zu fassen vermochten.
Wilibalds stube war so ein entsetzliches Nest, dass für Herrmann jeder Augenblick darinne zu lange dauerte: schwarz beräucherte Wände, die unglaublichste Unordnung unter allen den Maschinen, die die Stelle der Möbeln vertraten! – Hier lehnte auf zwei schwachen Füssen ein Stuhl, an welchem das Eingeweide durch grosse Öffnungen auf allen Seiten des ledernen Polsters hervordrang, die übrigen beiden Füsse lagen nebst einigen andern zerstreut auf dem Fussboden herum, der überhaupt wie ein Schlachtfeld aussah, wo die sämtlichen Möbeln der stube ein Treffen geliefert haben mochten – hier stand ein Schuh auf dem berussten Tische oder schwamm vielmehr in einem Meere von verschüttetem Milchkaffee und sah sich traurig nach seinem Kameraden um – dort hing das zerrissne, schmutzige Bette über das Bettgestelle herunter, und bei jeder Bewegung flogen die Federn wie Schneeflocken durch die Atmosphäre der stube – der Ofen diente zur Garderobe, welche aber nichts entielt als verschiedene höchst unbrauchbare Strümpfe, die wie Kirchenfahnen an den Schrauben und Ecken desselben hingen –, auf dem Fensterbrett war das Speisegewölbe und die Polterkammer, und das Kopfkissen steckte in der zerbrochnen Glasscheibe, um die stube zu wärmen.
Das erste Unglück, das den beiden Aposteln begegnete, war der Mangel an Licht: das Tacht eines abgebrannten Talglichts, auf ein Gesangbuch geklebt, schwamm bereits indem zerschmolznen Inselt und verwandelte schon die hölzernen Tafeln in Kohlen. Wilibald beschwerte sich über die itzige Seltenheit des Silbers und die disproportionierte Menge des Goldes, womit das Land überschwemmt wäre, dass man bei kleinen Bedürfnissen im Handel und Wandel gar nicht auseinanderkommen könnte, und erkundigte sich, ob Herrmann nicht ein Restchen Silbermünze bei sich führte: weil er damit versorgt war, musste er Vorschuss tun, und der Apostel Wilibald ging in eigner person und holte unter seinem schwarzen Rocke ein Talglicht, das in Ermangelung des Leuchters in den Hals einer gläsernen Bouteille gestellt wurde.
Einer Unbequemlichkeit war abgeholfen: aber die eindringende Dezemberluft, welche das Kopfkissen nicht hinlänglich abwehren konnte, besonders da ihr eine Menge kleiner unverstopfter Ritzen in dem übrigen Teile des Fensters freien ungehinderten Eingang verstattete, machte es in diesem Stalle so kalt wie auf offnem feld. Wilibald fühlte dabei so grosse Unbehaglichkeit als Herrmann, und da nach seiner Erzählung sein Vorrat an Brennholz den Morgen vorher alle geworden war – ob er gleich noch keinen Span in seinem Ofen gebrannt hatte –, so beschloss er, alles Holz in der stube zu fällen: die zerstreuten Stuhlbeine wurden gesammelt, die übrigen ausgedreht, ein Stück des Bettgestells zu hülfe genommen, aus den Stuhlpolstern das Werg gerissen, nach allen Regeln der Einheizekunst aus diesen Materialien ein Holzstoss im Ofen errichtet, das Werg loderte empor, das dürre, überfirnisste Holz prasselte in hellen Flammen, und Wilibald erblickte mit inniger Herzensfreude das erste Feuer in seinem Ofen, solange er mit ihm in Bekanntschaft stunde.
Endlich fand sich auch ein drittes Bedürfnis ein – der Hunger. Da Wilibald seinen gänzlichen Mangel an Silbermünze einmal für allemal kundgemacht hatte, erbot sich Herrmann ungebeten zum Vorschuss: der Apostel Wilibald besorgte auch diesen Einkauf und brachte geräuchertes Fleisch und Brot in reichlicher Menge herbei, eine grosse Flasche Branntewein nicht zu vergessen: nebenher wurde ein Kaffee gekocht. Da alles zur Mahlzeit bereitet war und doch kein einziger Stuhl mehr aufrecht stehen und eine menschliche Kreatur tragen konnte, beschloss man, auf dem Fussboden Tafel zu halten: sie lagerten sich also beide in der Nähe des Ofens, die Bouteille mit dem Lichte zwischen ihnen, die Brannteweinflasche daneben, nebst dem Topfe voll Kaffee, womit Wilibald das Gastmahl eröffnete: ein jeder nahm sich nach eignem Belieben ein Stück auf die Faust und verzehrte es, ohne Messer und Gabel, die Knochen sammelte man im Ofen, um die Stelle der Kohlen vertreten zu helfen. Die Wärme, die der Ofen versagte, gab der Branntewein, und Freude und Begeisterung stiegen bei beiden mit jedem zug. Herrmann fühlte zwar anfangs keine kleine Abneigung in sich gegen diese schmutzige und wüste Lebensart, und er wäre schon durch den Anblick der stube beinahe von seinem Apostelamte abgeschreckt worden: allein seine fanatische Ruhmbegierde scheuchte bald alle Bedenklichkeiten hinweg: er erinnerte sich an die ungleich grösseren Martern, die so viel berühmte Vorgänger im Bekehrungswerke vor ihm ausgestanden hatten, und trug mit herzlichem Vergnügen diese ersten Beschwerlichkeiten seiner neuen Laufbahn, in der angenehmen Hoffnung, dass seine Standhaftigkeit bald auf härtere, verdienstvollere Proben stossen werde. Der Branntewein teilte seinem inneren Feuer neue Nahrung mit, dass seine Seele glühte wie seine Backen: die Köpfe der beiden Apostel bekamen einen Schwung bis zum halben Unsinn: sie jauchzten, sangen, wälzten sich wie Besessne, sanken in Küssen und Umarmungen dahin, fluchten den Ungläubigen und schwuren allen Naturalisten den Tod: sie warfen die Federn aus den Betten ins Feuer und triumphierten springend und frohlockend, so viele Deisten und Ateisten in der Hölle brennen zu sehen. Wilibald, der nur die Hälfte dieses Unsinns aus Trunkenheit tat und einen grossen teil davon beging, um seinen Kollegen desto mehr in Feuer zu setzen, hielt während der Mahlzeit eine sehr patetische Rede, worinne er ihre Unternehmung wider den berlinischen Unglauben mit der Eroberung von Amerika verglich und weit über alle Heldentaten der alten und neuen Welt erhob. Ein Stück geräuchertes Fleisch in der Rechten und eine Semmel in der Linken hub der Redner also an:
"drei sind nicht zwei, und zwei nicht hundert: aber zwei Wiedergeborne sind mehr als tausend mal tausend Ungläubige. Wie ich diese Semmel vor deinen Augen zerreisse, teuerster, auserwählter Bruder, wie ich dieses