1780_Wezel_105_118.txt

Wort aufbringen konnte und darum lieber schwieg. Endlich ermannte ich mich und fing an, laut unter ihnen zu predigen: da verstummten sie wie die Fische, falteten die hände und fielen wie tot mit den Köpfen auf den Tisch.'4 – Er hat sie insgesamt bekehrt.

Die Doktorin. Der brave Mann! Hat er in seinem Eifer nach einem so gesegneten Anfange nicht mehr Wunder getan?

Wilibald. Allerdings! In dem Tiergarten hat er einem ganzen truppe junger Deisten gepredigt: sie waren alle zu Pferde und versammelten sich in einem grossen Kreise um ihn, als er anfing: doch hier musste er Verfolgung leiden. Sie setzten ihn auf ein Pferd, führten ihn durch zwo lange Alleen und schrien: der Apostel! Dabei huben sie Sand und Steine auf, steinigten ihn und jagten das Pferd, bis er stürzte5. Er hat es darauf an dem nämlichen Orte mit vornehmen, sehr geputzten Naturalisten versucht: allein sie waren so frech, ihn mit Gelde bestechen zu wollen: sie reichten ihm insgesamt etwas; aber er schlug es mutig aus, ergrimmte über sie und verfolgte sie mit seiner Predigt, dass sie eilfertig davonflohen und ihn ängstlich baten, sie zu verlassen: so kräftig wirkte seine Rede auf ihr Gewissen.

Die Doktorin. Der vortreffliche Mann! Wieviel Grosses und Herrliches er schon in seinen jungen Jahren getan hat! Er wird gewiss noch die ganze Donau und Afrika und Russland bekehren. Das heisst doch in der Welt leben, wenn man so grosse Dinge tut. –

Obgleich alle Unterredungen bei diesen geheimen Mahlzeiten meistenteils diese Gestalt und Form hatten, so tauchte doch der Magister zuweilen seinen Pinsel in dunklere, fürchterlichere Farben und gab den Ausschweifungen und Lastern, die ihm Magister Kasimir und Magister Hildebrand von Berlin erzählt hatten, ein schauerhaftes Kolorit. Alle Strassen, Gassen und Plätze waren nach seiner Schilderung alle vierundzwanzig Stunden von einem Mittage bis zum andern mit Werken der Finsternis erfüllt, wie er sie nannte: wo man ging und stunde, wurde geraubt und gemordet. Das Bild glich keiner einzigen Stadt in der Welt, aber es tat doch grosse wirkung durch das Übermass seiner Abscheulichkeit: die Doktorin zitterte und bebte bei den Freveltaten, Sünden, Unmenschlichkeiten, Betrügereien, Bosheiten und Lastern, die der Magister in seiner Erzählung dicht aufeinander folgen liess, verabscheute sie, und wie die Kinder ihre Amme zu neuen Gespenstergeschichten auffodern, indem sie noch vor den erzählten schaudern, so ermahnte sie den Erzähler zur Fortsetzung, ob sie ihn gleich bei dem Schlusse einer jeden Lüge inständigst bat zu schweigen. Das Ende aller solcher gespräche war allemal die Beherzigung, wie heilsam und rühmlich es sei, die Berliner zu bekehren.

Auch Herrmann lernte dies allmählich empfinden. Das Unglück seiner Liebe hatte seinem Gemüte eine gewisse Bitterkeit mitgeteilt: alle seine Freunde und Bekannten bekämpften seine Lieblingsleidenschaft durch Hindernisse oder Verbot: ob er ihnen gleich nachgab und zum teil einsah, wie sehr sie recht hatten, so blieb doch ein Verdruss wider sie in ihm zurück. Sein Verdruss machte es ihm zum Vergnügen, viel Böses von den Menschen zu hören, und je mehr er von ihnen hörte, je leichter ward es ihm, auch das Unglaublichste zu glauben. Sein tätiger Geist konnte unmöglich ohne leidenschaft sein, und die Bekehrung der Berliner wurde endlich so sehr sein Wunsch, dass er die hohe Unternehmung bei sich beschloss; und seine Ruhmbegierde und Unbekanntschaft mit der Welt verbargen ihm das Abenteuerliche und Lächerliche eines solchen Entschlusses. Er las eifrig Missionsgeschichten und Leben der Märtyrer und entflammte seine Einbildung durch die erstaunenden begebenheiten so stark, dass er schon seinen ganzen Leib mit rühmlichen Wunden bedeckt und seinen Ruhm durch alle Weltteile verbreitet sah. Er lernte durch des Magisters Umgang meisterhaft auf das Verderben der Menschen schmähen: und es tat ihm recht wehe, dass er seinen geistlichen Feldzug wider den Unglauben nicht auf der Stelle eröffnen konnte.

Da seine fanatische Ruhmsucht in voller Flamme stunde, bestimmte ihm der Magister einen Tag, wo sie heimlich von Dresden entweichen wollten. Herrmann stemmte sich aus allen Kräften wider die heimliche Entweichung, allein sein Gefährte im Apostelamt hatte die wichtigsten Ursachen von der Welt, warum er darauf bestehen musste. Die Schulden, die sein unordentliches Leben angehäuft hatte, liessen ihn den Verlust aller Gunst bei seinen Gönnern und Gönnerinnen befürchten, wenn die Gläubiger aufwachten: viele waren schon erwacht, und es schien ihm also schicklicher, seinen Namen den Schimpf als seine person die Gefahr seiner Insolvenz tragen zu lassen. Deswegen stellte er seinem Mitbekehrer vielfältig vor, dass die Apostel und andre grosse Männer in dieser Laufbahn alle ihre Reisen zu Fuss getan hätten, dass dies ein erfoderliches Stück ihrer Unternehmung sei und dass er schlechterdings Dresden heimlich verlassen müsse, weil man ihn sowenig entbehren könnte und deswegen durch alle Mittel, vielleicht gar durch Gewalt, zurückhalten würde. Was sollte Herrmann tun? Er war schon von seiner künftigen Grösse beinahe blind und wurde es durch die Beredsamkeit des Magisters täglich mehr: um nicht vielleicht von der Ehre der Teilnehmung an so einer hohen Tat gar ausgeschlossen zu werdenwomit ihn der Magister bedrohte –, willigte er in alles. Er liess auf dem Tische in seiner stube einen Zettel zurück, worinne er bat, dass man ihm seine Sachen aufheben sollte, bis er sie durch einen Brief verlangen werde, und begab sich in den Abendstunden in die wohnung des Magisters, die man zur Zusammenkunft bestimmt hatte, mit nichts als seinem sämtlichen Gelde und einem kleinen Vorrate Wäsche versorgt, soviel als seine Taschen