aber es hörte niemand. –
Diese Entschuldigung sagte der arme Liebesbote zwar sehr laut, aber er hatte kaum das erste Wort davon ausgesprochen, so lag ihm schon der Stock auf dem rücken. Herrmann, ohne sie annehmen zu wollen oder zu bedenken, dass sie sehr gültig war, weil er den ganzen gestrigen Tag im Bette in der kammer zugebracht und also sein Betteln wirklich nicht hatte hören können, rächte er sich für die Tücken des Schicksals an dem unschuldigen Abgesandten und verfolgte ihn mit ausgeholtem Stocke die Treppe hinunter. Zorn und Wut über den unglücklichen Zufall stiegen bis zur Verwilderung: er buchstabierte noch einmal das schmutzige Papier durch, aber schlechterdings liess sich der Ort nicht entziffern: er war auf immer und ewig verwischt. Er warf das verhasste Blatt an die Erde, hub es auf, zerriss es und streute die unendlich kleinen Fragmente in alle vier Winde aus: er scharmuzierte die stube auf und nieder, und was im Wege stunde, musste die wirkung seines Grimms erfahren: Tasse und Teller, die vom Frühstücke noch dastanden, tanzten klirrend vom Tische herab und rollten zerbrochen über den Fussboden hin: der Spiegel bekam einen Schlag, der ihn zeitlebens in zwo Hälften teilte: der schnaubende Unglückliche hätte sich selbst in zwo Hälften zerfleischen mögen.
Die Doktorin, die der Lärm herbeigerufen hatte, kam mit kläglicher Gebärde zu ihrem mann und versicherte sehr mitleidig, dass die Liebe dem armen Menschen den Kopf verrückt haben müsste. – "Wenn man ihm doch nur zu helfen wüsste!" setzte sie hinzu. "Es ist doch wahrhaftig gar ein hässliches Ding, die Liebe, wenn man sich einmal mit ihr einlässt. Der arme Mensch! War so artig, so hübsch! Ich fürchte mich vor ihm, Papachen: ich kann unmöglich auf meiner stube allein bleiben."
Der Mann lachte und suchte ihr die Furcht zu benehmen. "Ach, Papachen!" fuhr sie fort, "du weisst nicht, wie weit es mit so einem Menschen geht. Wenn ich nur nicht an seinem Unglücke schuld wäre. Es kränkt mich in der Seele: der arme Mensch! – Wenn du nicht bei mir bleiben kannst, schliess ich mich ein." –
Wirklich schloss sie auch ihre Tür ab und schob den Riegel vor. So hielt sie ihre leichtgläubige Eitelkeit den ganzen Vormittag gefangen, und Magd und Bediente mussten jedesmal durch viele Beweise dartun, dass sie es waren, ehe sie hineingelassen wurden.
Kurz nach Tische langte Hans Pump, der Bediente der Oberstin, an, um sich zu erkundigen, ob Ulrike diese Tage her nicht ins Haus gekommen wäre. Die Dame hatte zwar unmittelbar den Morgen nach ihrer Entlaufung an den Doktor geschickt, und er stellte auch die Versichrung von sich, es ihr sogleich zu melden, wenn sich die Baronesse blicken liess: da Herrmann die Tage her nicht ausgegangen war, so nahm er ihn gar nicht in Verdacht, dass er um die Entlaufung etwas wüsste, und über seinen vielen Geschäften vergass er, dem Kranken etwas davon zu sagen, und wenn er ja daran dachte, so verhehlte er ihm die Begebenheit, um ihn nicht noch mehr zu kränken. Hans Pump hatte seitdem in der Gasse vor dem haus des Tages und Abends patrouillieren müssen: in andre Gegenden der Stadt waren andre Kundschafter ausgesandt worden. In der Länge wurde Hans Pump seines Postens überdrüssig und kam jetzt, seiner Pflicht die letzte Genüge zu tun, das heisst noch einmal im haus anzufragen, und dann von seiner Wache abzugehn: diese Anfrage wurde, weil der Doktor nicht zu haus war, der Doktorin in die hände geliefert. Sie war in der ganzen geschichte noch so neu wie ein neugebornes Kind und ersuchte Hans Pumpen, ihr den ganzen Vorfall vom ersten Anfange an zu berichten, welches er sogleich mit möglichster Weitläuftigkeit tat. Sie rechtfertigte Herrmann auch, dass er wegen seiner Krankheit keinen Anteil an der Entfliehung haben könnte; dabei liess sie Eu. Gnaden, der Frau Oberstin, mit etwas beleidigtem Tone melden, dass man keine lüderlichen Mädchen, wenn es auch Baronessen wären, bei ihr suchen müsste.
Nun ging ihr ein Licht auf. Sie vermutete zu ihrer empfindlichen Kränkung, dass sie ihr Mann zum besten gehabt oder aus einer andern Ursache hintergangen habe, als er ihr überredete, dass Herrmann in sie verliebt sei: gleichwohl sich bei ihm darüber zu beschweren und zu verraten, dass sie ihre Eitelkeit verführt habe, der Lüge ihres Mannes zu glauben, war noch mehr erniedrigend: sie beschloss also, ihren Ärger zu verbeissen, sich zu stellen, als ob sie gar nichts von der Liebe des jungen Menschen zu ihr geglaubt, sondern seine Angelegenheit mit der Baronesse längst schon gewusst und ihrem mann verhehlt hätte. Sie erzählte ihm also, da er nach haus kam, die unterdessen gemachte Entdeckung als eine bisher mit Fleiss verschwiegne Neuigkeit; und der Mann, den Kopf voller Gerichtstermine, nahm sie herzlich gern dafür an, um nur in Ruhe vor ihr zu bleiben. "Aber man muss dem armen Menschen helfen", beschloss sie ihre Erzählung. "Man muss ihn aus seinen sündlichen Gedanken und Neigungen herausziehn. Ich will den Herrn Magister Wilibald zu ihm schicken: der soll ihn bekehren." – "Ja, ja, Mäuschen! das tu! und jetzt gleich!" rief der Mann, um ihrer endlich einmal los zu werden. Die Frau schickte sogleich in der nämlichen Minute zum Herrn Magister Wilibald, von dem nebst seiner