Neues Wunder! Die Wirtsleute glaubten, dass er in der Morgendämmerung mit Wilibald, der den Abend vorher alles heimlich bezahlt hatte, um mit dem frühesten aufzubrechen, fortgegangen sei, und sahn ihn lange bedenklich an, ob er ein Gespenst oder ein Mensch wäre. Er klagte die Treulosigkeit seines Reisegefährten in herzbrechenden Ausdrücken – versteht sich mit wohlbedachter Auslassung seines Bekehrungsprojektes! – und beschwerte sich, dass er ihm sowenig zurückgelassen hatte, um den weiten Weg damit zurückzulegen. – "So, so?" antwortete der Wirt im Lehnstuhl kaltblütig. "Ja, es geht schlimm in der Welt her!" – Indessen kam seine Frau mit quecksilbrichtem Gange hereingetanzt. – "Lise", sprach der Mann, "der Herr ist heute Nacht bestohlen worden." – "Bestohlen?" schrie die Frau auf und schlug die hände über dem kopf zusammen. "Ach, dass Gott erbarm! Du gerechter Gott! bestohlen!" – und dabei gebärdete sie sich, als wenn sie alle Haare ausraufen wollte. Sie schwänzte zur Tür hinaus: über eine kleine Weile kam sie wieder: "Über das Unglück! Du mein Gott und Vater! bestohlen ist er? heute nacht?" – dann wieder zur Tür hinaus, und in einer Minute erschien sie schon wieder mit den nämlichen Ausrufungen und Verwunderungen: so stattete sie unter unaufhörlichem Laufen ihre Kondolenz zu sechs wiederholten Malen ab. Der Mann liess sich dabei, ohne eine Miene zu verziehen, Herrmanns geschichte und seine gegenwärtige Lage umständlich erzählen, stunde phlegmatisch und stumm auf und ging. Nach einiger Zeit kam er zurück und setzte sich in den Lehnstuhl. – "Mein Bruder, der Müller", fing er an, "fährt gegen Mittag ins nächste brandenburgische Dorf: er will Sie mitnehmen: ich habe jetzt mit ihm gesprochen. Es ist ein Karren: er will Sie für seinen Sohn ausgeben und dort eine andre Fuhre für Sie ausmachen, wenn sich's tun lässt. Essen Sie erst! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt." – Herrmann wollte ihn vor Freuden umarmen und schlang schon die arme um ihn: aber der Mann war eben im Begriffe aufzustehn, und ohne dass er die Höflichkeit verstund, bat er ihn, aus dem Wege zu gehen, weil er etwas zu essen holen wollte. Er trug auf, und während dass Herrmann sich mit dem Vorgesetzten bediente, brachte der Wirt Tinte, Papier und Feder. "Da!" sprach er, "schreiben Sie Ihren Namen und Ihren Geburtsort auf! Wenn wir Ihren Dieb kriegen, sollen Sie Ihr Geld wiederhaben." – Er sprach's und setzte sich in den Lehnstuhl.
Herrmann schrieb, der Wirt stunde auf, überlas brummend das Blatt, legte es auf den Tisch und setzte sich in den Lehnstuhl: so endigten alle seine Handlungen.
Der Müller meldete sich, Herrmann wollte bezahlen: der Wirt stunde auf und verbat es. – "Reisen Sie glücklich! Nehmen Sie sich künftig besser in acht! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt" – er sprach's und setzte sich in den Lehnstuhl.
"Mann", schrie die Frau aus der Küche, "hat der Herr auch bezahlt?" – Der Wirt stand auf. "Ja, Lise, ja!" rief er und setzte sich in den Lehnstuhl; und der heilige Bonifacius stieg demütig auf den Karren und fuhr dahin: so gedemütigt, so herabgesunken mit Einbildungskraft und leidenschaft sass er da unter leeren Getreidesäcken, dass in seiner Seele eine völlige Windstille herrschte.
Bei der Ankunft im dorf, wohin sie wollten, erzählte der Müller einem seiner dasigen Herren Kollegen den Unfall, der Herrmannen begegnet war, und bat, ihn bei der nächsten gelegenheit weiterzuschaffen. Die Erzählung versammelte sehr bald alles, was in der Mühle lebte, um den Unglücklichen, der sich wie ein fremdes Tier von allen anstaunen lassen musste. Der Müller, dem er empfohlen war, versprach, ihn einige Tage bei sich zu behalten, wenn er bei ihm vorliebnehmen wollte, und mit einem Getreidetransporte künftigen Sonnabend, beliebt's Gott, eine Stunde weit von Potsdam zu schaffen.
Es geschah. Der unglückliche Herrmann war über das unerwartete Mitleiden so vieler Leute gerührt, von Dankbarkeit und Freude durchdrungen: aber, aber! dass er Mitleiden nötig hatte, welche Bitterkeit mischte diese Vorstellung unter seine Freude. Er freute sich über die Güte dieser Leute und trauerte, dass er sich darüber freuen musste.
An diesem Orte hielt er sich wegen Mangels an gelegenheit eine ganze Woche auf, und weil er aus Misstrauen in keinem Gastofe einkehren wollte, wurde er von dem Knechte, der ihn transportiert hatte, in ein Bauerhaus gewiesen, wo man ihn willig aufnahm: aber unglücklicherweise war die Armut des Bewohners so gross, dass er seinem gast bei dem besten Willen mit nichts als einem Brunnen voll schönen, klaren Wassers aufwarten konnte. Herrmann liess also einkaufen, und die ganze ziemlich zahlreiche Familie speiste täglich mit ihm: er wurde durch diesen Umgang so sehr der Herr des Hauses, dass die Kinder nicht zu ihrem Vater, sondern zu ihm kamen, wenn sie hungerten. Oft stand er mitten in der stube, ein grosses Brot in der Hand, sechs barfüssige Kinder im Hemde oder mit einigen Lumpen bedeckt um ihn herum, die gierig mit allen Händen nach den abgeschnittenen Stücken langten: wenn er sass, stand zuversichtlich allemal eins