nie die Grösse ihrer Beleidigung vergessen werde. 'Nie kann ich', schrieb er, 'nunmehr Ihren Namen ohne Hass hören, wie ich nie an Ihre Güte ohne Dankbarkeit denken will. Ich möchte, dass ich Ihnen alle diese traurige Wohltaten wiedergeben könnte, wenn sie mir nur erwiesen wurden, um mir ungestraft das einzige zu nehmen, was weder Sie noch irgendein Mensch auf dieser Erde mir zu geben vermögen – meine Ehre, meine Rechtschaffenheit.' –
Sein angegriffner Stolz verblendete ihn so sehr, dass er nicht bedachte, welche Verräterei er an Ulriken und sich selbst durch ihn beging: erst am folgenden Morgen wurde sein Horizont wieder licht: er besann sich, dass die Gräfin nichts von der geheimen Mitteilung ihres briefes wissen dürfte, zerriss den seinigen, ertrug mit stummem Schmerze die Kränkungen und betrachtete sich als einen Märtyrer, der um seiner Geliebten willen litt. Diese Vorstellung gab seinen Leiden einen so hohen Wert in seinen Augen, dass er sie verdoppelt wünschte: es schmeichelte seinem Stolze, sich durch solche Widerwärtigkeiten ein Verdienst um Ulriken zu erwerben: er wurde immer entschlossner, zur Vergrössrung seines Verdienstes Schmach, Mangel, Kummer, Schmerz, Schimpf und Unehre aufzufodern und mit ihnen um Ulriken zu kämpfen. Mut und Standhaftigkeit wuchsen in ihm bis zur Begeisterung empor: er schrieb folgendes Billett. Ulrike, wie Du in jener Nacht geschworen hast, so schwöre ich Dir jetzt Entschlossenheit und Mut zu, und so gewiss Du mich lieben wirst, so gewiss will ich Martern, Hungern, Blösse, Schmerz und Kränkung nicht achten, um einmal Dein zu werden. Ich bin entschlossen, so entschlossen wie Du es sein kannst, unsrer Verabredung unter dem Baume zu folgen: veranstalte eine mündliche Unterredung, um uns über die Ausführung unsers Vorsatzes umständlicher zu besprechen. Vor allen Dingen müssen wir für Geld sorgen, es komme, woher es wolle; und dann in die Gefahren hinein! Eine ganze Welt voll Hindernisse sollen uns nicht aufhalten: wir reissen uns durch, treten sie danieder oder sie uns. Lass Dich weder durch Bitten noch Drohungen irre machen und fürchte Dich vor keinem Stifte! Müsst ich meinen Kopf darüber verlieren, Du sollst nicht hinein. Halte Dich zu allem gefasst und lebe wohl. Das Blatt wurde zwar am bestimmten Termine eingehändigt, aber erst viele Tage darauf erschien die Antwort der Baronesse.
den 26. Jun.
Es geht gewiss nicht gut, Heinrich! O welche Übereilung, dass ich schwur. Der Schwur frisst wie ein Wurm an der Seele. Sollten wir denn wirklich etwas Strafbares begehn, dass wir uns lieben? Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich mich ängstige und härme: es ist heute wieder so viel Lustiges bei uns vorgefallen, dass man sich zu tod lachen möchte: ja, wer lachen könnte. Es fährt mir wohl ein Gelächter durch die Lippen, aber es ist so halbweinerlich, so sauer, dass mir die Brust davon weh tut. Wenn ich nur nicht geschworen hätte! Ich habe mich von Kindesbeinen an vor einem Schwure gefürchtet, und doch lass ich mich übereilen! Wenn ich nun zu schwach wäre, meinen Schwur zu halten? Wenn ich mich nun durch Bitten oder Drohungen bewegen liess, ihn zu brechen? Wenn Gefahr oder Unglück, Elend oder Kummer zu gross, zu schwer für meine Schultern würden, und ich erläg unter ihnen? Wenn mir's nun ganz unmöglich wäre, ihn zu erfüllen? – Und doch hab ich auf meine Verdammnis geschworen! Bedenke, was das gesagt heisst – auf meine Verdammnis! Und daran wärest Du schuld, wenn ich sie verdiente: Du nur, wenn ich mich in ewige Qualen stürzte! Ich kann nirgends Ruhe finden: die Angst treibt mich herum, als wenn ich Mord und Diebstahl begangen hätte.
den 27. Jun.
Ich musste gestern nachmittag hier abbrechen, weil mir vor Unruhe ganz schwindlicht wurde. Heute geht mir's noch schlimmer. Ach Heinrich! der Schwur bringt mich ins Grab! Sogar Schwinger hat an mich geschrieben und ermahnt mich, von Dir abzulassen. Wenn ein so vernünftiger, guterziger Mann unsre Liebe für sträflich hält, dann muss sie es sein: aber ich habe geschworen! Ich muss sträflich handeln. Wenn ich nur Ruhe vor dem Gedanken fände!
'Reissen Sie', schreibt Schwinger, 'meinen armen, hülflosen Freund nicht ins Verderben hin; und Sie tun es zuverlässig, wenn Sie seine Liebe unterhalten oder gar noch anfachen. Die Reizbarkeit seines Alters folgt freilich Ihren Lockungen; denn aus allen Nachrichten und Anzeigen muss ich schliessen, dass Sie zuerst mehr für ihn empfanden, als Sie sollten, und dass Sie zuerst bei Ihrem itzigen Wiedersehn seine schlafende Empfindlichkeit erregten. Wecken Sie keinen schlummernden Löwen und keine Liebe in dem herz eines Menschen auf, der nicht für Ihre Hand geboren ist! beide zerfleischen ihn. Sie haben ihn schon vor der Gräfin verhasst gemacht und aller künftigen Unterstützung beraubt, die ich durch meinen Vorspruch für ihn auswirken konnte: es ist aus, ganz aus: er hat nicht einen Fürbitte mehr wagen. Noch nicht genug! Der Hass Ihres Hauses verfolgt ihn; und wenn Sie die brausenden Begierden seines Alters bis zur wirklichen Liebe aufwiegeln, dann kann ich schwacher Freund nicht das mindeste tun, um eine Rache zu hindern, die der Onkel bis zu seinem letzten Atemzuge für ihn aufheben wird. Und Sie, teuerste Baronesse, Sie wollten Ihrem Lehrer für seine Liebe den Schmerz zum Lohn geben