Augen schweben sehen, in Gedanken mit ihm reden, es umarmen, liebkosen, alle Ergiessungen des Herzens, alle Wonne, alles Sehnen der Liebe dabei empfinden; und wenn ich Unglücklicher die arme zuschliessen, mein Glück greifen will, dann ist es ein Schatten, eine idee, ein Gedanke, den ich liebe, und mit meinen Armen fasse ich Luft. – Nie, nie hoff ich Ulriken wiederzufinden, nie mich ihr nähern zu dürfen: – aber wie müsst es nur sein, wenn ich sie wiederfände? wie nur, wenn wir uns Tag für Tag sehen, frei und ohne Zwang sprechen, ohne Furcht lieben dürften? – Das ist für mich ein so unbegreiflicher, so unvorstellbarer Zustand wie die Freuden der Seligkeit. Er schwebt mir im Gehirne wie in einer dunkeln Ferne: gleich einer Sonne durch Nebelwolken, strahlt dies überschwengliche Glück aus der Ferne daher: ich strebe mit allen Gedanken und Empfindungen nach ihm hin; aber wer kann die Sonne über seinem Scheitel erreichen?" –
Sein Selbstgespräch hatte ihn so lange beschäftigt, dass er einen teil seiner Pflicht darüber versäumte: weil er zu lange über die bestimmte Zeit nicht im Gewölbe erschien, kam sein Kamerad, rief ihn und störte den Lauf seiner trüben Gedanken.
Kaum eine Viertelstunde hatte er mit seiner gewöhnlichen Träumerei dagestanden und saumselig einige aufgegebne Geschäfte verrichtet, als der Herr, ein Porträt in der Hand, in den Laden kam. Er stellte es hin und fragte alle Anwesende, ob jemand ein Frauenzimmer in Berlin gesehen habe, das diesem Porträte ähnlich sehe. Herrmann erschrak, liess seine Arbeit auf die Erde fallen und trat so dicht an das Bild, als wenn er es verschlingen wollte: er erkannte es bei dem ersten Blicke für Ulrikens Porträt, das in der Gräfin Zimmer über dem Sofa hing: Rahmen, Ähnlichkeit, Grösse, alles traf ein.
"Oh", fing der Diener an und sah starr hin, "die hab ich oft gesehen."
"Wo? wo?" rief Herrmann entzückt. Der Kaufmann sah ihn an und lachte. "Kennst du das Frauenzimmer?" fragte er.
"Nein – nicht recht – ein klein wenig!" antwortete Herrmann und blickte seinen Herrn geheimnisvoll an, als wenn er ihn fragen wollte, ob er sich entdecken dürfte.
"Ja, es ist wahr", fuhr der Kaufmann fort, "du musst sie kennen: sie ist ja aus deiner Vaterstadt. Wer sie unter euch zuerst sieht und auf meine stube bringt, der hat zehn Dukaten verdient. Es ist ein liederliches Mädchen."
"Glauben Sie das um des himmels willen nicht!" unterbrach ihn Herrmann ereifert: doch hurtig besann er sich, dass er sich so verraten könnte, und setzte deswegen, um den gemachten Fehler zu verbessern, kaltblütig hinzu: "Ich dächte nicht, dass sie liederlich aussähe."
"Meinetwegen mag sie aussehn, wie sie will!" fiel ihm der Kaufmann etwas heftig ins Wort. "Sie ist ihrem Onkel, dem Grafen Ohlau, durchgegangen; und er hat mich gebeten, sie ihm zu überschicken, wenn ich sie finde; und weil er mein speziell guter Freund ist – ich hab ihm manche hundert und wohl tausend Louisdore verschafft –, so könnt ich's ihm nicht abschlagen. Wer sie auf meine stube schafft, kriegt zehn Dukaten: aber die Sache muss heimlich betrieben werden."
Der Diener versicherte, dass er sie wohl tausendmal unter den Linden und im Tiergarten gesehen habe; sie sei in einem gewissen öffentlichen haus, das er auch nennte und wo er sie ehestens suchen wollte.
Herrmann war des Todes über diese unglückliche Nachricht und fragte den Diener, sooft er ihn müssig sah, ob sie gewiss in einem öffentlichen haus sei, dass der andre endlich des Fragens müde wurde und es auf immer untersagte.
Freude und Glück war es genug, dass er jetzt selbst den Auftrag bekam aufzusuchen, was er so lange gern gefunden hätte: aber das verdammte öffentliche Haus! das versetzte seiner Freude so einen empfindlichen Schlag, dass sie einen grossen Zusatz von Angst, Besorgnis, Eifersucht und verachtendem Widerwillen gegen Ulriken bekam. Er ging wie vor den Kopf geschlagen herum.
Sechster teil
Erstes Kapitel
Freilich nur mit halber Freude und mehr aus Neubegierde, ob die verdächtige Nachricht gegründet sei oder nicht, befolgte Herrmann den Auftrag seines Herrns getreulich und nahm jedesmal seinen Weg, wenn er ausgeschickt wurde, durch die Lindenallee, sollte auch der Umweg eine Stunde betragen: er sah niemals ein Gesicht, das Ulriken mit einem zug glich. Der Diener war in seinem Suchen nicht glücklicher und brachte seinem Herrn jeden Morgen die Nachricht, dass die Nymphe schon versprochen gewesen und ihm nicht zuteil geworden sei. Herrmann knirschte jedesmal mit den Zähnen, wenn so eine Nachricht überliefert wurde.
Seine Unruhe ängstigte ihn Tag und Nacht: sie liess ihn nicht zwo Minuten auf einem Flecke stehen oder sitzen, und des Nachts wälzte er sich von einer Seite zur andern und suchte den Schlaf, ohne ihn auf lange Zeit zu finden. Er bat sich von seinem Herrn die Erlaubnis aus, die zehn Dukaten zu verdienen und die Schauspielhäuser zu durchstreichen: der Kaufmann, dem er im Gewölbe ohnehin entbehrlich schien und der auch schon beschlossen hatte, sich zu Ende der Probezeit seiner zu entledigen, verstattete ihm ohne Weigerung seine Bitte.
Mit der Empfindung eines Staatsgefangnen, der sein Urteil erwartet und beinahe gleichwahrscheinlich Tod und Leben hoffen kann,