, schlechterdings ohne alle Sitten zu sein – der Graf, sage ich, spazierte während jener Rede auf und nieder und räusperte sich unaufhörlich, weil ihm zuviel daran lag, zum Hauptzwecke mit ihm zu kommen. Er antwortete deswegen kein Wort auf alle seine Vorwürfe, unterdrückte seinen Unwillen mit meisterhafter Selbstverleugnung und kam, als die Beredsamkeit seines Moralisten noch einige Zeit in jenem Tone fortgelaufen war, auf die Hauptsache zurück, warum er ihn hatte rufen lassen. Er bat ihn jetzt, dass er seinem Sohne nur wenigstens auf einige Wochen den Aufentalt auf dem schloss verstatten sollte, und zwar bloss aus gefälligkeit gegen die Gräfin.
"Mit meinem Wissen nicht eine Minute!" unterbrach ihn der Einnehmer. "Es geschieht nicht, damit ist das Lied am Ende. Ich schämte mich, wenn ich Lust hätte, Kinder zu erziehen, und mir nicht selber eins schaffen könnte. Machen Sie's wie ich! so brauchen Sie keins zu borgen. Wenn Sie sonst nichts wollen, so geh ich."
"Das kann Er!"sagte der Graf mit empfindlichem Tone; und Herrmann hatte die Tür schon in der Hand, ehe er es herausgesagt hatte.
Warum es sich der Graf so sehr angelegen sein liess, den störrischen Mann zu einer Sache zu bewegen, die er im Herzen als eine grosse Gnade betrachtete und andere auch dafür angenommen hätten? – Dazu trieb ihn keine Ursache als die Politesse, seine oberste Gesetzgeberin. Aus Menschenliebe hatte er noch in seinem Leben sehr wenig Gutes getan, aber aus Politesse ungemein viel: jene konnte man ihm ungestraft absprechen, allein wenn er in Ansehung dieser sich nur der mindesten Unterlassungssünde bewusst war, so quälte ihn ein solcher Gedanke so stark und verursachte ihm eine so unruhige Ängstlichkeit als Mord und Totschlag einem aufgewachten Gewissen. Selbst aus Liebe zu seiner Gemahlin, die er doch zu gewissen zeiten recht herzlich zu lieben glaubte, bewegte er nicht eine Hand; und wenn es zuweilen schien, als ob er die Erfüllung eines ihrer Wünsche mit so lebhaftem Eifer betriebe, um ihr eine gefälligkeit zu erzeigen, so lag die Schuld fürwahr nicht an ihm, sondern an dem falschen Urteil der Leute, die bei ihm die nämlichen Bewegungsgründe vermuteten, nach welchen sie vielleicht handelten: nein! sich, sich wollte er eine gefälligkeit erzeigen: sich wollte er das süsse Bewusstsein verschaffen, dass er abermals einen rühmlichen Beweis seiner Galanterie und Politesse abgelegt habe. Jede solche Handlung war ihm geradeso lieb als dem Helden ein erfochtener Lorbeer. Deswegen ging er jetzt nach dem Abtritte des alten Herrmanns so unmutig und trostlos im Zimmer herum als ein Mensch, der in einer verdriesslichen Stellung weder ein noch aus weiss; denn er hatte sich vorgenommen, der Gräfin mit dem kleinen Heinrich zu ihrem Geburtstage ein Geschenk zu machen, und der verzweifelte Geburtstag war schon übermorgen. Welch eine Not!
Viertes Kapitel
Die Frau Herrmann konnte vor brennender Ungeduld die Rückkunft ihres Mannes nicht in der stube abwarten: kein Tropfen Kaffee schmeckte ihr: sie musste sich schlechterdings in die Tür stellen, wo sie noch mit glühenden Backen stand, als ihr Mann um die Ecke der nächsten Gasse herumkam. Gern wäre sie ihm entgegengegangen, wenn ihr nur der leidige Wohlstand nicht verboten hätte, sich im Negligé über die Türschwelle zu wagen. – Warum geht er nur so langsam? – Ach! da führt der böse Feind gar einen Mann her, mit dem er spricht! – Die arme Frau möchte vergehen über dem ewigen Geschwätze: der Hals wird ihr ganz trocken, sie schmachtet vor Erwartung, sie kann auf keiner Stelle bleiben, tut bald einen Schritt vorwärts, bald einen rückwärts. – Jetzt nehmen sie Abschied; jetzt kommt er. – 'Was wollte der Graf?' schwebt ihr schon auf der Zunge; sie steht unbeweglich da und strebt ihm mit Kopf und Brust entgegen. – "Was wollt ..." ist schon ausgesprochen. – O so muss doch der leibhafte Teufel mit im Spiele sein: nicht zwei Schritte ist er von der Tür, da ruft ihn der Herr Nachbar ans Fenster: man möchte unsinnig werden; vor heute abend erfährt die arme Frau gewiss nichts. – Die Tränen stehen ihr schon in den Augen vor Ärger, und dreimal knirscht sie unwillig mit den Zähnen – aber nein! sie hatten einander nur ein paar Worte zu sagen, und der Mann kommt mächtig dahergeschritten.
"Was wollte der Herr Graf?" rief ihm die Frau mit freudigem Tone entgegen, indem sie auf die unterste steinerne Stufe vor der Tür herabstieg. – Der Mann ging in das Haus und antwortete nichts. – "Adam, was wollte der Herr Graf?" wiederholte sie mit etwas stärkerer stimme, als sie hinter ihm drein in den Hof ging.
Der Mann. Was wollte er? – Nicht viel Gescheites! was solche Leute immer wollen!
Die Frau. Nun? so erzähle mir doch, Adamchen! – Dachte er nicht an unsern Heinrich?
Der Mann. Mehr als zuviel! – Das ist heiss! – (und so jagte er mit seinem Stocke ein paar Hühner von einer alten Schnitzbank und nahm ihren Platz ein.)
"Was sagte er denn von unserm Heinrich?" setzte die Frau das Gespräch fort, indem sie sich mit halbem leib auf des Mannes linke Schulter legte.
Der Mann. Kannst du dir einbilden, Nillchen? Er will unseren Jungen zu sich auf das Schloss haben und einen Narren aus ihm machen