nachdrücklicher Verweis von diesem äusserst besorgten mann, dass sich Herrmann später, als er sollte, wegbegeben und in eine so verdächtige Reisegesellschaft eingelassen hatte: doch freute er sich, dass die Abreise nicht weiter war hinausgeschoben worden, weil ihm Nikasius geschrieben, dass man ihren gemeinschaftlichen Freund auf Ansuchen des Grafen Ohlau gefänglich habe einziehen und verhören wollen. Herrmann freute sich nicht weniger, einer so nahen Gefahr, obgleich mit Verlust seiner Barschaft, entgangen zu sein, und erblickte mit ungemeinem Vergnügen im Briefe einen Louisdor, den ihm Schwinger zur Schadloshaltung für den Diebstahl schickte.
Sonach war nun Herrmann von allen Seiten glücklicher, als er vermutete, aber nur nicht so glücklich, wie er wünschte. Die Unterwürfigkeit und der Gehorsam eines Lehrburschen, sosehr beides gemildert wurde, war für ihn eine bittere Speise. Befehle anzunehmen und auszuführen tat ihm nicht sonderlich weh: Verweise schmerzten ihn schon mehr und oft bis zur tiefsten Verwundung: doch wäre alles dies noch erträglich für ihn gewesen, nur seine Lage wurde es täglich weniger: das Licht, in welchem er sich und seine Beschäftigungen sah, die enge kleine Sphäre, wo er unter allen war, die ihn umgaben, wo er dienen musste, selten ein kleines Lob wegen einer geringfügigen Verrichtung, worauf er sich sowenig zugute tun konnte als auf Essen und Trinken, und niemals Ehre erwerben sollte – diese so eingeschränkte, auf Kleinigkeiten geheftete Tätigkeit machte abermals seine ehrbegierige Seele unmutig, unzufrieden mit sich und den Dingen um ihn. Eigennutz und Begierde nach Gewinn waren bei ihm unendlich klein und in Vergleichung mit seinem Ehrgeize fast so gut als gar nicht da: Kaufmannsgeschäfte mussten also unter allen für ihn die geringste Anzüglichkeit haben: mit einem Worte, er war jetzt ein ebenso schlechter Kaufmannsbursch als vor dem Jahre ein schlechter Schreiber. Immer zerstreut, in Gedanken, verdriesslich stand er da, hörte nicht eher als zum zweiten oder dritten Male, wenn ihm sein Herr etwas befahl, tat jedes Geheiss mit Verdrossenheit und begegnete niemandem freundlich, der in den Laden kam. An andern deutschen Orten hätten ihn seine Kameraden den Träumer genannt, doch hier hiess er bei jedermann vom Herrn bis zur Kindermagd – 'Herrmann le misantrope' –, und jeden Augenblick wurde er ermahnt, nicht so pensif zu sein. Trotz aller Ermahnungen blieb er es, und seine Tiefsinnigkeit vermehrte sich sogar, weil sich bei einer so grossen Leere in seinem herz, bei so geringer Tätigkeit und so wenigen Beschäftigungen für andere Leidenschaften die Liebe wieder zu regen anfing: an Ulriken erlaubte er sich zwar nur mit Schüchternheit zu denken: er wünschte und wünschte, dass er sie lieben dürfte, aber ein Kaufmannsbursch und eine Baronesse! Je mehr ihm dieser Abstand einleuchtete, je mehr fühlte er freilich, dass es notwendigkeit und Klugheit sei, dieser Liebe zu widerstehen, je mehr schien es ihm töricht und gefährlich, sie wieder aufwachen zu lassen. Zudem wusste ja Graf und Gräfin Ulrikens Aufentalt, wollten sie auffangen lassen, und vielleicht war sie schon längst wieder bei ihnen auf dem schloss und musste sich mit Vorwürfen und Misshandlungen peinigen lassen: sie war so gut als verloren. Gar nicht zu lieben, wie Schwinger von ihm verlangte, das war hart und bei seinem Charakter und seiner inneren und äussern Verfassung unmöglich: eine andere zu lieben als Ulriken, das war noch härter: wenn sich ihm auch die leibhafte Venus dargeboten hätte, wäre ihre wirkung doch unter dem Eindrucke gewesen, den die Baronesse eine so lange Reihe von Jahren hindurch ihm einprägen musste.
"Es ist keine Schönheit mehr in der Welt", sagte er sich an einem Morgen, als er sich seine Schürze vorband, setzte sich auf das Bett und lehnte sich an das Fussbrett. "Es ist keine Schönheit mehr in der Welt, gar nichts, das mein Herz nur mit einem Zucke schneller bewegte. Da zeigt mir bald der Diener, bald ein Kamerad ein Gesicht: 'ach', rufen sie, 'welche Schönheit! welcher Wuchs! welcher gang!' – Ich sehe mir nichts daran, worüber ich mich nur mit einer Fingerspitze freuen könnte. Es ärgert mich in der Seele, dass die Leute allentalben soviel Vergnügen finden, und ich muss so trocken dabeistehn und mich ausschimpfen oder verachten sehen, dass mir gar nichts gefällt. Hier liebäugelt der Diener mit einem vorbeigehenden roten Pelze, des Abends hör ich ihn, wenn er mich auf der stube bei sich duldet, von einer blauen Pelzsaloppe erzählen, die er vorigen Sonntag geführt, gestreichelt, geliebkost, die mit ihm gelacht, getändelt, gegessen, getrunken, getanzt hat. Da schäkert in der Schreibstube mein Herr mit einem Mädchen; sie lachen und sind so vergnügt, so entzückt, als wenn sie gar nichts vom Kummer wüssten: werde ich in die stube geschickt, so find ich auf dem Kanapee die Frau mit einem jungen Franzosen: wenn sie mir nur den Gefallen täten und sich vor mir scheuten! aber nein! mit verschlungnen Armen, lachend und tändelnd sitzen sie da: alles liebt rings um mich her, alles darf lieben, alles wird geliebt, nur ich Elender, allein ich darf nicht, ich kann nicht. – Das Schicksal drückt mich mit schwerer Hand danieder, dass ich kaum atmen kann: ich soll mich unter seinem Drucke langsam zu tod arbeiten. Ich soll die einzige Schönheit, die es auf der Erde für mich gibt, erkennen, fühlen, ihr Bild in der Seele mit mir herumtragen, vor