. Warum nicht? – Leidest du Not? Heinrich, sprich! Du Verzagter, so härme dich doch nicht! Ich habe Geld, Geld in Menge, Geld, ich weiss nicht wohin damit! ich will dich kleiden, will deine Taschen füllen, will herzlich gern Pelz und alle Kleider verkaufen, wenn dir's nicht genug ist: sprich! und der Jude soll gleich da sein: nur ängstige mich nicht und sage, dass du unglücklich bist!
Herrmann. Ulrike, ich bin glücklich bei dir, mit dir, durch dich: aber in meinem herz fasst auch dies Glück keine Wurzel. Nimm ihm so viele Leidenschaften, die es zusammenpressen, dass mir der Atem vergeht, die Begierde, die mich immer vorwärts zieht, die mich an die Zukunft fesselt und die Gegenwart nicht fühlen lässt! dann erst machst du mich fähig, glücklich zu sein.
Ulrike. Sage mir nur, woher dir die unselige Laune kommt! Du warst sonst so munter: ich wette, du bist bei dem Doktor Nimmersatt – oder wie dein Doktor in Dresden hiess – so ängstlich geworden. Was bekümmert dich die Zukunft