Das sollen Sie!" sagte Herrmann ernstaft. "Wir wollen sie alle mit unsern geistlichen Waffen daniederschlagen, und keiner soll dem allgewaltigen Schwerte unsrer Rede entgehn."
Der Wirt. Blitz, Zeter, Mordio! ha! ha! ha! ha! – Wenn der Krieg wieder losginge und die Preussen sollten etwa unsre Feinde werden – wofür uns Gott bewahre! –, so schonen Sie wenigstens meinen armen Sohn! Wenn Sie alles umbringen, so lassen Sie mir nur den armen Burschen leben! Wollen Sie?
Herrmann. Ist er Naturalist?
Der Wirt. Nein, so weit hat er's noch nicht gebracht. Zeter! Sie tun hohe Sprünge! Mein Sohn ein Generalist!
Herrmann. Ein Naturalist, sag ich!
Der Wirt. Was ist denn das für ein neuer Titel?
Herrmann. Ein Unwiedergeborner wie du. Über dich wollen wir zuerst das Schwert zücken: dich soll unser Wort zuerst zermalmen.
Er machte zugleich eine Bewegung, als wenn er ihn erdrosseln wollte, und der Mann floh, mit spasshafter Furcht vor ihm, zur Tür hinaus. – Der erste Sieg über die Ungläubigen!
Den fünften Morgen, wo sie noch nicht einmal die brandenburgische Grenze erreicht hatten – so gemächlich machten sie ihre Reise –, brachte Herrmann beinahe zur Hälfte auf der Streu in dem Stübchen zu, das sich Wilibald diesmal wider ihre Gewohnheit genommen hatte: den Abend vorher war ihm von diesem Bösewicht so viel Branntewein aufgedrungen worden, dass er, wie von einem Schlaftrunke eingeschläfert, in einer Art von Ohnmacht dalag. Endlich wand er sich aus dem schweren Schlafe heraus, erblickte schon helles Tageslicht und sich ganz allein in der stube. Aufzustehen waren seine Glieder von dem gestrigen Trunke noch zu schwach: er verweilte also auf seinem Strohlager, und nicht lange dauerte es, so unterhielt ihn seine erwachte Einbildungskraft von dem herannahenden Anfange seines Ruhms. Er erblickte sich schon in Marmor und Erz auf allen öffentlichen Plätzen Deutschlands: ihm zu Ehren wurden Spiele und Feste angestellt: Knaben und Mädchen schmückten mit Blumen und Kränzen sein Bildnis und feierten mit Tänzen und Liedern sein Andenken. Nach Jahrhunderten sah er seinen Namen noch in allen Chroniken, Annalen und Geschichten: die Grossen nannten ihn mit Ehrfurcht, die Gelehrten mit Bewunderung und das Volk mit Andacht.
Mit solchen von Branntewein und Ruhmsucht aufgeschwellten Ideen, benebelt von Trunk und leidenschaft, berauscht von seinen fanatischen Träumen, hub er sich schwerfällig auf, um den Teilnehmer seiner überschwenglichen Grösse aufzusuchen. Er war wie zerschlagen am ganzen leib: er schleppte sich unter heftigen Kopfschmerzen zu dem Tische hin und erblickte auf ihm ein Briefchen mit der Aufschrift: – 'An den jungen Herrmann, weiland heiligen Bonifacius und Bekehrer der Naturalisten.' – Er faltete das unversiegelte Blatt auseinander und las:
'gehen Sie nach Berlin und werden Sie Lehrbursch bei dem Kaufmanne, an welchen Sie Ihr Freund adressiert hat. Lassen Sie sich mit der Bekehrung der Berliner nicht weiter ein: man möchte Sie für einen Narren halten und ins Tollhaus bringen. Sie haben sich ganz entsetzlich anführen lassen: sein Sie in Zukunft weniger ruhmsüchtig und mehr vorsichtig. Diese Lehre hinterlässt Ihnen Ihr gewesener Gefährte am Bekehrungswerke der Berliner und verbundenster Freund
Chrysostomus.
N.S. In Ihrer tasche ist das nötige Reisegeld: eilen Sie, ehe es alle wird.' Man lasse sich aus dem Vorzimmer des himmels, wo man schon die Engel harmonienreiche Psalter in die goldnen Harfen singen und die Chöre der Auserwählten hohe rauschende Wechselgesänge anstimmen hörte, durch einen plötzlichen Stoss in die dürftigste, kahlste, menschenloseste Heide nach Island versetzen: alsdann hat man Herrmanns Empfindung nach der Durchlesung des schändlichen Blattes.
Weg waren die glänzenden Träume des Ruhms! Weg die funkelnden Bilder der Grösse, die bis zum Himmel reichen sollte! Der Horizont seiner Gedanken, der noch vor einem Augenblicke sich über die ganze bewohnte Erde erstreckt, war jetzt in ein enges, elendes Stübchen zusammengeschrumpft! Der Mensch, der sich vor einer Minute ein Riese, über Kaiser, Könige und Fürsten, über alle sterbliche Bedürfnisse erhaben schien, auf welchen Beifall, Ehre und Bewunderung von allen Seiten strömte – dieser in seiner Einbildung so aufgeschwollne und stolze Mensch erblickte sich jetzt auf einmal als einen dummen, unerfahrnen, leichtgläubigen, betrognen Jüngling, als einen künftigen Kaufmannsburschen, als einen Verlassnen, ohne Geld, ohne Freund, ohne Retter! – Nachdem die erste Betäubung des Schreckens vorüber war, ergossen sich seine Augen in einen reichen Tränenstrom: der Unglückliche weinte um sein Glück, um seinen Traum: seine kümmerlichen Umstände waren ihm wenig – denn er konnte sie nur noch vermuten –, aber sein Traum sein Traum! hätte ihm der schändliche Betrüger diesen nicht verscheucht, keine Zähre wäre über seine Wangen geflossen. – Und dann! dass er sich so einfältig hatte hintergehn lassen! mit Zähneknirschen dachte er an seine Leichtgläubigkeit. Er warf das betränte Gesicht auf den Tisch, in allen seinen Eingeweiden nagte Scham und Ärger: er hätte sich vor der Welt, vor sich selbst verbergen mögen.
Nicht angenehmer waren seine Empfindungen, als die Gewalt des ersten Schmerzes ein wenig ausgetobt hatte und ihm der Gedanke einkam, in seinen Kleidern die zurückgelassne Barschaft aufzusuchen: von seinen schönen achtzehn Dukaten, von den funkelnden zehn Louisdoren hatte ihm der Bösewicht einen einzigen zurückgelassen. Sein Zorn über die Bosheit brannte freilich in grossen Flammen empor: aber was half Zorn? – Er sah das ein, zog sich allgemach an und ging hinunter zum Wirte.