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, dass Sie ihm seinen Freund vor seinen Augen in eine Grube stiessen, wo er elend verschmachten muss?'

Nein, Heinrich! Ich kann, ich darf, ich will Dich nicht lieben! Ich reisse Dich ins Verderben, stosse Dich in eine Grube, wo Du verschmachten musst! Dich, der mir lieber als die ganze Welt ist! den ich gern auf einen Tron, gern in den Himmel auf meinen Händen tragen möchte! Lieber will ich meinen Schwur brechen und verdammt sein als Dich ins Verderben hinabreissen. Ich will ins Stift, will zeitlebens keinen Menschen sehen noch hören, noch sprechen, will mich einsperren, bis ich mich zu tod gräme und in die Verdammnis übergehe, die mein schrecklicher Schwur verdient. –Diesmal geliebt und niemals wieder!

Jetzt bettelt der Junge an der Tür: aber ich kann Dir unmöglich den Brief mitschicken: es ist der letzte, den ich Dir jemals schreibe, und ich habe noch viel zu sagen.

den 28. Jun.

Dein mutiges Billett habe ich nach dem Empfange zweimal gelesen, und wenn ich nur ein paar Augenblicke allein bin, zieh ich's aus der tasche, trete in einen Winkel und lese. Es machte mir einen sehr zerstreuten, unmutigen Abend: die Tante hat etwas ehrliches auf mich geflucht, dass ich nicht redete und niemals antwortete, wenn sie mich fragte. Jetzt ist die Angst überstanden: ich bin wieder mutig und entschlossenHeinrich! ich halte meinen Schwur. Schwinger stellt sich alles zu gefährlich vor: er ist bei jeder Sache gar zu gewissenhaft, und wer weiss, wie ihm die Tante Gräfin zugesetzt hat? Du weisst ja, wie leicht sie beide eine Mücke zum Elefanten machen. Was kann Dir denn in fremden Ländern der Hass des Onkels schaden? Können wir denn die Sache nicht so heimlich anfangen, dass er niemals erfährt, wo wir sind? – Und zudem, wenn auch mein Ungehorsam und meine Liebe gegen Dich sträflich ist, muss ja doch wohl diese Sträflichkeit geringer sein, als wenn ich einen Schwur breche, auf welchem die Verdammnis steht. – Nein, ich lasse mich nicht irre machen: ich bleibe fest an Dir und Deinem herz, und niemand soll mich davon losreissen, es sei König oder Kaiser. ich die Minute mit Dir aus Dresden gehen wollte, wenn Du bei mir wärst. Es ist, als wenn mein Herz davonhüpfen wollte, so frisch schlägt mir's: es schwillt mir vor Begierde bis zu den Lippen. – Topp, Heinrich! wir sehen uns bald.

Du kleingläubiger Narr! was ist Dir denn um Geld leid? – Sieh doch her! hier in meiner Kommode liegen 36 Dukatenalles erspartes Taschengeld! Tante Sapperment lässt mich nichts ausgeben, weil ich sparsam oder, wie sie es nennt, haushältrisch werden soll. Sobald ich also mein Monatsgeld bekomme, wird Gold eingewechselt, zierlich in türkisches Papier eingewikkelt und wie ein toter Hund in einem roten Schächtelchen in meiner Kommode begraben. Ich sehe es allemal dem armen Golde an, wie weh es ihm tut, dass es so lebendig begraben wird. Zum Verschenken kriege ich einen lumpichten Gulden Silbergeld: drum kann ich auch unsern Boten so schlecht bezahlen: ich schäme mich jedesmal, dass ich ihm nur zwei oder vier Groschen geben kann. Wenn er diesen Brief holt, bekömmt er meinen ganzen Rest von Silbergeld; denn nun ist uns geholfen.

Von meinen 36 Dukaten will ich Dir die Hälfte einmal des Abends in der Dämmerung selbst bringen; denn dem Jungen mag ich sie nicht anvertrauen, da es unser einziges bisschen ist. Die andre Hälfte behalte ich bei mir, wenn wir etwa unterwegs voneinander getrennt würden. Lass unsern Boten nunmehr alle Abende in der Dämmerung bei unsrer Haustüre herumgehn: sobald einmal gelegenheit da ist, wisch ich hinunter und lasse mich von ihm zu Dir führen. Dass Du auch beständig bei der Hand bist! Wir wollen uns nur auf ein paar Minuten sehen und den Tag bestimmen, wo die Reise fortgehn soll. – Topp, Heinrich! Du wirst mein.

Der Bote holt ja meinen Brief ewig nicht: er wird zu einem buch werden, wenn er nicht bald abgeht. Ob er vielleicht nicht mehr zu mir darf? Vielleicht, dass man ihn für verdächtig hält!

den 5. Jul.

Ja, ja! hab ich's doch gedacht! die ganze Historie ist entdeckt. Den Jungen hat Hans Pump zur Treppe hinuntergeprügelt, wie er Dir schon geklagt haben wird; und heute früh zog Tante Sapperment Deine Briefe, die ich in einem Paketchen recht artig hinter der losgerissnen Tapete versteckt hatte, hervor. Hans Pump hat die Tapete gestern wieder annageln sollen und sie gefunden: um nicht den Groschen zu verlieren, den ich ihm zuweilen zum Branntewein gebe, hat er meine Tante gebeten, so zu tun, als ob sie selbst dahinterkäme. Sie traf also heute früh mit dem Hämmerchen bei mir ein, als wenn sie selbst die Tapete befestigen mir weh, dass ich die armen Briefe in den gelben, schmutzigen Tabaksfingern sehen musste. Sie las und fluchte: das war die ganze geschichte. Ich will Dir etwas von unserm gespräche hersetzen.

Sie. Sie sappermentisches Zeterkind! Sie lassen sich gar von dem Halunken Briefe schreiben?

Ich. Mir schreibt kein Halunke: Sie dürfen nur seine Briefe lesen, um dies schändliche Wort zu bereuen.

Sie. Aber wie alle Wetter haben Sie denn die Briefe gekriegt? Nicht