zwischen seinen Knien, zuweilen hing der ganze Haufen an ihm herum. Das Bild der Dürftigkeit und die Munterkeit, die Zufriedenheit, die Fröhlichkeit der Kinder und Alten bei allem Elende versetzte ihn in eine süsse Wehmut: das Andenken an sein eigenes Unglück zog ihn täglich mehr zu diesen Leuten hin: in drei Tagen war er mit so unertrennlichen Banden an diese Familie geknüpft, dass ihr Wohl und Weh mit dem seinigen eines wurde. Der Hausherr erzählte ihm die ganze Reihe von Unglücksfällen, die seine Armut allmählich herbeigeführt hatten: seine Felder konnten das künftige Jahr nicht bestellt werden, weil ihm der Samen fehlte; und jedesmal war der Schluss seiner Erzählung: wenn ich nur drei Taler hätte! dann wär mir geholfen. – "Die hab ich ja", dachte Herrmann bei sich: er zählte sie dem mann auf den Tisch. Der Bauer wollte auf die Knie vor ihm fallen, die Hausfrau drückte ihm weinend und dankend mit den schwielichten Händen fast die Finger entzwei, die Kinder erhuben auf das Gebot der Eltern ein lautes Dankgeschrei und stürmten mit ungestümer Freude auf ihn los: die Leute wussten nicht, woher sie Worte nehmen, noch wo sie mit ihrer Dankbarkeit aufhören sollten. Wie wohl dem Jünglinge, der bei einem Vermögen von nicht völligen vier Talern noch eine Familie auf ein ganzes Jahr und vielleicht auf immer glücklich machen konnte, wie wohl ihm da um das Herz ward! Es schlug zum ersten Male wieder lebhaft, es deuchte ihn, als wenn er jetzt aus dem Nichts hervorgestiegen und ein Etwas geworden wäre, das leben, empfinden und handeln könnte: aus dem Auge schlich ihm eine Träne und durch seine ganze Seele ein wehmütiger freudiger Schauer. Die Leute erzählten im Übermasse ihrer Dankbarkeit seine Wohltat allen Nachbarn: das Gerücht verbreitete sich weiter, und eins nach dem andern kam an die niedrigen Fenster und guckte herein, um den grossmütigen Jüngling zu sehen: wohin er nur sah und hörte, waren ein Paar Augen auf ihn gerichtet oder ein Paar Lippen zu seinem Lobe offen. Nun war seine Einbildungskraft und seine ganze Tätigkeit wieder emporgeschraubt, sein niedergeschlagenes Gemüt wieder erhoben: er fühlte sich bei achtzehn baren Groschen als den glücklichsten Menschen der Erde.
Aus Erkenntlichkeit erbot sich der Bauer, ihn nach Berlin vollends zu bringen, wenn er den Weg zu fuss machen wollte: er entschloss sich dazu und langte zwar mit völlig leeren Taschen, aber doch mit einem herz voller Zufriedenheit an Ort und Stelle an.
Fünftes Kapitel
Da war er nun in dem grossen, schönen, weiten Berlin! wie in einem grossen wald verirrt! verloren in den unendlichen Strassen! fragte jeden Augenblick nach der wohnung des Kaufmanns, an welchen er adressiert war, liess sich nebst seinem Begleiter die Marschroute aufmerksam vorzeichnen, und wenn er fünf Minuten gegangen war, weg war die ganze Landkarte! So irrte er durch die Strassen, quer und längs hindurch, und sooft er fragte, war er falsch gegangen: ein Bursch erbot sich, ihn für eine Erkenntlichkeit zurechtzuweisen: zu seiner Herzensfreude entdeckte er noch einen verkrochnen Groschen im Winkel der tasche, und nun war ihm geholfen. Bei einer Wendung um eine Ecke sah er sich nach dem Bauer um, der ihm bisher mit vielen Beschwerden über das harte Pflaster langsam nachtaumelte: aber er war verschwunden, blieb verschwunden, und er allein weiss, wie er wieder nach haus gekommen ist.
Der Kaufmann hatte vor vielen Wochen schon auf den neuen Lehrburschen gehofft, verkündigte ihm, dass er Schwingern nur versprochen habe, ihn auf ein halbes Jahr zur probe anzunehmen, und stellte ihm ein Paket Briefe zu, das lange schon seine Ankunft erwartet hatte.
Wie verändert war abermals die Szene! Ein enges Kämmerchen, keine stube, nahm ihn ein: wie war der grosse Herrmann, der jüngst auf den Schwingen des Ruhms nach Berlin eilte und sich noch vor einigen Tagen von der Bauerfamilie wie einen Gott angebetet sah, wie war der grosse Mann abermals gesunken! So gütig sein neuer Herr sich gegen ihn bezeigte, so sprach er doch im Tone des Herrn mit ihm: traurig schlich der gedemütigte Jüngling auf gegebne Erlaubnis in die warme stube des Dieners und las mit beklemmender Empfindung seine Briefe.
Schwinger, der das Paket besorgt hatte, meldete ihm, dass er dem Grafen und der Gräfin seinen Aufentalt in Berlin habe verhehlen und sich stellen müssen, als ob er von ihm nichts wüsste, um sich nicht ihren Unwillen zuzuziehn. – 'Sie sind so sehr wider Dich erbittert', sagte er, 'dass sie auch mich als Deinen Mitschuldigen hassen würden, wenn sie erführen, dass ich mich Deiner annehme. Ungerufen geh ich jetzt niemals auf das Schloss, weil ich's doch nie ohne Betrübnis und Ärger wieder verlassen kann: sowenig ich mich also um die inneren, immer fortwährenden Unruhen desselben bekümmere, so weiss ich doch für gewiss, dass dem Graf ein Brief von der Oberstin aus Dresden in die hände gefallen ist, worinne die Flucht der Baronesse erwähnt wurde, und dass er die Gräfin gezwungen hat, ihm den ganzen Verlauf umständlich zu erzählen. Seinen Zorn und die Leiden der armen Gräfin kannst Du Dir leicht vorstellen – denn Dein letzter, reuvoller Brief lässt mich vermuten, dass Du wieder einer vernünftigen Vorstellung fähig bist. – Der Zorn, und ich möchte fast sagen, die Wut ging bei dem Grafen so weit, dass er Anstalt machte, Dich in Dresden in Verhaft nehmen zu lassen und eine exemplarische Strafe wider Dich