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führten sich sorgfältig zu Gemüte, dass ihre Entfliehung äusserst dringend sei und dass man Zeit, Ort und Zusammenkunft und tausend andre Umstände verabreden müsse, und verabredeten auch nicht eins von allen: kurz, es war eine Beratschlagung zwischen zwei Verliebten, die mit vielen andern Beratschlagungen das Eigentümliche hat, dass man viel dabei spricht und nichts ausmacht.

Über dem vielen Sprechen musste sich notwendig die Unterredung bis in das Unendliche verlängern, und aus den paar Minuten, die man anfangs dazu bestimmte, war jetzt mehr als eine halbe Stunde geworden. Plötzlich hörte man auf dem saal murmeln und gehen: es ging jemand an allen Türen herum, versuchte sie aufzumachen und fluchte, wenn er sie verschlossen fand. Der nächste Gedanke war, dass Herr und Frau vom haus, die zum Besuch waren, zurückgekommen sein möchten: aber der Lärm näherte sich immer mehr, und man rasselte bereits an der nächsten Tür. Angst und Furcht überfielen die beiden Verliebten so heftig, dass sie sich beide in einen Winkel drückten, um nicht gesehen zu werden, wenn man ja hineinbräche. Nicht lange währte es, so klopfte man ziemlich heftig an die Tür: sie atmeten kaum: die Tür ging auf, und Götter! wer trat herein? – Tante Sapperment, begleitet von Hans Pump, der eine grosse, helleuchtende Stocklaterne trug! Ihr erster blick traf die beiden zitternden Verliebten, und mit dem ersten Blicke fuhr einer der kräftigsten Flüche aus ihrem mund. Sie wütete wie ein erbitterter, hungriger Wolf, der ein paar bebende Rehe in einen Winkel getrieben hat, um sie zu würgen: sie ergriff Ulriken, die das Bewusstsein eines Ungehorsams und die Überraschung zaghaft machte, schleuderte sie dem Bedienten in die arme, der sie mitleidig auffing, wie sie von der Gewalt des Zuges bis zum Fallen dahintaumelte: Heinrich fiel zwar der Oberstin in die arme, allein zu spät: sie spannte alle soldatische Kraft ihrer Nerven an, wand sich los und stürzte ihren Gegner mit einem Stosse, dass er knirschend über Stuhl und Tisch dahinfiel. Augenblicklich wandte sie sich nach Ulriken und drückte sie in die arme zusammen, dass sie laut schrie und sich der unwürdigen Behandlung widersetzte: allein die Tante hatte die Grösse und die Knochen eines Grenadiers, wurde durch den Widerstand noch wütender und warf die ungleich schwächere Baronesse zur Tür hinaus: sie schlug auf die Dielen darnieder, dass der Vorsaal von ihrem Falle schütterte. Sie lag ohne Bewegung da, und nur ein leises schmerzliches Hauchen war das Zeichen ihres Lebens. Ohne Erbarmung zog sie die schnaubende Oberstin auf, riss dem Bedienten die Laterne aus der Hand und gebot ihm Ulriken in die Kutsche zu tragen: es geschah: er lud sie mit dem derben Griffe eines Packknechts auf seine arme, und wie ein Lamm, das von den harten Fäusten seines Schäfers zur Schere hingeschleppt wird, die ihm mit Wunden die Wolle rauben soll, liess sie sich ohne Leben und Widerstand, mit schlaff niederhängenden Armen, wankendem kopf und blutender Wange, hinabbringen. Herrmann hatte sich indessen aufgerafft und wurde durch ihr blasses, blutiges Gesicht, welches der darauf fallende Laternenschein totenähnlich machte, so bis ins Innerste durchdrungen, dass er vor Wehmut keine Kraft zur Rache in sich fühlte: er bat die Oberstin mit der beweglichsten Rührung, Ulrikens zu schonen, und klammerte sich vor Eifer und Inbrunst so fest an sie an, dass sie nicht von der Stelle konnte: sie befand nicht für gut, ihn durch ein Versprechen zu beruhigen, sondern machte sich von ihm los und eilte mit grossen soldatischen Schritten Ulriken nach: Herrmann hinter ihr drein! Doch da das Getöse Bediente und Mägde im ersten Stocke versammelt hatte, so gebot die Oberstin, den tollen Menschen aufzuhalten: man gehorchte und führte den armen Herrmann, der vor Wut hätte zerspringen mögen, die Treppe liebreich hinan, steckte ihn in seine stube und schlug sie zu.

Der Doktor und seine Frau erfuhren bei ihrer Zurückkunft von dem Bedienten des Hofrats nur den letzten teil der geschichte, und zwar nicht die Begebenheit, wie er sie gesehen hatte, sondern wie er sie sich dachte: er berichtete nämlich, dass ihr Schreiber einen Anfall von Raserei bekommen und eine Dame, die er auch nannte, auf der Treppe angegriffen und sich mit schwerer Mühe von ihr habe zurückhalten lassen. Die Doktorin argwohnte gleich Mord, Totschlag und wer weiss welch andres Unglück, der Mann hingegen argwohnte weder Gutes noch Böses, sondern ging mit gelassnem Schritte, von Herrmannen selbst Erkundigung einzuziehen. Er fand ihn äusserst niedergeschlagen, trostlos und verlegen; und weil das Gehör zu umständlich wurde, wandte der Verhörte Krankheit, Schmerzen am ganzen leib vor und bat um die Erlaubnis, sich zu Bette zu legen, die ihm der Doktor ohne Anstand erteilte: er wiederholte zwar von Zeit zu Zeit seine Hauptfrage, was er mit der Oberstin vorgehabt hätte, allein der Kranke antwortete jedesmal mit Klagen über seine Schmerzen und lautem Stöhnen darauf, dass ihn der Doktor für heute in Ruhe liess und seine Frau versicherte, er sei nicht toll.

War es aus Verstellung oder weil er seinen Schmerz nicht anders zu verdauen wusste? – wahrscheinlicher das letzte, warum er einige Tage das Bette nicht verliess! Er ass und trank wenig oder gar nichts; wenn man ihn etwas fragte, schien er einzuschlafen oder antwortete so undeutlich, dass man nichts vernehmen konnte. Alle seine Kräfte waren von Fasten und Kummer endlich so abgespannt, dass er für alles Gleichgültigkeit bekam: ob er