1780_Wezel_105_108.txt

stube und setzte sich in einen Winkel, aber nur, um das angefangne heldenmütige Projekt desto lebhafter zu überdenken. Es war beinahe bis zur Ausführung reif, und der nötige Entusiasmus befeuerte schon seine ganze Stirne, als plötzlich die Tür aufging. – "Wer da?" – "Ich!" – Es war die stimme seines geheimen Botschafters, der ohne das Gespräch weiter fortzusetzen, die Tür offenliess und davonlief. Ein neues Wunder! In einer kleinen Weile kam jemand geschlichen: er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen, aber seine Ohren hörten bald einen Ton, und seine hände fühlten eine Hand, die er nicht zu verkennen vermochte. – "Heinrich!" "Ulrike!" ertönte Schlag auf Schlag, und Schlag auf Schlag drückte sich Hand in Hand. Aber welch neuer Unfall: Sein Glück überraschte ihn: er war zerstreut, verlegen, ängstlich: er hatte tausend Sachen zu sagen und wusste nicht, wo er anfangen sollte: in seinem kopf stürzte sich Gedanke über Gedanke, und Wort an Wort drängte sich zur Zunge: der Mund war immer zum Reden geöffnet, und über der grossen Bemühung, das Wichtigste zuerst zu sagen und ja nichts Erhebliches zu vergessen, sagte er gar nichts; denn es war alles gleich wichtig, gleich erheblich. Noch mehr Unglück! es war finster in der stube: er hatte nun fast ein Jahr hindurch ein so liebes Gesicht nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehen, hatte sich so kindisch auf den entzückenden Anblick gefreut, und auch diese Hoffnung musste ihm fehlgehn! Und Licht zu holen, das fiel ihm in der Verwirrung gar nicht ein: auch hätte er ja indessen ein paar Augenblicke von Ulrikens Gegenwart eingebüsst!

Zum Glücke brachte die Baronesse mehr vorbereitete Fassung mit. Sie übergab ihm eilfertig die Hälfte ihrer sechsunddreissig Dukaten, berichtete ihm mit ebenso übereilter Hastigkeit, dass sie nur einige Minuten verziehen könnte, damit nicht ihre Tante unterdessen vom Besuche zurückkäme und sie vermisste, und bat also inständigst, sogleich über die Hauptpunkte ihrer Unterredung, die Entfliehung von Dresden und die Bestimmung des Orts, wo sie einander treffen wollten, zu sprechen. Eh er noch anfangen konnte, seine Meinung vorzutragen, unterbrach sie sich schon selbst. –

– "Ach!" sagte sie, "weisst du, was für eine schreckliche Nachricht ich bekommen habe? Die Gräfin hat wirklich einen Platz im Stifte für mich ausgemacht: es soll zwar nicht so hässlich darinne sein, wie ich mir's vorgestellt habe, aber ich danke doch dafür. – Hurtig, Heinrich, wenn du mir etwas zu sagen hast!"

Heinrich. natürlich, unendlich viel! An unsrer itzigen Verabredung hängt ja unser ganzes Glück. Wir müssen die Zeit nützen. Nur hurtig, was du noch sagen willst.

Ulrike. Noch etwas Schrecklicheres! die Gräfin hat an meine Mutter geschrieben und ihr unsre ganze Liebe erzählt. Das wird ein Lärm werden! Ich kann mich zwar nicht recht auf meine Mutter mehr besinnen; denn ich bin schon in meinem sechsten Jahre von ihr zum Grafen gekommen; und seitdem hab ich sie nicht wieder gesehen. Sie kann die Gräfin nicht leiden, und deswegen ist sie auch niemals zum Besuche bei uns gewesen, wie du dich besinnen musst. Daran erinnere ich mich noch wohl, dass sie mich zuweilen auf die arme oder den Schoss nahm und streichelte und küsste, als wenn sie mich aufküssen wollte, und kurz darauf durft ich ihr nicht vors gesicht kommen: da war ich ihr wieder so unausstehlich, dass sie mich anbrüllte wie ein Löwe, wenn ich ihr zu nahe kam; und wenn ich etwas tat, das ihr nicht gelegen war, musst ich wohl gar das Essen entbehren oder mich in eine finstere kammer sperren lassen, damit mich der Pupu fressen sollte. Es ist ein rechter Heide von einer Frau, wenn sie böse wird, das haben mir alle Leute gesagt. Kannst du dir vorstellen? Da mein Vater noch lebte und seine Güter noch nicht durch Konkurs verlorengegangen waren, ist sie selbst auf dem feld herumgeritten und hat die Arbeiter mit der Peitsche ausgeprügelt, wenn sie nicht fleissig genug gewesen sind: sie hat in ihrem Leben mehr als ein Pferd zu tod gejagt und manchem Domestiken ein blaues Auge geschlagen. Bedenk einmal, was wir alles von ihr zu befürchten haben! Wenn sie nur nicht etwa gar auf den Einfall kommt, mich zu sich zu verlangen, bis ich in die Stelle im Stift einrücken kann! Das wäre mein Tod. –

Ach! bester Heinrich, wenn ich auf immer von dir getrennt würde! Es tut mir weh genug, es jetzt zu tunaber wir dürfen keine Zeit verlieren

Heinrich. Jede Minute wollen wir nützen. O wenn unsre Liebe einmal aufhörte, eine verstohlne Liebe zu sein!

Ulrike. Bald, bald soll sie das nicht mehr sein: ich setze durch wasser und Feuer, um es dahin zu bringen: aber dann, Heinrich! dann wollen wir uns lieben wie Engel: nichts tun und denken und fühlen als Liebe. – Wenn nur die Zeit nicht so drängte! dass wir ja nichts vergessen! –

So drehte sich ihr Gespräch ewig um Klagen über die gegenwärtigen Hindernisse ihrer Liebe und um erfreuliche, meistens schimärische Hoffnungen auf die Zukunft; bei jedem sechsten Worte erinnerte Ulrike, dass sie schlechterdings ihn bald wieder verlassen müsste, wollte gehen und blieb: beide ermahnten sich unaufhörlich, ja nichts Notwendiges zu vergessen, und vergassen alles: sie