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der Manschette ab und schalt das fatale Instrument, dass es den blick trübte, wiewohl seine Augen trüber sein mochten als der Gucker. "Elle me charme!" rief der Alte ganz ausser sich vor Entzücken und zappelte mit den Füssen. – "Voudriez-vous bien l' avoir?" fragte sein Nachbar lachend. – "Je vous dis Monsieur", antwortete der Alte, zitternd vor Vergnügen, "que c'est un excellent morceau." – "Permettez!" schnarrte ihm ein junges geputztes Männchen, das schon lange in allen Taschen nach seinem Fernglase vergeblich gesucht hatte und sich doch schlechterdings die Schande nicht antun konnte, mit blossen Augen zu sehen, über die Schultern herüber, riss ihm den Gucker aus der Hand und sah hin. "C'est une Allemande?" fragte er: man bejahte es. "Elle passe", sprach er mit kritischer Kaltblütigkeit und gab den Gucker zurück. – "Comment!" rief der Alte und drehte sich ereifert nach ihm um, "was finden Sie an ihr auszusetzen? so eine artige runde Stirn! Ich sage Ihnen, die mediceische Venus hat kein artiger Kinn, und der kleine lächelnde Mund! diese spirituelle Miene! Ich sage Ihnen, ich kann kein schöner Gesicht malen, und wenn Sie mich wie ein Prinz bezahlen. Les parties et l'ensembleje vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse." Während dieses Zankes verschlang auch Herrmann die Schönheit, die er betraf, mit den Augen, und um so viel begieriger, weil ihm jeder blick mehr bestätigte, dass es Ulrike sei. Die Gleichheit war so vollkommen, dass ihr auch nicht ein Zug fehlte: er hatte sie zwar nunmehr über ein Jahr nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehen, und das Gesicht musste seit seiner Abreise aus seiner Vaterstadt einige beträchtliche Veränderungen gelitten haben, wenn sie es sein sollte. Er hätte dem französischen Maler, als er ihre Schönheit so lebhaft verteidigte, mit beiden Fäusten wider den jungen Laffen, der sie nur leidlich fand, beistehen mögen. Sie war ihm tausendmal reizender als sonst: eine Gotteit musste sie mit neuen Annehmlichkeiten belebt haben: ihr blick zog das Herz in die Höhe wie die Sonne den Abenddunst. Bei allem Lächeln ihres Mundes schien ihm geheime Betrübnis aus ihrem gesicht zu sprechen: – "Ganz natürlich!" dachte er, "sie weiss nicht, wo ich bin; weiss nicht, dass wir nur um einen blick voneinander getrennt sind!" – Jetzt lenkte sie ihr Auge nach seinem platz hin, indem erschallte vom Teater:

"Meine Tränen, meine Seufzer

Folgten dir an jeden Ort." –

Ihre Miene wurde wehmütig, ihre Lippen bewegten sich, als wenn sie die Worte leise zu ihm herabsprächen: nun war in seinen Gedanken nichts gewisser, als dass sie ihn schon gesehen und erkannt hatte; und verschiedene ähnliche Zufälle bestätigten ihn völlig in seiner süssen Einbildung.

"So viele Treue

Verdiente grösser Glück",

sprach eine vierzigjährige Vertraute auf dem Schauplatze mit keuchendem Tone: so schlecht sie es sagte, so klatschte er ihr doch seinen Beifall zu, weil sie für ihn eine so grosse Wahrheit gesagt hatte: das Amphiteater hielt es für Spötterei und folgte seinem Beispiele nach, dass die arme Vertraute, die nur eben aufgetreten, war, vor Verwunderung über den so seltenen und jetzt ganz unerwarteten Beifall den Kopf schüttelte.

Bérénice.

Ich will ihn nicht erwarten,

Will unerwartet ihn hier finden, und

Bei dieser Unterredung alles sagen,

Was langverschlossne Zärtlichkeit

zwei liebenden, zufriednen Herzen eingibt

Seine Einbildung täuschte ihn so gewaltig, dass ihm die Worte nicht vom Teater, sondern aus Ulrikens Loge zu schallen schienen: das Orchester hub nach ihnen ein sanftes Andante an, und Ulrike stand auf und liess neugierig ihre Blicke im ganzen haus herumschiessen. Aber warum sah sie nun nicht ihren Herrmann allein an? Er ärgerte sich, dass ein blick auf jemanden ausser ihm fiel. Endlich nach langem Herumschauen trafen ihre Augen wirklich auf sein Gesicht: sie sah es starr und ernstaft an: er lächelte zu ihr hinauf, und die Freude, als sie ihn erkannte, zwang sie unbewusst zu einer so entzückten Bewegung des Kopfs und drückte sich so lebhaft in allen Zügen des Gesichts aus, dass ihre Bewunderer im Amphiteater sich neidisch nach dem gegenstand umsahen, dem die Freude galt. Mit halbem Zweifel an der Wahrheit des Anblicks erfolgte ein Wink mit den Augen, und dann auf beiden Seiten ein förmlicher Gruss: allein bei aller Zurückhaltung waren sie doch nicht zurückhaltend genug: denn ihrem beiderseitigen vertraulichen Nicken, worinne der ganze Gruss bestand, konnte auch ein Halbblinder anmerken, dass es mehr als Höflichkeit ausdrückte. Nach dieser Beobachtung richtete sich nunmehr die Neugierde der Umstehenden auf den glücklichen Menschen, welchem ein so englischer Gruss herabgeworfen wurde: man fragte sich ringsum: niemand kannte ihn. Der alte Franzose, der sie vorhin so lobpries, drängte sich über zwei Plätze weg zu ihm hin und hielt ihm mit einem sehr höflichen "Monsieur?" seine Tabaksdose vor: Herrmann sah nichts, was tiefer als Ulrikens Kopf war: der Maler stiess ihn also an: Herrmann wandte sich hastig und warf ihm die lackierte Büchse aus der Hand, dass sie unter den Bänken bis ans Parkett hinabrollte. Der Mann wollte zwar diese gelegenheit nützen, ein Gespräch einzufädeln, allein die Musik schwieg, und er musste sich gleichfalls zum Schweigen entschliessen.

Nunmehr wurde das Schauspiel