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starb oder lebte, ob seine Liebe glücklich oder unglücklich ausfiel, ob er sich verriet oder nicht, alles galt ihm gleich: kein Wunder also, dass er in dieser trüben Verzweiflung alle seine Geheimnisse entdeckte! Er offenbarte dem Doktor, der ihn fleissig besuchte, seinen ganzen Liebeshandel, ohne ihn um Verhinderung oder Beistand zu bitten, und erzählte ihn so frostig wie die Begebenheit eines fremden Menschen. Der Doktor lachte, tröstete ihn spasshaft und verwies zur Geduld.

Die Frau hatte sich schon längst bitterlich beschwert, dass der Mensch nun schon drei Tage krank sei, nichts tue und weder gesund werden noch sterben wolle; hatte auch dem mann abermals beide Ohren vollgebrummt, dass er sich durch seine Guterzigkeit verleiten liess, einen Menschen ins Haus zu nehmen, von dem man nicht wüsste, ob er toll oder gescheit sei. Sie wiederholte ihm jetzt, als er vom Kranken zurückkam, diese letzte Bedenklichkeit sehr nachdrücklich. – "Ach", sprach der Mann lachend, "mit dem kopf ist er wohl gescheit, aber das Herz ist toll. Der Bube ist verliebt."

Die Frau. Verliebt! – Nun muss er den Augenblick aus dem haus: den Augenblick! Wer wird die Sünde auf sich laden und einen verliebten Menschen über Nacht bei sich behalten? – Fort mit ihm!

Der Mann. Närrchen, was ist denn nun weiter für Sünde dabei? – Er ist verliebt.

Die Frau. Papachen, du weisst viel, was zu einer Sünde gehört. Deine Akten verstehst du: was Sünde ist, das muss ich wissen. – Einen Sünder dulden heisst, sich fremder Sünde teilhaftig machen. –

"Je, Mäuschen!" unterbrach sie der listige Mann, "er ist in dich verliebt."

"In mich!" rief die Frau und wusste noch nicht, ob sie es für Ernst nehmen sollte.

Der Mann. Freilich! in dich! Ich habe gar nicht geglaubt, dass ich so eine schöne Frau habe: er macht dich zum Engel, zur Göttin

"In mich! – Der Mensch ist ein Narr", sagte die Dame lächelnd. "Er wird doch meinetwegen nicht verrückt worden sein?"

Der Mann. Geh zu ihm, damit er sich nur beruhigt! Du weisst ja wohl: in seinem Alter macht man nichts als dummes Zeug in der Liebe.

Die Frau. Ist es denn etwas so sehr Dummes, sich in mich zu verlieben? – Geh an deine Akten, Papachen! Ich will sehen, wie sich der Kranke befindet. –

Die Wendung, die Papachen der Sache gab, war zwar listig, aber etwas boshaft; denn Herrmann konnte unter allen Mitgeschöpfen weiblicher Art seine Frau am wenigsten leiden, das war ihm deswegen wohl bekannt, weil er seine Abneigung gegen sie zuerst veranlasst hatte. Die Doktorin brachte geschwind ihre kleinen Reize in Ordnung und begab sich in die stube des Kranken: sobald sie hereintrat, drehte er sich um, das Gesicht nach der Wand zu, und schlief so fest, als wenn ihn Circe eingeschläfert hätte. Sie redete ihn an, und da sie merkte, dass aus ihrer Anrede kein Gespräch werden wollte, wanderte sie wieder ab. Seit dieser Zeit versäumte sie keine gelegenheit, ihm zu gefallen und durch Anzug, Blicke und Dienstfertigkeiten ihn noch verliebter zu machen, als er nach ihrer Rechnung bereits war, ohne sich eine Minute lang der Sünde zu fürchten; und der Mann war viel zu froh, dass ihm seine List so gut gelungen war, um ihr den Unzusammenhang ihres Sündensystems vorzurücken. Ob es mehr als Eitelkeit bei ihr war, das weiss allein ihr Herz.

Drittes Kapitel

allmählich wurde dem Kranken seine Krankheit zur Last, und mit den Kräften kehrte auch die Liebe in ihm wieder, wachte sehnsucht und Entwürfe zu ihrer Befriedigung wieder auf. Am ersten Tage, den er ausser dem Bette zubrachte, hörte er des Morgens schon seinen Boten an der tür betteln: in langer Zeit hatte sein Ohr keinen so willkommnen Ton gehört. Mit froher Eilfertigkeit öffnete er die Tür und lud im Übermass seiner Freude den Jungen höflichst in die stube ein: er überreichte bei dem Hereintreten ein kleines, schmutziges Papierchen, das eine unleserliche, halb verwischte Schrift, mit Bleistift geschrieben, entielt. Es war nichts herauszubringen als folgendes:

'Heinrich, ich verlas heute noch Dresden. Meine grausame Mutter hat mir schreiben lassen, dass sie in paar Tagen kommen und mich abholen will. In len wir uns find Ich halte mich nicht auf, wenn nicht gleich nachkömmst.

schreibe bald, wo ich bin, Lebe wohl.'

Er drehte und wandte das Papier voller Ängstlichkeit und vermochte kein Wort weiter herauszubringen: der Ort, den sie ihm zur Zusammenkunft bestimmte, war verwischt, und das meiste übrige erriet er mehr, als er es las. – "Wo hast du das Billett bekommen?" fuhr er den Jungen an.

Der Junge. Auf der Gasse bei der Oberstin Haustür hat mir's das Baronesschen gegeben. Sie hatte eine schwarze Kappe aufich hätte sie nicht gekannt, wenn sie nicht gesprochen hätte –, sie sah aus, als wenn sie verreisen wollte, und ging sehr hurtig nach dem Tore zu

Herrmann. Wenn gab sie dir's?

Der Junge. Ehegestern abends.

Herrmann. Und du, Unglücklicher, bringst mir's heute erst?

Der Junge. Ich habe ja gestern fast alle Stunden hier gebettelt: