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loben wie der alte Franzose; und fand man gleich in der Folge weniger Schönheit an ihr, so hielt doch ihre Naivität und ungekünstelte Munterkeit dem ersten heftigen Eindrucke so sehr die Waage, dass man seine Verminderung nicht sonderlich wahrnahm oder wahrnehmen wollte.

So richtig zeichnete freilich weder der Franzose noch Herrmann, ob sie gleich den ganzen fünften Akt über dem Gemälde ihrer Göttin verplauderten: der Maler erbot sich, sie zu malen, lud Herrmannen zum Abendessen zu sich ein und versprach ihn en buste et en demi-figure gratis zu malen, wenn er ihm die Ehre verschaffte, ihr Porträt zu machen. Herrmann schlug nicht ab und sagte nicht zu; denn eben, als sie auf diesen Handel kamen, machten die Schauspieler ihre Verbeugung, und der Vorhang rollte herab: ohne die Ankündigung abzuwarten, drängte sich Herrmann ungestüm durch die Bank, der Franzose hinter ihm drein: da standen sie beide an der äussersten Tür und lauerten! Es kamen rotgemalte und weissgetünchte Damen und gelbe, hustende Herren in Pelze gewikkelt, Laufer schwangen die fackeln, Bediente kreischten mit rauhen Hälsen den schlummernden Kutschern zu, die wartenden Herren klagten über Kälte und ihre Damen über Nässe, Kutschen rollten dahin, rollten daher; geblendete Fussgänger krochen an den Wänden hin, den trampelnden Rossen zu entgehn; andre schrien, erschrocken, dass sie an Pferdeköpfe rennten; hier lauschte ein frierender Liebhaber auf seine verzögernde Schöne, dort ein brummender Ehemann auf die plauderhafte Gattin; hier wurde mit leisem Gezischel eine Nacht bedungen, dort um bessern Kredits willen eine bezahlt; ein gähnender Kopf klagte da über die Langweiligkeit des Stücks und beschwerte sich, dass er nur zweimal im ganzen Trauerspiel gelacht habe; hinter ihm lobte eine empfindsame, seufzende Schöne das Rührende des Schauspiels, sie war gerührt worden, ach! gerührt, dass ihr noch die Tränen über die Wangen flossen; vor ihr drängte sich eine rauschende Französin am arme ihres Anbeters vorüber – "Ah!" schrie sie, "cette piese m'a dechiré le coeur" und brach in ein lautschallendes Gelächter aus, weil sie ihr zweiter Anbeter von hinten galant in die Seite knipp: ein deutscher Kritikus lachte des matten französischen Ausdrucks, der drei Einheiten und des tragischen Kreischens, und ein französischer bewies ihm mit hitziger Demonstration aus dem Batteux, dass die Franzosen die besten Trauerspieldichter auf der Erde sind: schöne Eheweiber, die von dem händeküssenden und scharrfüsselnden Haufen ihrer Liebhaber Abschied nahmen, während dass der Mann grunzend in der Kutsche auf sie harrte: schnatternde Franzosen und schweigende Deutscheein verwirrter Haufen in mannigfarbiger Mischung quoll aus allen Türen hervor: das Gedränge wurde schon dünne: noch war Ulrike nicht da. Der Maler guckte jeden Augenblick mit langem Halse nach ihr, und Herrmann fürchtete schon zitternd, dass er sie übersehn habe. – "Ah! voilà notre Princesse!" schrie der Maler. Sie kam, aber o ihr guten Götter! – von einem Offizier geführt: Herrmann wurde totblass vor Schrecken. Sie sprach sehr munter mit ihrem Führer, ohne sich umzusehn: der Offizier nahm mit einem Händekuss Abschied, und sie schwang sich federleicht in den Wagen hinein. Nun hatte der arme übersehene Herrmann nichts Geringers zur Absicht, als dem Wagen aus allen Kräften nachzulaufen, um ihre wohnung zu erfahren: er sprang also die Treppe hinunter, der Maler ihm nach. "Ecoutez, Monsieur!" rief er und ergriff ihn bei dem Rocke: der brennende Verliebte riss sich los, dass alle Nähte des Kleides prasselten, und nun in einem Galoppe hinter dem geliebten Wagen drein! Von Neid und Besorgnis über den Offizier gequält, von der Fackel des aufstehenden Bedienten mit einem glühenden Pechregen übersprützt, keuchend und stolpernd, setzte er den langen Lauf standhaft fort, durch Pfützen, Kot und Schlammhaufen, dass beständig ein feiner Hagelregen von Unflat auf sein Gesicht und Kleidung herabstürzte: der Weg ging durch die Königsstrasse über die brücke hinweg und noch durch einige Strassend der Vorstadt. Der Wagen hielt: Ulrike eilte mit ihrer jungen Begleiterin lachend und schäkernd die breite Treppe hinan.

Sich in so höchst beschmutzter Gestalt in ein so schönes Haus zu wagen, dazu gehört viel: aber seinem Wunsche so nahe, sich über so mannigfaltige Unruhen und Besorgnisse kein Licht zu verschaffen und ganz unverrichteter Sache wieder abzuwandern, dazu gehörte noch mehr: er entschloss sich kurz und wagte sich die Treppe hinan. Bediente liefen geschäftig mit dem Abendessen, mit Tellern und Lichtern auf dem Vorsaale hin und wider: er erkundigte sich bei einem nach der Gouvernante der fräulein. "Die Mamsell Herrmann?" fragte der Bediente, "eine Treppe höher, über den Flur weg, rechts, am Ende die grosse Tür hinein, über den Saal linker Hand die dritte Tür!" – plappernd sprach er dies und ging seinen Weg.

Himmel! das war eine Tagreise: Er wiederholte sich die angezeigte Marschroute und wandelte die Treppe hinan, den ganzen langen Flur durchjetzt hörte er Ulrikens stimme, die grosse Tür öffnete sich, sie kam heraus, ihr fräulein an der Hand, schäkernd und lachend: sie erblickte Herrmanns beschmutzte Figur, dicht an die Wand gedrückt, sah halb schüchtern, mit gerecktem Halse stillstehend, nach ihm, erkannte und erschrak, dass sie aus aller Fassung geriet. Die junge fräulein bestürmte sie mit einer kindischen Frage nach der andern, wer es sei, und drückte sich furchtsam mit dem Kopf an Ulrikens Seite: es antwortete ihr niemand. Endlich brach Herrmann das