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Wahrheit zu sagen: er gehorchte, bekannte seine leidenschaft, erklärte sie für Torheit und gelobte an, ihr auf immer zu entsagen. Auch war das Gelübde in dem Augenblicke ganz ernstlich: er wünschte, es halten zu können, und nahm sich fest vor, es nicht zu brechen. Konnte man mehr Aufopferung verlangen?

Länger als eine Woche las er den Brief wohl zehnmal in einem Tage: von jeder Beschäftigung, von jedem Gedanken kam er auf ihn zurück. Besonders machte die letzte Ermahnung einen tiefen Eindruck auf seine Ehrbegierde: sie arbeitete sich allmählich wieder empor, und in kurzer Zeit war der ganze Ton seiner Seele umgestimmt. Er dachte mit Wehmut an die Liebe, wenn sie sich in ihm regte, wie an eine anmutige Gesellschafterin, die man wider seinen Willen verlassen muss: er riss sich selbst von ihr hinweg – 'Sei ein Mann!' tönte ihm Schwingers stimme ins Ohr; und die Liebe kroch furchtsam in das äusserste Winkelchen zurück: aber sie war nur verscheucht, nicht verjagt.

Viertes Kapitel

Magister Wilibald, der seine geistlichen Krankenbesuche unermüdet forsetzte, ermangelte nicht, die Revolution in Herrmanns herz, sobald er sie wahrnahm, sich und der Kraft seiner Beredsamkeit zuzuschreiben, ob er gleich nach zwei Besuchen sich seines Trost-, Lehr- und Strafamtes freiwillig entsetzt und den neubekehrten Herrmann von Stadtneuigkeiten und besonders von den Mühseligkeiten seiner Mitbrüder unterhalten hatte. Die wichtigste Angelegenheit schien für den schwarzperückichten Seelenbekehrer die Entdeckung zu sein, dass Herrmann mit Schwingers Briefe funfzig bare Taler bekommen und achtzehn schön funkelnde Dukaten ausserdem noch in seinem Schränkchen eingeschlossen habe: er liess sich beides zeigen, pries mit inniger Freude den Besitzer desselben glücklich als einen Auserwählten, auf welchen Gott seine Gaben reichlich ausschüttete, und ermahnte ihn zum guten, weisen Gebrauche dieser zeitlichen Güter.

"Spielen Sie?" fragte er am Ende seiner Ermahnung.

Herrmann. Nein; ich habe allem entsagt, was mich nur einen Fingerbreit von meiner Hauptabsicht ausführen kann: ich bin auf eine Art ein Tor gewesen, ich will es nicht wieder auf eine andre sein.

Wilibald. Das sind wahre Entschlüsse, wie sie ein Mensch fassen muss, den ich wiedergeboren habe. Indessen wenn man mit christlichen frommen Leuten spielt, die nicht dabei fluchen und schwörenwie zum Exempel, wenn Sie in Sanftmut und Gelassenheit mit mir ein zeitverkürzendes und gemütergötzendes Spielchen machten

Herrmann. Mit niemandem, und wenn's ein Engel wäre! Schwingers Brief hat meine ganze Seele umgeändert: er hat mich erinnert, dass ich nichts bin: ich muss arbeiten, dass ich's nicht länger bleibe. Wie? ich sollte so daniedergedrückt, so zurückgesetzt, ungeehrt, ein Wurm bleiben, über den jedermann verächtlich hinschreitet? zeitlebens ein Tier sein, das arbeitet und sich füttert, ohne dass mich eine Tat vor den übrigen auszeichnet? – Lieber mag ich nicht leben: nicht eher will ich an Ulriken, an Liebe, Vergnügen und Glückseligkeit denken, als bis ich mich aus dem Nichts emporgerissen habe, das mir Schwinger vorwirft.

Wilibald. Das ist sehr löblich. – Das Gemüt will aber doch zuweilen auch seine Ergötzung haben, und ein anständiges Spielchen mit frommen Leuten

Herrmann. Nein, sag ich Ihnen. Liebe, Vergnügen, Spielalles, alles ist mir zuwider, verächtlich, klein: ganz ein andrer Trieb lebt in mir: wie eine Flamme brennt er in meiner Brust: wenn Sie diesen Durst löschen können, dann sind Sie mein Freund.

Wilibald. Ich bin freilich ein schwaches Werkzeug in den Händen der Vorsicht; indessen wenn ich wüsste, was so eigentlich Ihr Wunsch und Begehren sei

Herrmann. Nur eine Tat, eine Handlung, die meine Geburt auslöscht! O der Sohn eines Einnehmers, den mir Schwinger vorrückt, brennt mich Tag und Nacht wie eine Kohle in meinem herz! Ich kann nicht ruhen, bis ich den Vorwurf rein ausgetilgt habe.

Wilibald. Wenn Sie das wünschen, so will ich Ihnen eine Handlung vorschlagen, die Ihnen bei Gott und Menschen Ehre bringen, eine Tat, die Ihren Namen durch alle vier Weltteile verbreiten, die Sie nach Jahrtausenden noch so berühmt machen wird wie alle Märtyrer und Heidenbekehrer: das Kind, das an der Mutter Brust liegt, wird Ihren Namen zuerst aussprechen lernen: der sterbende Greis wird ihn noch mit Dank und Ehrfurcht nennen: auf allen Kanzeln in Europa, Asia, Afrika und Amerkia wird Ihr Lob ertönen: Dichter und Redner in allen Sprachen der Christenheit werden Sie erheben: Ihr Bildnis wird in Sandstein und Marmor, in Kupfer, Erz, Gips, Wachs, Siegellack und Ton, in schwarzer Kunst, gestochen, geätzt, gemalt, als Büste, Kniestück und in Lebensgrösse in allen Zimmern, Stuben und Kammern, unter venetianischen Spiegeln und an himmelblauen Brotschränken durch die ganze Welt zu finden sein, man wird es an Uhren, auf Stockknöpfen und Dosen, in Ringen tragen, und nach Jahrtausenden werden sich noch Kenner und Antiquare über Ihre Nase zanken: Ihr Ruhm wird mit Himmel und Erde eine Dauer haben.

Herrmann. Und welches ist diese grosse, herrliche, einzige Tat?

Wilibald. Wir wollen die Berliner bekehren.

Herrmann stutzte und schwieg. Der Magister liess seiner Verwunderung ein wenig Zeit und fuhr alsbald in seiner Rede patetisch also fort:

"Fromme Männer haben Boten ausgesandt, um beschnittne Juden und ungetaufte Heiden zu bekehren: fromme Männer haben sich zu einem so grossen Endzwecke als Apostel gebrauchen lassen, haben