feurigen Gefühls für Ehre und Rechtschaffenheit, kann unmöglich jene gewisse Erfahrung gelernt haben und nicht mit allen Kräften den Schritt zurückziehn, den er in seiner Torheit weiter tun will: lieber lähmte er seinen Fuss, um keinen weiter tun zu können.
Ob mich meine gute Erwartung von Dir täuschen wird, dazu soll mir ein einziger Beweis genug sein. Die Baronesse hat schon über einen monat Dresden heimlich verlassen: die Oberstin kann ihren Aufentalt nicht auskundschaften. Um sich Ungelegenheit zu ersparen, weil sie die Entlaufne wiederzufinden hoffte, hat sie der Gräfin den Vorfall erst vor kurzem gemeldet: noch ist man imstande gewesen, dem Grafen diesen neuen Zuwachs von Ärger und Zorn zu ersparen. Wir wissen, dass die Baronesse eines Abends Dich heimlich besucht hat, und auch dem Grafen konnte man es nicht verbergen: auf seinen Befehl sollte Ulrike von ihrer Mutter aus Dresden weggeholt und in das Stift zu ** gebracht werden, aber ein unglücklicher Fall mit dem Pferde hinderte ihre Reise, und man gab der Oberstin den Auftrag, es an ihrer Stelle zu tun, allein zu einer Zeit, wo die Baronesse schon entlaufen war: wir alle glaubten sie längst im Stifte, als die schreckliche Nachricht von ihrer Unbesonnenheit anlangte. Alle diese Umstände erzähle ich Dir, um zwo fragen an Dich zu tun, deren Beantwortung mich bestimmen wird, ob ich mich ferner Deiner annehmen oder Dich der Besserung des Unglücks überlassen soll. – "Hast Du teil an der Entfliehung der Baronesse? Weisst Du, wo sie ist?" – Auf Gewissen und Ehre beantworte mir diese beiden fragen! belügst Du mich, dann gehe! Werde ein Schurke, ein Lasterhafter, ein Bösewicht, werde gehängt, gerädert oder geköpft! – ich kenne Dich nicht mehr.
Indessen, in der Hoffnung, dass Du mich nie zu einer so harten Selbstverleugnung zwingen wirst, empfange von mir den letzten Beistand! aber gewiss den letzten, ich schwör Dir's bei Gott! wenn Du in Deiner Torheit beharrst! Ich habe Dich an einen Berliner Kaufmann, der sich wegen seiner Schuldforderungen an den Grafen bei uns aufgehalten hat und dessen Adresse Du diesem Briefe beigefügt findest, empfohlen, dass er Dich als Handelsbursche in die Lehre nehmen soll. Ich übersende Dir deswegen 10 Louisdor zu den Reisekosten und zur Erleichterung Deiner Subsistenz in Berlin: den Akkord mit dem Kaufmanne habe ich bereits geschlossen, und Du brauchst für nichts zu sorgen, als Dich unverzüglich, das heisst höchstens in Monatsfrist, dahin zu begeben und in eine Bahn der Geschäftigkeit zu treten, die künftig Dein Glück machen soll, die Dir Nutzen und Ehre verspricht.
Und nun, lieber Freund, noch einmal! Bezwinge Dich wie ein Mann! behaupte Deine Würde! Reisse alles Andenken an Ulriken aus Deinem herz, bis auf das kleinste Würzelchen reiss es aus, und wenn es Dich blutige Tränen kosten sollte! Bedenke, dass Du nicht zum Empfinden, sondern zum Handeln geboren bist, nicht zum schmachtenden Schäfer, sondern zum tätigen Weltbürger!
Wirf Dich in die Geschäftigkeit tief hinein, gib ihr alle Deine Kräfte und Gedanken, dass für die Liebe nichts übrigbleibt! Deine Schreibart in Deinen Briefen seit mehr als einem halben Jahre ist mir bedenklich gewesen: sie war hart, heftig, in der geringsten Kleinigkeit übertrieben und aufgeschwellt: sie hatte durchaus die Kennzeichen der leidenschaft: sie soll auch inskünftige mich belehren, ob das Feuer in Deinem herz gelöscht ist.
Wenn Du sehen könntest, mit welcher Bewegung des Herzens, mit welchen Erwartungen, mit welchen gerührten Wünschen ich diesen Brief schliesse – Du hörtest noch heute auf, ein Tor zu sein. Sei ein Mann! sag ich Dir, und dann bin ich ewig
Dein Freund Schwinger
Welch ein Brief! Als wenn eine Donnerstimme jedes Wort in Herrmanns Herz rief, erschütterte er ihm Mark und Bein: er änderte auf einmal den ganzen Schauplatz seiner Gedanken und Empfindungen und zeigte ihm seine Liebe zu Ulriken in einem Lichte, in welchem er sie nie gesehen hatte, dass er vor ihr erschrak. Sie zeigte sich ihm bisher bloss als Gefühl für einen liebenswürdigen Gegenstand – als Empfindung der natur, der er nicht widerstehen konnte noch mochte, weil er es für billig hielt zu lieben, was ihm gefiel –, als Quelle seiner Glückseligkeit: die Vorstellung davon war beständig von so vieler Süssigkeit begleitet und mit so helleuchtenden, strahlenden Farben ausgeschmückt, es war eine Sonne, die ihn befeuerte und blendete, dass er nichts als einen liebenden Heinrich und eine liebende Ulrike erblickte: doch jetzt! – plötzlich sah er sich als Sohn eines Einnehmers und Ulriken als Baronesse, als Verwandtin des Grafen Ohlau: seine Liebe zu ihr schien ihm Torheit, Unsinn, Raserei. Schwingers Brief zwang seinen blick so unwiderstehlich, diese längstvergessne Seite seiner Liebe zu betrachten, dass seine leidenschaft auch nicht einen Grund dawider aufbringen konnte: sie verstummte. Es herrschte einige Tage hindurch eine tote, öde Stille in seiner Seele: die Liebe wagte es kaum, sich von dem gewaltigen Sturze wieder zu erheben. Er antwortete Schwingern auf seine fragen mit aller Gewissenhaftigkeit, dass er die Flucht der Baronesse weder befördert noch angeraten habe und ebensowenig wisse, wo sie sei: es fiel ihm zwar einigemal ein, lieber die Schuld durch eine Lüge auf sich zu nehmen und lieber Schwingers Freundschaft zu entbehren, als Ulrikens Strafbarkeit durch sein Zeugnis zu vermehren: allein das Schrecken, das ihm der Brief eingejagt hatte, stand wie ein fürchterlicher Riese vor ihm und gebot, die