schwarzen Perücke schon einmal schuldige Erwähnung geschehn ist. Er war ihr Gewissensrat, hatte ungehinderten Zutritt zu ihr und genoss eine Verehrung von ihr, die fast bis zur Anbetung stieg. – Er war – was aber niemand ausser ihm in der ganzen Stadt wusste – ein teologischer Abenteurer ohne Amt, der mit Heiden- und Judenbekehrungen prahlte, die er nie gemacht hatte: er hatte die ganze pietistische Pantomime in seiner Gewalt, einen schleichenden Ton, und suchte durch die tiefste weggeworfenste Ehrerbietigkeit und Demut schwachen Seelen, besonders den Weiblein, das unumschränkteste Vertrauen abzuschmeicheln. Seinen Stolz und Ehrgeiz maskierte er so geschickt, dass ihm viele die übertriebenste achtung und Ehrfurcht bezeugten, und er nahm sie ohne Weigerung als Opfer an, die man durch ihn dem lieben Gott brächte, für dessen Diener sich der Unverschämte ausgab. Die natur hatte ihn mit einem gesicht gebrandmalt, das mit so belehrender Deutlichkeit als ein eingebrannter Galgen vor ihm hätte warnen sollen: der mittlere teil war durch starkes Brannteweintrinken mit kupfrichter Röte überzogen worden, aus welcher grosse weisse Blattern wie Kalkhaufen auf einem rotsandichten Ackerfelde hervorragten: die beiden Enden des Gesichts bestunden unten in einem gelbgrünlichen, spitzigen Judaskinne und oben in einer breiten, weissen, schuppichten Stirn, die an beiden Schläfen sich in ein Paar Hörner emporhob und in der Mitte bis zur Nase ein tiefes Tal liess. Durch einen Zufall, den nur der allwissende Himmel, Herr Wilibald und der Chirurgus kannte, hatte die Nase einen teil ihres knochichten Gebäudes eingebüsst, dass sie also mit ihrer dicken, aufgelaufnen Spitze einer aufbrechenden Rosenknospe nicht unähnlich sah: auch war ihr durch den nämlichen Zufall ein schwirrender Ton mitgeteilt worden, der bei jedem Atemzuge wie der danebengehende Wind einer schlechtgeblasnen Flöte aus beiden Nasenlöchern deutlich und vernehmlich herausfuhr, und wenn er sprach, wurden seine Worte beständig von dem Orgelwerke seiner Nase in gebrochenen Akkorden begleitet. Es war, von allen Seiten betrachtet, der widrigste und zugleich der unwürdigste Mensch, der lüderlichste, ausschweifendste, wenn er unentdeckt zu bleiben hoffte, ein vollkommnes Muster der Tugend, wenn er in Gegenwart andrer handelte und sprach, von vielen unendlich geachtet, von vielen fast göttlich verehrt.
Dies verdammte Gesicht, in eine kohlenschwarze Perücke gesteckt, trat jetzt in Herrmanns stube herein, grüsste mit einem seichten Nicken und sagte mit der gewöhnlichen Nasenbegleitung, dass die Frau Doktorin ihn, den Magister Wilibald, habe rufen lassen, um sich der Seele eines von sündlicher Liebe kranken und geistlich toten Menschen anzunehmen. Herrmann vermutete nichts weniger, als dass er dieser geistlich Tote sei, und bat ihn, noch voll von einem Reste seines Unwillens, zur Frau Doktorin zu gehen, die ihn besser brauchen könnte als er. Der Magister setzte sich nieder, legte den umgekehrten Hut auf den Schoss, die gefaltnen hände darein, räusperte sich und fing mit lauter, schwirrender stimme an:
"Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin –"
"Warum tragen Sie so eine verfluchte schwarze Perücke?" unterbrach ihn Herrmann.
Der Heidenbekehrer liess sich nicht stören, sondern hub mit verstärkter stimme noch einmal an:
"Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich verbrannt. Seht mich nicht an; denn ich will vor Scham vergehen; ich möchte mir vor Reue das gesicht zuhalten; ich kann vor Scham die Augen nicht aufschlagen, noch viel weniger mir von andern, besonders von frommen und wiedergebornen Leuten und Menschen, ins Gesicht sehen lassen. Dass ich so schwarz bin, so schwarz wie eine Kohle, von grosser Sündenschwärze; schwarz wie ein Mohr, den nieman bleichen kann; schwarz wie ein Rabe, der sich von Aas und Luder nährt, gleich den Menschen, die in lüderlichen Neigungen und Affekten ersoffen und ertrunken sind. Aber warum bin ich so kohlschwarz? denn die Sonne, oder wie Sie lieber sagen möchten, denn die Liebe hat mich verbrannt: verbrannt, das heisst wie eine Glut im Feuerofen oder, welches noch heisser ist nach der Bemerkung erfahrner Naturkündiger, wie die Flamme der Sonne, wenn sie im heissen Mittage steht, hat mich das höllische Feuer der Liebe versengt, gebraten, in Asche und Staub verwandelt." –
"Leider! leider!" unterbrach ihn Herrmann seufzend. "O hätt ich nie eine Minute lang Liebe in mir gefühlt! nie etwas anders als Ungeheuer um mich gesehen, die mir nichts als Hass und Widerwillen einflössten! Wenn es möglich wäre, ein Gelübde zu halten, dem mein Herz widerspricht – auf der Stelle wollt' ich schwören, nie mit einem Gedanken, mit einer Nerve wieder Liebe zu empfinden."
Der Magister. Also empfinden Sie wahre Reue darüber?
Herrmann. Reue, Schmerz, Betrübnis, Ärger, Kummer! alles, was nur eine menschliche Seele martern kann! – Wer hat wohl mehr Ursache dazu? Wenn ich meinem Verlangen so nahe bin, dass ich nur zuzugreifen brauche, dann jagt mir's plötzlich der Zufall wie der Wind eine Feder vor der Hand weg. Ist in der ganzen weiten Welt ein unglücklicherer Mensch als ich? Und was machte mich unglücklich? Fünf oder sechs elende verwischte Buchstaben! O der traurigen Welt, wo das Glück des Lebens von einem Bleistiftzuge gegeben oder genommen wird!
Der Magister. Sie verabscheuen, hassen und verachten also die Welt samt allen ihren Lüsten und Begierden?
Herrmann. Ja, und nur um eines Geschöpfes willen verfluch ich sie nicht. Nur um eines Geschöpfs willen!