.
"Ach!" – tat die Frau einen lauten Schrei vor Freude.
Der Mann. Aber ich hab es ihm rund abgeschlagen.
Die Frau. Abgeschlagen! – (Dies sprach sie mit der leisen erlöschenden stimme eines Kranken, der eben abscheiden will: in den Augen zogen sich schon eine Menge wehmütige Feuchtigkeiten zusammen.)
Der Mann. Mein Junge soll nicht so ein Taugenichts, so ein Tagedieb werden wie die Schlaraffengesichter, die da beständig hinter dem Grafen dreinziehen.
Die Frau. So eine hohe Gnade! und abgeschlagen! – Du bist ein recht ungeschliffner Mann – (wobei er einen wegstossenden Schlag von ihrer Hand bekam).
Der Mann. Der Graf mag seine Gnade für sich behalten; ich brauche sie nicht. Nicht den Hut nehme ich dafür ab. – Wo willst du hin, Nillchen?
Die Frau. Zur Gräfin Frau, um ihr zu sagen, dass mein Mann den Verstand verloren hat! –
"Nillchen! bleib hier!" antwortete er ganz gelassen und zog sie bei dem Rocke von hinten auf die Bank zurück. – "Wenn du einen Schritt tust, Nillchen", fuhr er mit gesetzgebendem Ton fort, "um den Jungen bei der Gräfin anzuschmarotzen, so schliess ich ihn oben in den grossen Kleiderschrank, dass ihn der Teufel nicht herauskriegen soll, solange ich nicht will; und müsst er gleich darinnen verschmachten."
Die Frau. Das kannst du: ich gehe doch. Ich will deine Grobheit nicht auch auf mich kommen lassen. –
"Nillchen", sagte der Mann mit dem nämlichen kalten Blute und zog sie auf die nämliche Art bei dem Rocke zurück -"da halte meinen Stock! ich komme gleich wieder. –"
Sie setzte sich; er ging und kam nach einigen Minuten zurück. – "Nun kannst du zur Gräfin gehen", sprach er trocken, nahm ihr seinen Stock ab und setzte sich.
Die gute Frau vermutete wohl hinter dieser plötzlichen Sinnesänderung einen bösen Streich und ging also mehr aus Neubegierde, um zu sehen, ob er wirklich die Tollheit begangen habe, den kleinen Heinrich einzuschliessen. Sie rief an dem Kleiderschranke und in allen Winkeln: nirgends war ein Heinrich, der ihr antwortete. Ihre Empfindlichkeit wurde durch dieses hämische Verfahren noch mehr gereizt – denn sie glaubte wirklich, ihr Mann habe ihn irgendwo versteckt – und wollte ihren Willen deswegen schlechterdings durchsetzen: hastig warf sie einen teil ihres Negligés von sich und wollte sich anputzen, um zur Gräfin zu gehen. Sie eilte zur Kommode – sie war verschlossen: zum Schranke – er war verschlossen. Nun merkte sie wohl die Bosheit: ihr Mann hatte ihr vorhin, als er sie verliess, alle Kleider eingeschlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt.
Sie wusste nicht, ob sie zu ihm zurückgehen oder bleiben sollte: endlich entschloss sie sich kurz, legte ihr Negligé wieder an und wanderte in den Hof zurück, fest entschlossen, Ärger und Verlegenheit zu verbergen.
"Warum gehst du denn nicht?" fragte der Herr Ehegatte, tückisch nach ihr hinschielend.
"Ich will warten bis Nachmittag", erwiderte sie mit persiflierendem Tone und liess sich neben ihm nieder. Er sass da, beide hände vor sich auf den Stock gestemmt, das Kinn auf die hände gestützt, den blick vor sich hin nach dem haus gerichtet: der linke Schoss des Überrockes hing nach der Länge über die Bank hinten herunter. Hurtig wischte die Dame mit der rechten Hand leise in seine tasche, holte einen Schlüssel heraus und – husch! damit in die andere Hand unter den Mantel! Die Rechte tat noch ein paar solche heimliche Gänge, bis alle nötigen Schlüssel durch diesen Hokuspokus sich unter ihrem Mantel befanden: alsdann tat sie einen verstellten Seufzer, wandte mit angenommener Niedergeschlagenheit eine ökonomische Angelegenheit vor und ging, innerlich triumphierend, langsam ins Haus.
Desto schneller flog sie die Treppe hinauf und zum Kleiderschranke. Keine Schleife wurde aufgeknüpft, alles heruntergerissen, mit freudiger Übereilung das schönste Galakleid herausgeholt, die schönste Haube aufgesetzt, und in einer halben Viertelstunde wallte schon ihr Busen vor Entzücken unter dem flornen Halstuche, und ihr Herz klopfte vor Freude über ihre gelungene List und vor Triumph, ihren Mann zu übertrotzen, so hoch, dass die seidne Kontusche knisterte. Nicht zufrieden, gesiegt zu haben, wollte sie ihren Gegner auch kränken: noch einen selbstgefälligen blick in den Spiegel! – und dann nahm sie alle eroberten Schlüssel zu sich und rauschte glühend und sich räuspernd die Treppe hinunter in den Hof. Da stunde sie vor dem mann, der staunend die Augen weit aufriss und hastig mit der Hand in die tasche fuhr: er wurde bald inne, wie man ihn überlistet hatte, aber er liess sich nichts merken.
"Ich will zur Frau Gräfin gehen", sprach sie mit spöttischer Gleichgültigkeit, machte eine tiefe Verbeugung und sagte:
"lebe wohl."
"Nillchen", rief der überwundene Ehegatte mit der äussersten Kälte, ob ihm gleich der innerliche Groll beide Backen mit einer merklichen Röte färbte, "warte noch ein wenig! Ich habe mich anders besonnen. –"
Nillchen hielt diesen vorgegebenen Vergleich für eine neue List, wodurch er sich für ihre Taschenspielerei desto empfindlicher rächen wollte; sie wartete nicht.
"So warte doch!" rief er abermals, ging ihr nach und erwischte sie in der Hoftüre bei dem kanevasnen Rocke. -"Warte doch! Ich habe mir's überlegt: ich will meinen Jungen aufs Schloss