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wanderte Herrmann aus. Sein erster Besuch im deutschen Schauspielhause lief fruchtlos ab: den folgenden Tag rüstete er sich mit einer Lorgnette und machte im französischen Schauspiel einen Versuch: man spielte Racinens 'Bérénice'. Er hatte auf dem schloss des Grafen hinlängliche Kenntnis der Sprache erlangt, um alles zu verstehen, was er hörte; und die grosse Ursache, warum er nichts verstund, war keine andere, als weil er bloss sah und nicht hörte, wenigstens nur hie und da einen Vers, der ihm noch aus der Lektüre geläufig war und zufälligerweise jetzt auf sein Trommelfell fiel: sein Kopf war unaufhörlich nach den Logen gerichtet, und jedes Damengesicht, das erschien, musste sich Zug für Zug untersuchen lassen, ob nicht einer darunter sei, der ihm Ähnlichkeit mit Ulriken gebe. Der Vorhang fuhr rauschend in die Höhe: noch war keins gefunden, das ihr gehören konnte. Das schnurrende Geräusch der Zuschauer verstummte, das Orchester schwieg: ein langer, baumstarker Antiochus in rotseidnem Mantel, mit einem schwankenden Busch Gänsefedern auf dem papiernen Helme, marschierte in abgemessnen Schritten, die arme gleich den Henkeln eines Blumentopfs majestätisch in die Seiten gestemmt, durch den gewölbten Portikus daher: ihm folgte im gelben, blumenreichen Mantel ein kurzer untersetzter Arsaz, von unten bis an den Gurt der schwarzsamtnen Beinkleider ein Franzose, vom Nabel bis zum Ende des befiederten Kasketts ein altgriechischer Bastard.

"Hier lass uns stehen!"

huben ihr Majestät an; und sie stunden. Der König lehrte seinen Vertrauten die Geographie des Palastes und machte ihn besonders mit den zwo Nebentüren bekannt. Nachdem er so die Landkarte verzeichnet hatte, befahl er ihm, zur Königin zu gehen, ihr einen schönen Gruss zu vermelden und höflichst zu bedauern, dass ihr der König wider seinen Willen beschwerlich fallen und sich eine geheime Unterredung ausbitten müsste.

Arsaz, der ehemals in Languedoc Hecheln verkauft hatte, trat einen Schritt zurück und verwunderte sich mit dem lauten Geschrei seines vormaligen Gewerbes, wie ein so grosser König in einem so hübschen, roten Mantel einer Königin beschwerlich fallen könnte, deren Liebhaber er sonst gewesen wäre. "Ob sie gleich die künftige Gemahlin des Titus ist", rief er,

"Setzt dich ihr Rang von ihr unendlich weit hinweg?" Herrmann, dem die lautgekreischte Frage die Ohren erschütterte; glaubte nicht anders, als dass sie der Schauspieler seinetwegen getan habe, und wiederholte seufzend den Vers einigemal in Gedanken.

Antiochus war unterdessen vom Vertrauten allein gelassen worden und unterhielt sich deswegen mit sich selbst.

"werde ich ihr ohne Zittern sagen können:

Ich liebe dich!

Nein, ach! ich zittre schon! Mein wallend Herz

Scheut diesen Augenblick so sehr, als ich ihn

wünschte."

Herrmann stutzte: der Mann hatte seine Empfindung aus dem herz gestohlen. Nicht weniger als er wünschte, Ulriken wiederzufinden, fürchtete er, sie verführt, ungetreu, auf immer seines Hasses wert wiederzufinden.

"entfernt von ihren Augen, will ich sie

Vergessen und dann sterben!"

'Ja, wer es könnte!' dachte Herrmann.

"Wie? soll ich stets in Qualen seufzen,

Die sie nicht kennt? stets Tränen weinen,

Die sie nicht fliessen sieht?"

Die Verse wurden so ganz mit seiner Empfindung gesprochen, dass er sich nicht von ihnen losreissen und kein Wort mehr von dem übrigen Monologe hören konnte: die ganze folgende Unterredung mit dem Vertrauten war ihm unleidlich, widrig, langweilig: denn sie entielt kein Wort, das auf seinen Zustand passte: er gähnte und mochte die langweiligen Schwätzer vor Verdruss nicht einmal ansehn.

"Die Königin erscheint",

rief Antiochus auf dem Teater: es kam auch wirklich eine dicke, rotgetünchte Königin im Fischbeinrocke und Goldstoffe, sehr zierlich en coeur frisiert, eine Milchstrasse von funkelnden Steinen wie Sternchen quer über den hochgetürmten Haaren, gravitätisch dahergeschritten: aber Herrmann würdigte die vergoldete Majestät keines Blickes; denn er hörte eben das interessantere Knarren einer sich öffnenden Logentür und sah eine interessantere Königin im roten Pelze hereinkommen. Sie brachte ein junges Frauenzimmer von sechs oder sieben Jahren mit sich, dem sie einen bequemen Platz zurechtemachte: indem fragte man sich im Amphiteater hinter und vor Herrmanns Sitze: wer ist das? – "Es ist die Gouvernante bei der fräulein Troppau", antwortete jemand. Sie hatte während ihrer Beschäftigung mit dem Niedersitzen der fräulein ihr Gesicht beständig niederwärts gebeugt und sah jetzt erst sich in der Versammlung um. – "Eine hübsche Physiognomie!" sagte hier einer, der sie lorgnierte. – "Eine artige Figur!" sprach dort ein anderer, der durch einen Gucker sah. – "Ah!" versetzte ein dritter und zog jenem ungeduldig den Gucker vom Auge weg. "Pardi! eine sehr interessante Physiognomie! grosse schwarze Augen, voller Feuer! ein frisches Teint!" – "Ah ça!" fing ein grauhaarichter, rotbackichter Franzose an, der schon lange mit seinen alten Augen unter den silbernen Augenbraunen hinaufgeblinzelt hatte, "donnez!" und langte nach dem Gucker. "Voulez-vous voir, Monsieur?" fragte der andre und überreichte langsam das Sehinstrument. "Diable!" rief der Alte so laut, dass alle Köpfe nach ihm herumfuhren, "voilà une jolie petite gueuse! – Voïez!" fing der begeisterte Alte nach einem Weilchen wieder an und stiess seinen Nachbar. "Quel sourire! elle a un trait de malignité, cette petite coquine" – und jeden Augenblick wischte er mit begieriger Eilfertigkeit den Gucker an