es Ihnen beliebt; ich darf mich Ihnen nicht widersetzen. Schreiben Sie ihr alles, was ich jetzt sagte: von mir soll sie erfahren, was sie geraten haben. Vergessen Sie aber ja nicht, sie zu versichern, dass ich diesen Menschen, den ich für den einzigen in der ganzen Schöpfung halte, immer und ewig lieben werde, solange noch ein Hauch in mir ist; dass ich ihn, sobald es die Umstände verstatten, auch heiraten will, und dass mich daran nicht Tante, nicht Onkel, nicht Himmel, Erde und Hölle hindern sollen. Je mehr man mir widersteht, je liebenswürdiger wird er mir, je beharrlicher und entschlossner macht man mich. Ich habe meine Seele zum Unterpfande eines Schwurs gegeben, dass er mein werden soll: kann eine Tante mich von der Verdammnis lossprechen, wenn sie mich zum Meineid zwingt?
Sie. Mir vergeht der Atem. Über das Blitzhagelskind! Ei, so schwöre du und alle Kreuzelementteufel! – Bedenken Sie doch, Rikchen! was soll denn aus Ihren Kindern werden? Schabichte Füchse, aus denen kein Mensch etwas macht!
Ich. Wenn Sie nur alles werden, was ihr Vater ist. Seine Eltern waren arme Leute, und doch ist er mehr als alle die Grafen, Barone und Herren, die ich bei meinem Onkel gesehen habe.
Sie. Die verfluchte Liebe blendet Sie. – Sie verlieren ja Ihren ehrlichen Namen.
Ich. Ich bekomme ja einen andern ebenso ehrlichen dafür.
Sie. Und dürfen hernach nicht mehr unter Ihresgleichen, in keine ordentliche Gesellschaft kommen.
Ich. Das kann ich verschmerzen.
Sie. Ach du Blitzhagelsbalg! Wenn du mein Kind wärst, ich wollte dich schon gescheit machen: ich drehte dir den sappermentischen Hals um wie einer Taube.
Ich. Sie wollen der Tante meine Entschliessung melden: ich will Sie nicht stören, wenn Sie jetzt, bei frischem Angedenken, schreiben wollen. –
So schieden wir auseinander. Man passt mir seit der Zeit entsetzlich auf, ob ich schreibe: aber ich sehe mich wohl vor: ich tue es nur des Nachts. Ich war wohl ein wenig schnippisch gegen meine Tante – es ist ja nur eine Tante à la mode de Bretagne: und dann war ich gerade so herzhaft, so ausser mir vor Mut, dass mir alles herausfuhr, ohne dass ich selbst daran dachte. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich seit Deinem letzten Billett vor Ungeduld brenne, Dich zu sehen und meinen Sparpfennig mit Dir zu teilen: ich bin über und über eine Flamme, so begeistert mich die Hoffnung: ich laufe herum und suche in allen Ekken, und wenn ich hinkomme, weiss ich nicht, was ich suchen will: es ist mir immer, als ob ich etwas wollte, als ob mir etwas fehlte, und wenn ich mir den Kopf zerbreche und sinne und sinne, so ist es nichts. – Ach, lieber Heinrich! Jetzt fühl ich, was leben heisst: einen Menschen lieben wie Dich, das heisst es und nicht einen Buchstaben mehr.
den 8. Julius.
Wenn dieser Brief zu Dir kommt, so haben wir von grossem Glück zu sagen: aus dem Fenster, anders kann ich ihn nicht bestellen. Schicke den Jungen in Zukunft unter mein Fenster und schreibe mir nicht weiter: ich bekomme es doch nicht. Wenn ich nun so zum Fenster hinunterspringen und mich in der tasche zu Dir tragen lassen könnte wie dieser Brief! Aber nur Geduld! die Not wird schon einmal aufhören: und dann, liebster, allerliebster Heinrich! – ich kann vor Freuden nicht sagen, was dann geschehen wird. Ich küsse, umarme, schätze, verehre, liebe, bete und nach dem tod, solang es nur ein Ich und Du gibt,
Deine Ulrike.
Zweites Kapitel
Welcher Liebende sollte nicht einer versprochenen Zusammenkunft, besonders bei einer so kritischen Lage der Umstände, mit allen Rudern und Segeln entgegeneilen? – Herrmann macht die verlangten Anstalten dazu und begab sich manchen Abend in höchsteigner person unter Ulrikens Fenster, um die Unterredung vielleicht zu beschleunigen. Es vergingen acht, es vergingen vierzehn Tage, keiner darunter war der glückliche, wo sie geschehen sollte: es vergingen zwei Monate, und noch war sie nicht geschehn. Unmutig über eine so traurige Verzögerung wanderte er eines Abends im Vorhause auf und nieder und war fest entschlossen, wenn sich die Konstellation am Himmel seiner Liebe nicht bald nach Wunsche änderte, das Äusserste zu wagen, zu Ulriken zu gehen und mit Hintansetzung aller Gefahr die Zusammenkunft auf ihrem eignen Zimmer zu suchen: Siehe da! während dieser unruhigen Beratschlagung mit sich selbst wird er Bewegung in der Dämmerung gewahr, hört etwas sehr heftig keuchen und eine leise erschöpfte stimme, die ihm seinen Namen zu flüstern schien: ohne zu untersuchen, ob es Ulrike sein könnte, setzte er voraus, dass sie es sei, sprang hinzu und fasste – einen grossen, ungeheuren Jagdhund, der sich sogleich mit Gewalt losriss und mit lautschallendem Bellen seinen Abschied nahm.
Armer Verliebter! Ist wohl einer, solange Venus die Welt regiert, so vielfältig und so unglücklich in seinen Erwartungen getäuscht worden? Als wenn Liebe und Schicksal es verabredet hätten, seine Standhaftigkeit zu prüfen! Wollten sie vielleicht gar versuchen, sie wankend zu machen, so hatten sie sich ihren Mann nicht gut gewählt; denn jedes neue Hindernis, jede neue Täuschung spannte seine Beharrlichkeit einen Grad höher. Er ging zwar, höchstunwillig über sein Ungemach, auf die