Die übrigen sind nur da, um die Glückseligkeit andrer zu stören, zu hindern, zu verbittern.
Der Magister. Ja allerdings! die Welt liegt im argen: es ist alles eitel. Entsagen Sie der Welt?
Herrmann. Mit Freuden! In dem tiefsten, unzugänglichsten Gebürge wollt' ich mir eine Hütte bauen und als Einsiedler mein ganzes übriges Leben in der traurigsten Einsamkeit zubringen: aber Ulrike! die arme, Verlassne, Verfolgte! Aus Liebe zu mir verliess sie Wohlsein und Rang. – Wo sie jetzt herumirren mag? In welcher elenden Leimhütte wohnen? Auf welchem beschmutzten Lager ruhen? Immer ängstlich, immer besorgt, wie eine Taube, die den Habicht flieht. – O der unselige Bleistift!
Der Magister. Sie bereuen also von ganzem Herzen Ihre Liebe?
Herrmann. Wie sollt ich etwas nicht bereuen, das mich auf immer unglücklich macht? –Aber was hilft Reue? – Ich muss sie finden, die Unglückliche, oder mich zu tod quälen. Der Magister. So wünsch ich Ihnen gute Besserung. –
Mit diesem christlichen Wunsche nahm er Abschied und berichtete seiner Gönnerin, dass der junge Mensch auf dem rechten Wege sei, sich zu bessern; und weil sie voraussetzte, dass er ihn dahingebracht habe, lobte und pries sie seine ungemeine Kunst, die Leute zu bekehren, und ermahnte ihn, das angefangne gute Werk durch wiederholte Besuche fortzusetzen, welches er seit dieser Zeit täglich tat. Die Unterredung fiel fast allemal auf den nämlichen Schlag aus: Herrmann wurde täglich verdriesslicher, unzufriedner und erbitterter auf die Liebe und auf sich selbst: er schalt sich, dass er die Torheit gehabt hatte, sich in eine Baronesse zu verlieben, und wünschte, sie ohne Verletzung seines Gewissens nicht mehr lieben zu können. – 'Den Schmerz wollt' ich tragen', sagte er sich oft, 'aber was hilft es der unglücklichen Vertriebnen, dass ich nicht länger ein Tor bin? Sie hat sich einmal zum Opfer meiner Torheit gemacht.'
Bald tadelte er Ulriken bis zum Erzürnen, dass sie seine Liebe erregt, ermuntert und unterhalten habe, und zuweilen war er recht erbittert, dass sie so liebenswürdig sei. – Wenige Augenblicke darauf dankte er ihr alle Freuden seines Lebens, schien sich selbst durch sie der Glückseligste auf der Erde geworden zu sein und sah in sein Leben wie in ein finstres, wüstes Leere hinab, wenn Ulrike es nicht durch ihre Liebe angefrischt, munter und fröhlich gemacht hätte. – Jetzt beschloss er, seine Neigung zu bezwingen und Ulriken dem Elende zu überlassen, worein sie sich unbesonnen selbst gestürzt hätte: ihre Entfliehung, ihr Schwur erschienen ihm als übereilte, tolle Handlungen und die ganze Ulrike als eine Zusammensetzung von Unbesonnenheiten und Schwachheiten, ohne Überlegung, ohne Vernunft. – Nach einem paar Atemzügen erblickte er sie schon wieder als eine verdienstvolle Märtyrerin seines Glücks, als die edelste, grossmütigste Seele, der er für alles Ungemach, Schmerz, Beschwerlichkeit, Verfolgung nicht feurig genug zu danken glaubte, und wenn er sich ihr lebendig opferte: er musste sie aus Dankbarkeit lieben, und kaum hatte er diesen Gedanken einige Minuten verfolgt, so zeigte sich ihm sein Entschluss, sie nicht zu lieben, als eine platte Unmöglichkeit, als eine idee, die man nur in der Fieberhitze haben könnte, die er gar nicht zu begreifen vermochte; und nun riss seine Phantasie mit ihm aus: er sah in Gedanken Ulriken unter tausendfachen Gefahren, in Stürmen, Ungewittern, zu wasser und zu land, unter Löwen, Tigern, Bären und Wölfen, in Krankheit, Hunger, Gefängnis, Verfolgung, und jedesmal sich als ihren Erretter, der wie ein mutiger Perseus herbeieilte, sie befreite und zur Belohnung seines Mutes ihre Hand empfing. Nun war es ihm leid, dass er nicht so hurtig wie die Liebeshelden seiner Fabelwelt auf geflügelten Drachen oder Rossen reiten konnte: er wäre den Augenblick durch alle Lüfte gejagt, wenn er einen Pegasus gehabt hätte.
In dieser schwankenden, veränderlichen Gemütsverfassung, wo sich die Dinge und Umstände fast mit jedem Pulsschlage von einer andern Seite, in anderm Lichte, mit andern Farben zeigen; wo Hell und Dunkel in der Seele mit so schnellem Vorüberschiessen abwechselt wie Licht und Schatten an einem Apriltage; wo kein Entschluss länger als fünf Minuten dauert und die Seele wechselsweise von Vernunft, Einbildung, leidenschaft gleichsam gewiegt wird, ohne dass sie lange zu einem festen stand gelangt: – in dieser nicht sonderlich angenehmen Gemütsverfassung empfing Herrmann einen Brief von Schwingern, der ihn unerwartet wie ein Blitz traf.
den 25. Oktober.
Lieber Freund!
Noch will ich Dir diesen Namen nicht entziehn, so wenig Du Dich seiner würdig zu sein bestrebst. Du zwingst mich, eine Sprache mir Dir zu reden, die ich in Deinen Kinderjahren nie gebrauchen durfte: aber auch nie hast Du als Kind mich bis zu solchem tiefen Schmerze betrübt wie jetzt in Deinem Jünglingsalter. Bis zu Deinem funfzehnten Jahre warst Du ein Weiser, und jetzt in Deinem siebzehnten wirst Du ein Tor! Doch warum sag ich: ein Tor? – Ein Lasterhafter und fast ein Bösewicht! Heinrich, ich bitte Dich um meiner Ruhe willen, erzeige mir die einzige Wohltat und widerlege mich! strafe mich Lügen, dass ich Dich einen Bösewicht nannte! ich beschwöre Dich darum.
Doch warum halte ich Dir nicht lieber gleich das Gemälde Deiner Vergehungen vor die Augen, dass Du mit Scham und Reue vor ihm zurückbebst? – Du hast durch eine einzige Torheit ein ganzes Haus