ja, ich bin's ja! und wenn Du nur einen Platz mit hundert, mit funzig Talern Einnahme bekömmst, so bin ich versorgt! Zeitlebens nach Wunsch und Verlangen versorgt! Aber das kann niemand begreifen: man möchte sich zu tod ärgern.
In ein Fräuleinstift! – Es fährt mir eiskalt durch alle Glieder, wenn mir das Fräuleinstift einfällt. So ein Stift stelle ich mir wie ein grosses, winklichtes, finsteres, steinernes Haus vor, mit dicken, dicken Mauern, kleinen Fensterchen mit runden rotberäucherten Scheibchen wie ein Achtgroschenstück, grosse eiserne Stäbe davor, dass man das ganze Jahr Licht in den dämmrigen Zellen brennen muss, weil der Tag durch das viele breite Blei nicht dringen kann – ein dumpfes, hochgewölbtes, graushaft stilles Kloster mit langen schallenden Gängen, schmalen finstern Treppen und spitzrunden Türen, mitten unter öden zackichten Felsen, dass man nicht durch die Fensterstäbe hindurchschielen kann, ohne zu fürchten, es möchte ein Stück losstürzen –, in einem meilenlangen fürchterlichen Tannenwalde; und so ein Gefängnis nennen die Leute eine Versorgung! Ja freilich! der Dieb hat auch eine Versorgung, der bei wasser und Brot im finstern Turme sitzt. Lieber will ich mit Dir hinter den Zäunen schlafen, in den Dörfern betteln oder Ställe misten und Kühe hüten, als in so ein Stift gehen. Es bleibt bei unserer Verabredung unter dem Baume, da ich Dir meinen goldnen Ring an den Finger steckte.
den 25. Junius.
Hier löschte mir diese Nacht die Lampe aus: ich musste abbrechen, und heute früh konnte ich vor grossem Vergnügen nicht wieder ans Schreiben kommen. Die Tante Gräfin hat der Tante Sapperment einen teil ihres Schmuckes geschickt, damit sie ihn hier verkauft, und Onkels Sekretär, der ihn mitgebracht hat, soll ihn verkaufen helfen. Die Tante will einen Berliner Bankier heimlich davon bezahlen, doch ohne dass es der Graf weiss: wenn's nicht geschieht, so will der Bankierden Onkel verklagen; und dann wachen alle andere auf, denen er schuldig ist, sagte der Sekretär, und um sie alle zu bezahlen, reicht seine herrschaft sechsfach nicht zu. Die Oberstin hat also heute den ganzen Vormittag nichts als Juden bei sich gehabt: es war eine Hauptlust, wie sie unter den Mauscheln herumfluchte und schimpfte, weil sie ihr nicht genug geben wollten; denn die Gräfin verlangt dreissigtausend Taler. Mit dem einen Juden kriegte sie gar Zank, dass ihn ihr Hans Pump zum haus hinauswerfen sollte. Sie kann mit niemanden reden, ohne ihn anzugreifen: den Damen dreht sie die Brustschleifen entzwei den Nägeln Löcher in die Busenstreifen. Sie sprach also mit dem Juden am Fenster, das offenstand, und während des eifrigen Redens und Handelns drehte sie ihm einen Knopf nach dem andern ab und warf ihn zum Fenster hinaus. Der Jude gab nicht darauf acht, und fünfe lagen schon auf der Gasse; ich konnte das lachen kaum verbergen, so belustigte mich's, als ich zusah. – Indem sie an dem sechsten Knopfe hantiert, wird sie böse, weil der Jude schlechterdings nicht soviel geben will, als sie verlangt, und reisst ihm aus Grimm den Knopf mit so vieler Gewalt ab, dass der Mauschel nach ihr hintorkelt. "Mein", ruft der Jude, "wo sind meine Knöpfe?" und sieht sich in der stube um. – "Du Schelm hast keine mitgebracht!" antwortete die Tante. – "Mein, habe Knöpfe gehabt, so viel als Löcher! Da hat sie ja Ihre Gnaden in der Hand." – "Da, du Fratzengesicht!" – und so warf sie ihm den sechsten Knopf in die Augen. – "Aber die andern! die andern! habe so viel Knöpfe gehabt als Löcher, so wahr ich lebe! Sie werden doch nich von meinem Kleid weg nach Haus spaziert sein!" – "Du beschnittner Sappermenter! denkst du, ich habe deine Knöpfe gestohlen?" fuhr die Tante auf mit untergestemmten Armen. "Hans Pump! wirf mir den Eselskinnbacken aus dem haus!" Hans Pump trieb ihn aus dem Zimmer; und er schrie beständig die ganze Treppe hinunter: "Meine Knöpfe! meine Knöpfe! habe Knöpfe mitgebracht, so viel als Löcher!" – Als ich hernach ans Fenster kam, stunde er auf der Gasse und las sich seine Knöpfe zusammen. – Ich habe mir einen rauhen Hals gelacht über den possierlichen Auftritt.
Schicke übermorgen erst!
Ulrike.
Herrmann war nicht so geneigt, sich über die possierliche geschichte einen rauhen Hals zu lachen: entweder fehlte ihm Ulrikens Leichtsinn und Biegsamkeit, jeden hintereinanderfolgenden, noch so entgegengesetzten Eindruck anzunehmen und gleich stark zu fühlen, oder die Liebe war zu sehr seine herrschende Empfindung, um einer andern den Eingang zu verstatten, die nicht in der engsten Vertraulichkeit mit ihr stunde. Auch hatte ihn die lange ängstliche Ungewissheit vor dem Empfange dieses briefes und der wehmütige Anfang desselben in eine Stimmung des Geistes versetzt, die nicht sehr wohl mit der Belustigung harmonierte: nicht weniger schwer drückten die kränkenden Benennungen der Gräfin auf seine ganze Empfindlichkeit: der Niederträchtigkeit, der Bosheit, der Undankbarkeit sich beschuldigt zu sehen und so aufbringende Beschuldigungen weder widerlegen, noch rächen zu können, welcher Schmerz für seinen Stolz! Er setzte in der ersten Hitze einen Brief an die Gräfin auf, worinne er mit Härte und Bitterkeit sich über ihre beleidigenden Ausdrücke beschwerte und ihr bei seinem Gewissen beteuerte, dass er nie die Grösse ihrer Wohltaten, aber auch