Du alter Adam! man hat doch nichts als Schande von dir.
Der Mann. Nillchen, Nillchen, nicht zuviel geschwatzt! -"Ist es denn nicht wahr", schluchzte die Frau mit halb weinendem Tone. "Ich werde gewiss noch vor Ärger über dich sterben."
Der Mann. Sei kein Narr, Nillchen!
Die Frau. Wenn ich nur schon tot wäre! – (Dabei brach sie in völliges Weinen aus.) – Ich muss mich ja in die Seele schämen, wenn die Frau Gräfin meinen Mann so einhergehen sieht wie einen schmutzigen Pudel –
Der Mann. Nillchen, es klopft jemand. –
Nillchen öffnete die Tür, und es trat ein abermaliger Bote vom Herrn Grafen herein, der ihn mit Ungeduld erwartete. Er nahm Hut und Stock und ging, ohne ein Wort zu sagen, fort, ob ihm gleich seine Frau mit Tränen um den Hals fiel und ihn um Gottes willen bat, sie und die ganze Familie nicht durch seine schlechte Kleidung zu entehren.
Tränend ging sie an das Fenster, sah durch die Scheibe dem Starrkopfe nach und bedachte nunmehr erst, dass sie ihm nicht hätte widersprechen sollen, um ihn dazu zu bewegen, was sie wünschte. Nicht weniger war sie nunmehr wegen seiner Aufführung bei dem Grafen besorgt.
Der Graf bat ihn mit ungewöhnlicher Herablassung, dass er ihm und seiner Gemahlin die Erziehung seines Sohns überlassen möchte, und stellte ihm, statt der Bewegungsgründe, die grosse Liebe und Gnade der Gräfin für den Knaben und die wichtigen Vorteile vor, die diesem in Ansehung seines künftigen Glücks daraus zuwachsen würden: er suchte seinen Eigennutz und Ehrgeiz in das Spiel zu ziehen und führte ihm zu Gemüte, dass er ohne die mindsten Unkosten auf diese Weise einen Sohn erhalten werde, der alle Stadtkinder an Bildung, Wissenschaft und guten Manieren übertreffe. Der alte Herrmann stand unbeweglich da, beide hände übereinander auf den Knopf seines knotichten Stocks gelegt, die eine hinterste Spitze seines grossen Hutes zwischen den zwei Vorderfingern der linken Hand. – "Nein", sagte er endlich trocken, als ihn der Graf fragte, was er zu tun gesonnen wäre-"nein, daraus wird nichts. Wer den Jungen gemacht hat, wird ihn auch erziehen. Mein Sohn soll kein Schmarotzer bei Grafen und Edelleuten werden. Wenn er soviel lernt wie ich, dass er sich sein Brot notdürftig verdienen kann, da hat er genug: nach den übrigen Fratzen soll er mir nicht eine Hand aufheben. –"
"Aber ihn an seinem Glücke, an seiner Bildung zu hindern ist doch sehr unvorsichtig" – wandte ihm der Graf ein.
"Bildung hin, Bildung her!" fiel ihm Herrmann mit auffahrendem Tone ins Wort. "Mit dem kopf an die Wand wollt ich ihn rennen, dass er krepierte, wenn so ein Scheisskerl aus ihm würde, so ein geputzter grinsender Tellerlecker, der um die Vornehmen herumkriecht und ihnen den Dreck von den Händen küsst. – Pfui! dass dich der Henker holte!"
Der Graf. Es ist ja doch besser, dass er nicht so roh bleibt wie sein Vater. –
Herrmann. Roh! das bin ich, das will ich sein, und wer mich nicht so leiden kann, der mag mich lassen, wo ich bin. Ich habe in meinem Leben keinem vornehmen Narren aufgewartet. Ich habe das Meinige auf schulen und Universitäten getan und weit mehr als mancher, der mit sechs Pferden fährt und wunder denkt, was er für ein grosser Götze ist. Weil ich nicht um Sterne und Ordensbänder herumspringen und vornehmen Speichel lecken wollte, wurde ich freilich nur Einnehmer in einer hochgräflichen herrschaft: aber ich mache mir einen Quark aus allen den Titeln und den grossen Aufschneidereien. Ich will Vornehmen ehrlich und redlich arbeiten, und sie sollen mich dafür bezahlen; und dann hundert Schritte vom leib! So denke ich, und so soll mein Junge auch denken.
Der Graf. Es ist schade um das Kind, dass es so einen ungeschliffenen Vater hat.
Herrmann. Seht mir doch! Sie denken wohl gar, dass Sie dem König Salomo aus dem Steisse gefallen sind. Weil ich nicht immer an Ihrem Rockzipfel kaue wie die andern dummen Jungen, die wie angeputzte Strohwische da in Ihrem Vorzimmer herumstehen; weil ich nicht immer bei jedem Worte die Nase zwischen den Beinen stecken habe und mir nicht alle acht Tage mit Reverenzen ein Paar Mastrichter Sohlen entzweischarre; weil ich nicht immer schmunzle, mich krümme und winde wie ein Ohrwurm, nicht immer Zeitungen zutrage, nicht immer – mit Respekt zu sagen –jeden Quark lobe und bewundere, der Ihnen aus dem Maule fällt, als wenn's die goldnen Sprüche des Pytagoras wären: deswegen bin ich ungeschliffen! Deswegen nehmen Sie auch solche Schafköpfe in Ihre Dienste und machen sie zu Ihren Lieblingen, damit sie Ihnen beständig den Kopf krauen, weil sie selber keinen haben. Wenn's etwas zu schmeicheln, zu verleumden, zu höhnen oder zu schmarotzen gibt – ah! da sind sie die ersten: aber wenn einmal Holland in Not ist, da stehen die Schurken alle da und blöcken die Zungen wie die Löwen um Salomons Tron. Ich bin ein ehrlicher Mann, und weiter will ich nichts sein. –
Der Graf, der sich durch diese derbe Lektion mehr getroffen fühlte, als er wünschte, und doch über einen Mann nicht zürnen konnte, der ihm wegen seiner Dienste unentbehrlich war, auch sich einmal in den Besitz des Rechts gesetzt hatte