, das Dich erzog, nährte, pflegte, eine Dame, die Dich noch vor einem Monate durch ihre letzte Wohltat unterstützte, in Tränen, Uneinigkeit, Gram und Herzeleid versenkt. Wo war Deine Vernunft, als Du Dir zuerst eine so ausschweifende Neigung gegen die Baronesse erlaubtest? Denn so lange ich auch aus Freundschaft für Dich daran zweifelte, so kann ich leider nicht länger in diesem gutgemeinten Wahne beharren! Dein eigner handschriftlicher Beweis zeugt wider ihn und Dich.
Heinrich, einen Augenblick Überlegung! hast Du ganz vergessen, dass Dein Vater Einnehmer des Grafen Ohlau war, des Grafen Ohlau, dessen Schwestertochter Du Dich zu lieben erdreistest? dessen Schwestertochter Du Deine Geliebte, Deine künftige Gattin nennst und ihr Mut und Entschlossenheit zuschwörst, um mit ihr durch alle Gefahren Dich hindurchzureissen? dass Dein Vater Einnehmer, abgedankter Einnehmer des Grafen Ohlau ist, der ihm durch ein kümmerliches Gnadengeld das Leben fristet, dessen Schwestertochter Du wider alle Deine und ihre Feinde beschützen willst? Widersetzte sich nicht Deine Feder, als Du dies zu schreiben wagtest? Und wer sind diese Feinde? Die Gräfin Ohlau, Deine Wohltäterin, Deine wahre Mutter, die Dich geliebt, erzogen, zum Menschen gemacht hat! ohne die Du ein armseliger, nackter Bube wärst, ohne Bildung, Wissenschaft und Sitten roh, schwach und kraftlos in Mangel und Niedrigkeit herumkröchst! die Dir noch jetzt in Dresden Dein elendes Leben durch eine monatliche Mildtätigkeit erhielt! denn wisse, nur durch sie lebst Du! wisse, dass Du ein Hauch bist, den sie belebte, den sie verlöschen lassen kann, wenn sie will, und sie will es; denn von ihr darfst Du keine einzige Wohltat mehr erwarten. – Und diesen Grafen, diese Gräfin nennst Du Deine Feinde? – O Du toller Jüngling! Wie schäme ich mich Deiner Freundschaft!
Und wozu hast Du Dich nunmehr gemacht? – Zu einem Bettler! Reisse Dir einmal den blendenden Wahn der leidenschaft von den Augen und siehe Dich in Deiner ganzen Dürftigkeit! und wenn Du dann nicht über Dich selbst die Zähne knirschest und vor Schmerz über Deine Raserei vergehn möchtest, dann will ich meine Hand verfluchen, wenn sie noch einen Buchstaben an Dich schreibt: dann bist Du ein Unwürdiger, der nicht einmal Hass, sondern Verachtung verdient.
Aber solltest Du das wirklich sein? – Noch immer widerstrebt mein Herz, wenn ich dies von Dir argwohne. Dein feuriges Blut, Deine reizbare Seele, Dein brausendes Alter, vielleicht auch Dein Stolz, Dein Ehrgeiz – das, das sind die Urheber Deiner Torheit und Deines Unglücks: Du bist von ihnen überrascht, überredet, überlistet worden; und doch muss ich zu meiner Betrübnis mir auch diese Täuschung versagen. Ich bin durch Deine eignen Briefe an Ulriken, die uns von der Oberstin zugesandt worden sind, meiner Schwäche, meiner Nachlässigkeit überführt worden: Du hast schon eine Neigung heimlich in Dir genährt, als ich Dich vor aller Welt davon freisprach; und welche beharrliche Überlegung gehörte dazu, meiner Wachsamkeit in einem solchen Alter eine vorzeitige leidenschaft zu verbergen! Auch hat mir Deine Torheit manches Unglück schon verursacht: Vorwürfe, scheele Gesichter, brennende Verweise habe ich von Graf und Gräfin über meine schlechte Aufsicht ausstehn müssen; und Gott sei mein Zeuge! sie war doch nach allem meinem Wissen und Gewissen die beste, die sorgfältigste, deren ich mit allen meinen Kräften fähig bin. Freilich hinterging mich meine leichtgläubige Freundschaft für Dich; und für diese guterzige Schwäche muss ich dann büssen, schwer büssen! Die Vorwürfe des Grafen und der Gräfin haben mich vom schloss vertrieben: ich konnte ihre Bitterheit unmöglich länger ertragen: ich verliess die wohnung der Zwietracht und der Verfolgung, die jetzt durch den Ungestüm so vieler unzubefriedigender Gläubiger und noch mehr durch Deine Tollheit zum Sitze des Verdrusses, des Unwillens, der Traurigkeit und des Weinens geworden ist; denn täglich bist Du Ursache, dass Deine Wohltäterin sich auf ihrem Zimmer in Tränen badet, wenn sie die grausamen Vorwürfe ihres Gemahls bis in die Seele verwundet haben. Die Verlegenheit über seine ökonomischen Umstände macht ihn wild und hart; und er schüttet seinen geheimen Schmerz darüber mit barbarischer Unbarmherzigkeit über die arme Gräfin aus, weil sie in Dir den Unglücklichen erzog, der ihr Haus schänden sollte. Ich wohne zwar jetzt an dem äussersten Ende der Stadt, in einem einsamen friedfertigen Häuschen, in anscheinender Ruhe: aber Du, unseliger Freund, hast mir auch diese Ruhe verbittert. Ich quäle mich unablässig mit eignen Vorwürfen, dass ich zu Deiner Unbesonnenheit und so vielem Herzeleide eine der nächsten Veranlassungen sein musste: ich ängstige mich, sooft ich an Dich denke; und ich denke jede Minute an Dich.
Ergreift Dich nicht ein eiskalter Schauer, wenn Du so die ganze Reihe Deiner Vergehungen und die Menge der Unglückseligkeiten überdenkst, die Du auf Dich und uns alle gehäuft hast? Und wer sind wir alle? Deine Wohltäter, Deine Freunde! Denke Dir Deine Liebe zur Baronesse ein einziges Mal als die Urheberin so vielfachen Unglücks! und ich möchte Dich in dem Augenblicke einer solchen Vorstellung sehen: ich weiss gewiss – oder die natur müsste sich selbst betrogen haben, als sie Deinen so früh erwachten Verstand bildete –, ich weiss gewiss, Tränen, heisse bittere Tränen werden Deine Wangen netzen: Du wirst Deine leidenschaft verabscheuen und wünschen, alle traurigen Folgen derselben vernichten zu können. – 'Man fängt mit Torheit an und endigt mit Laster' – glaube diese Erfahrung Deinem ältern Freunde! Ein Mensch, voll so