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Fleisch vor deinen Augen zermalme und verschlinge, so werden wir den Unglauben, Naturalisterei und Deisterei zerfleischen, bezwingen, zerstören, verwüsten. Jene auserwählten Rüstzeuge erwürgten viele Millionen Indianer um ihres schrecklichen Unglaubens willen; aber wir tun mehr als sie: wir wollen nicht töten, sondern lebendig machen: wir wollen alle Deisten wiedergebären; und unsere Namen sollen mit ehrernen Buchstaben in die Tafeln des Ruhms eingegraben werden. Wir sind die grössten Helden, die jemals den Lorbeer verdienten: Cäsar, Alexander, Turenne und Schwerin müssen vor uns in den Staub fallen, die Knie beugen und uns anbeten. Waffne dich also mit Standhaftigkeit und Mut! Trotze Gefahren und Beschwerlichkeiten! Je mehr sie sich häufen, je gewisser gehst du zur Unsterblichkeit. Iss, trink und labe dich, du Auserwählter! Stärke dich mit diesem Brote und diesem Tranke des Lebens zu der geheiligten Unternehmung!" –

Seine kraftvolle Rede, wovon dieses nur der schönste teil ist, wurde sehr oft durch Besuche von Weibspersonen unterbrochen, die ungestüm hereintraten und ungestüm fortgingen: einige liessen sogar eine reichliche Ladung der schmählichsten Schimpfwörter zurück. Herrmann war von Fanatismus und Branntewein zu sehr berauscht, um etwas Böses hinter den Besuchen zu argwohnen, obgleich zwei von den Weibsbildern seinem gefährten geradezu ins Gesicht sagten, dass er ihnen schon seit einem Vierteljahre zwo Nächte schuldig wäre, und ihm mit öffentlicher Beschimpfung drohten, wenn er ihnen ihr bisschen ehrliches Verdienst nicht ordentlich bezahlte: Wilibald bestellte sie alle auf den morgenden Abend, wo er richtige Zahlung und überdies noch eine reichliche Erkenntlichkeit für die lange Geduld versprach. – "Ach!" sagte er zu seinem trunknen Kollegen, als sie weg waren: "Wohltätigkeit und Guterzigkeit sind eine schwere Last: ich habe mich dieser Unglücklichen angenommen, und ich muss mich durch eine List von ihnen losreissen: wenn sie meine Abreise wüssten, würden sie mir mit Tränen um die Knie fallen und mich zurückhalten. Wie sie weinen und jammern werden, wenn sie mich morgen abend nicht finden! Das Herz tut mir weh: aber die geringe Handlungen der Wohltätigkeit müssen der grösseren, zu welcher wir uns bereiten, nachstehn."

In diesem verwilderten Zustande machten sie sich marschfertig: sie gaben sich beide zwei neue Namen, die mehr für ihre heilige Unternehmung passten: Herrmann wurde zum Bonifacius, und der Magister machte sich selbst zum Chrysostomus. Sie wählten überdies ein Feldgeschrei, das sie bei Trennungen oder Verirrungen, besonders in der Nacht, einander zurufen wollten, um sich sogleich zu erkennen: der nunmehrige Bonifacius schlug den Namen Ulrike dazu vor und setzte seine Wahl mit lebhafter Hitze durch, ob ihn gleich sein Gefährte wegen des irdischen, weltlichen Klanges verwarf.

Die Luft war ausserordentlich rauh, kalt und scharf, die beiden Abenteurer apostelmässig nur mit einfacher, leichter Kleidung versorgt: doch der doppelte Rausch des Körpers und der Seele wirkte so heftig, dass Herrmann äusserlich mit allen Gliedern zitterte und innerlich von einem Feuer brannte. Sie taumelten mit schweren Köpfen, matten Füssen und halbgeschlossnen Augen bis zum nächsten dorf, wo sie Müdigkeit und Kälte einzukehren zwang.

So setzten sie ihre Reise standhaft fort, übernachteten in Schenken und elenden Wirtshäusern und taten sich soviel Gutes, als es in den jämmerlichen Herbergen möglich war: besonders wurde der Branntewein nicht gespart: dass Herrmann jedesmal die Zeche bezahlen musste, versteht sich von selbst; und mit Freuden tat er es. Der begeisterte und immer betrunkne Jüngling hörte sich schon von allen Vorübergehenden den heiligen Bonifacius grüssen: in jedem dorf, wenn die Hunde sie mit lautem Bellen empfingen und das Getöse die Einwohner, denen der Winter Musse zur Neubegierde gab, an Fenster und Türen lockte, glaubte er, dass die Merkwürdigkeit und der Ruf seiner heiligen Unternehmung so viele Zuschauer herbeiziehe, und er wunderte sich ungemein, wie eine so geheim behandelte Sache so allgemein ruchbar geworden war; denn seine kranke Einbildung liess seine Ohren deutlich und vernehmlich hören, dass sich's die Leute aus den Fenstern erzählten, zu welcher wichtigen Tat diese beiden Wanderer eilten. Übertriebner Ruhm bläst leicht auf: wirklich wurde er auch so unleidlich stolz, dass er auf alle Sterbliche, ausser seinen Begleiter, wie auf elende, verächtliche Insekten herabsah, die kaum Anrede und Antwort von seinem heiligen mund verdienten. Da nach seiner schimärischen Vorstellung schon zu Anfange seiner Auswanderung alle Leute sogar in den Dörferndie Städte vermied Wilibald, ohne es seinen gefährten merken zu lassenvon dem herrlichen Endzwecke derselben unterrichtet waren, so beleidigte es ihn jetzt schon, wenn ihn jemand fragte, wohin er wollte; und er wäre mit einigen Gastwirten beinahe in Händel über diese Anfrage geraten.

"Wisst ihr das nicht, ihr Unwiedergebornen?" sagte er einem. "Der kleinste Bube in allen Dörfern, durch welche wir gegangen sind, hat von unsrer hohen Unternehmung gewusst, und du, Ungläubiger, du allein bist so unwissend?" – Alles das war Galimatias für den Mann: er glaubte, ihn vielleicht nicht höflich genug gefragt zu haben, bat um Verzeihung und wiederholte seine Frage, mit vielen Titulaturen und Komplimenten verschönert: der heilige Bonifacius drehte ihm den rücken.

"Sie wollen wohl nach Berlin?" fragte ihn ein anderer bei der dritten Einkehr.

"Freilich!" erwiderte Herrmann trotzig und leise.

"Wollen Sie denn etwa Soldat werden?" fuhr der spasshafte Mann fort. "Mord und Todschlag! Sie werden die Feinde zusammennehmen. Piff! paff! puff! Da liegen sie!"

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