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eine unaufhörliche Unterredung für die beiden Liebenden: Herrmann war Titus, und Ulrike machte sich zur Bérénice: jede Süssigkeit, jeder Ausdruck der Zärtlichkeit, jede Versicherung der Treue, jede Sentenz, die mit ihrem beiderseitigen Zustande übereinstimmte, wurde unmittelbar, wie sie aus dem mund der Schauspieler heraustönte, in Gedanken von beiden wiederholt und mit einem Blicke von ihm zu ihr hinauf oder von ihr zu ihm herab auf ihren Zustand angewendet.

Titus: Ach! welcher Liebe soll ich mich entschlagen!

Paulin: Ja, leider! einer glühend heissen Liebe!

Titus:

O tausenfältig heisser ist sie, Freund,

Als du dir denken kannst. Mir war es Wonne,

Sie jeden Tag zu sehen, zu lieben und ihr zu

gefallen.

–––

Titus:

Ich kenne sie, ich weiss, dass nie ihr Herz

Nach einem andern als nach meinem strebte.

Ich liebte sie, gefiel ihr, und seit jenem Tage

Soll ich ihn traurig oder glücklich nennen? –

Verlebt sie, fremd in Rom und unbekannt dem

hof,

Die Tage, liebt und wünscht kein grössres Glück,

Als eine Stunde mich zu sehen,

Die übrigen mich zu erwarten.

–––

Ich sehe sie, benetzt mit Tränen,

Die meine hände trocknen sollen.

Was nur die Liebe kennt, um mächtig stark zu

fesseln,

Kunstlose sorge, zu gefallen, Schönheit,

Tugend

Oh, alles, alles find ich in ihr! – –

Während dieser geheimen Unterredung schien die ganze Versammlung vor Herrmanns Augen zu schwimmen: Lichter, Kulissen, Menschenköpfe tanzten in schwebender Verwirrung wie trübe, ferne Schatten vor ihm herum: das einzige Bild, das seinen ganzen Horizont füllte, das deutlich und bestimmt durch die Augen bis zur Seele und zum völligen hellen Bewusstsein gelangte, war Ulrike. Bérénice war für ihn das höchste Ideal eines schönen Schauspiels, und Schauspieler und Schauspielerinnen schienen ihm Apoll mit den neun Musen, die in eigner person herabgestiegen waren, das schönste Stück meisterhaft zu spielen. Seine Nachbarn dachten zwar hierinne ganz anders, und es flogen von allen Seiten lustige Einfälle über die spielenden Personen um ihn herum: allein für ihn war dieser Widerspruch nicht hörbar. Nichts belästigte ihn als der Maler, der so gern um Ulrikens willen seine Bekanntschaft machen wollte: denn er sprach nicht bloss mit dem mund, sondern noch mehr mit dem Ellebogen, und beschwerte sich zornig bei seinen Nachbarn über die Unhöflichkeit des Menschen, der ihm nur mit unwilligen Mienen oder gar mit einem erzürnten "laissez-moi" antwortete. Es lag ihm um soviel mehr daran, seinen Zweck zu erreichen, weil seine Bekannten sich über ihn lustig machten und gleichsam mit Bonmots nach ihm warfen.

Da Ulrike merkte, dass man mit allen Augen, Gukkern und Lorgnetten aus dem Amphiteater nach ihr zielte und dass man nunmehr alle diese Sehwerkzeuge auch im Parkett und den Logen nach ihr richtete, befand sie für gut, ihren Stuhl zurückzuschieben und sich so zu setzen, dass sie nur für sehr wenige sichtbar blieb. In dieser Pause gelang es dem Maler wirklich, den müssgen Herrmann ins Gespräch zu ziehen. – "Monsieur, connoissez-vous cette Dame?" fing er an. – "Ob ich sie kenne?" fragte Herrmann mit pikiertem Tone. "So gut als mich!" – "Ah!" brach der Maler abermals in ihr Lob aus, "quels yeux! quel front! quelle bouche! quel joli tour de visage!"

Herrmann. So viel Geist in der Miene! So viel Feuer im Auge!

Der Franzose. Quel teint! quel nez!

Herrmann. Und die feine zarte Haut! so sanft, so annehmlich wie ihre Seele!

Der Franzose. Quelle gorge! – Je vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse (und dabei zog er alle fünf Finger über den Mund weg).

Herrmann. Sie haben die hände noch nicht gesehen: so weiss, so fleischicht, von einem so liebevollen Drucke, dass man nicht denkt, hört noch sieht, wenn man von ihnen berührt wird.

"Diable!" schrie der Maler und fing mit seinem Lobe wieder von vorn an. Für die Nachbarn war es ein wahrhaftes Lustspiel, die beiden Leute so unerschöpflich und inbrünstig um die Wette einen Gegenstand loben zu hören: einer redete in den andern hinein und wollte ihn übersteigern. Beide zeichneten freilich als Verliebte, aber Herrmann noch am treffendsten. Ulrikens Bildung war in Ansehung der einzelnen Teile nicht schön: ein strenger Beurteiler würde vielleicht an jedem, für sich betrachtet, etwas zu tadeln gefunden haben: aber in der Zusammensetzung bildeten sie vom Kopf bis zu den Füssen das niedlichste Ganze: in jeder Bewegung war Geist, ihre Miene beständig sprechend und oft stärker sprechend als ihre Worte, ihr Gesicht ein abwechselndes Gemälde von kleiner, mutwilliger Lustigkeit und Guterzigkeit, und der immer bleibende Grund, auf welchem dieses Gemälde sich zeigte, eine ausgebreitete, schuldlose Heiterkeit: ob sie gleich in ihren Bewegungen und Handlungen oft bis zur Unbesonnenheit rasch war, so wurde doch selbst diese Raschheit von einer gewissen Anmut begleitet, von Sanfteit so gemildert, dass jemand von ihr sagte, sie habe zwei Seelen, eine männliche und eine weibliche. Ihr Wuchs und der feine Gliederbau war vielleicht die einzige körperliche Schönheit, die sie auszeichnete: von der äussersten Fusszehe bis zum Wirbel schwebte Anstand und Reiz wie ein Paar Liebesgötter mit ausgebreiteten Fittichen um sie her. Ihr erster Anblick überwältigte: man musste schlechterdings mit solcher Ergiessung