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öffentlichen Beschimpfung, die Dir der verhasste Bube in Gegenwart Deiner Tante angetan, die Du mit Wohlgefallen ertragen hast und sogar zu verteidigen Dich erdreistest. Wenn Dich der falsche, versteckte Bösewicht wirklich eingenommen hat und es Dir Mühe kostet, ihn zu verachten, wie er's verdient, so will ich Dir die Überwindung erleichtern. Ich bemühe mich jetzt um eine Stelle in einem Fräuleinstift für Dich, wo Du zeitlebens versorgt bist, wenn sich keine anständige Partie für Dich findet; ich tue es heimlich, ohne Vorwissen des Grafen, wenigstens verhehle ich ihm sehr sorgfältig meinen Bewegungsgrund: allein kommt es zustande, welches ich bald hoffe, weil auf Michael ein Platz ledig wird, so bin ich doch seiner Einwilligung gewiss, zumal da uns viele Ursachen nötigen, unsern Aufwand einzuschränken. Erkenne meine Gnade, Ulrike! Setze Deinen Stand und unser Haus nicht aus den Augen, da Du Deiner Versorgung so nahe bist, und führe Dich in der Zwischenzeit, bis Du dazu gelangst, mit aller achtung für Dich selbst auf! Ich bitte Dich um Gottes willen, Ulrike! tue Deinem herz Gewalt an und wirf Dich nicht weg! Verbittre mir nicht den kleinen Rest von Ruhe, den mir der Graf und seine Ohrenbläser täglich mehr rauben! Erfahre ich nur das mindeste von einem fernen oder gar geheimen Verständnisse zwischen Dir und dem niederträchtigen Landläufer, so muss ich selbst an Deinem Unglücke bei dem Grafen arbeiten: ich muss ihm alles entdecken, und es wird ihm nicht viel Mühe machen, eine exemplarische Strafe für Heinrichs Verwegenheit auszuwirken. Wie es Dir ergehen würde, das kannst Du Dir leicht vorstellen: wie wehe wollte mir's tun, eine mir so liebe Blume, die ich selbst begossen und gepflegt habe, mit meinen eignen Händen zu zerknicken! Rührt Dich dieser Schmerz nicht, dann möchte ich Dich nie gekannt haben und Dich hassen können.' –

Was sagst Du zu dem Briefe, Heinrich! Muss sich das Herz nicht umwenden, wenn man so etwas liest? – Ich zitterte, als ich ihn las, die Betrübnis wollte mich ersticken, und aus Liebe für die Gräfin ward ich durch ihre Bitte so bewegt, dass ich im ersten Augenblicke willens war, ihr zu gehorchen. Aber, Heinrich, es ist mir unmöglich, ihr zu gehorchen: ich kann mich nicht von Dir losmachen: sooft ich's wünsche, ist mir immer, als wenn Du bei mir stündest, mir um den Hals fielst und riefst: "Um Gottes willen, Ulrike! gehorche nicht!" – Nein, Heinrich! ich kann nicht gehorchenGott ist mein Zeuge! ich kann nicht gehorchen! Du bist mir so allgegenwärtig, so mein einziger Gedanke, wohnst so ganz in mir, als wenn Du meine Seele wärst. Ich denke immer: 'Könntest du dich denn nicht zwingen? könnte denn Heinrich nicht lieber eine von seinem stand –', kaum dass ich's soweit denke, so geht schon das ganze Zimmer mit mir herum; es wird mir bänglich, so ängstlich, als wenn mir's das Herz abstossen wollte; ich laufe vor Wehmut und Bangigkeit aus einem Winkel in den andern: die vier Wände sind mir so enge, als wenn sie über meinem kopf sich zusammensenkten, dass ich zum Fenster hinunterspringen möchte. Nein, Heinrich! ich schwöre Dir's bei Himmel und Erde! ich kann nicht gehorchen! ich muss Dich lieben! Du musst mein werden, und wenn die Verdammnis mein Lohn würde.

Ich habe hier, indem ich dies bei der Nachtlampe schreibe, die Hand auf die Brust gelegt, den Schwur laut getan und Gott zum Zeugen angerufen: ich will ihn halten. Es ist mir ein grosser Fels vom herz gewälzt, dass ich ihn getan habe: es war, als ich ihn tun wollte, bei dem blassen Schimmer der Lampe, völlig, als wenn die Tante Gräfin in ihrem weissen Atlaskleide zum Kabinett hereinrauschte und mir den Mund zuhalten wollte: es lief mir ein rechter Totenschauer über den rücken; und wie ich schwur, fiel die zurückgeschlagene Bettgardinevermutlich weil ich mit dem Ellenbogen daran stiessüber mich herab: ich denke, die Tante fällt über mich her, so erschrak ich: aber ich ermannte mich: ich vollendete den Schwur mit Zittern, und kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so ward mir's wie Tageslicht vor den Augen, und Mut und Entschlossenheit belebten mich so plötzlich, als wenn sie mir in alle Adern gegossen würden.

Ich bin entschlossen, fest entschlossen, der Versorgung in einem Stifte zu entgehen. Eine Versorgung zeitlebens! – Ja, daran liegt mir viel! Die Leute denken, wenn man Essen und Trinken hat, dann ist man versorgt: hat man denn nicht auch ein Herz? Meins ist versorgt: ich bedarf gar keine Versorgung weiter. Was bekümmert mich das bisschen elender Kleiderputz, kostbare Tafel, Equipagen und Bedienten? Nehm es, wer's mag! Ich war in dem gestreiften Raschrocke, als wir den Abend vor Deiner Abreise im Kabinette beisammensassen, so glücklich und tausendmal glücklicher, als ich niemals in dem schönsten Steifrocke bei dem herrlichsten Feste gewesen bin. Wenn mich nun aller der langweilige Plunder nicht rührt? Wenn ich nun keine Versorgung zeitlebens haben will? – Ich begreife gar nicht, wo die Leute hindenken! Ich muss doch wohl am besten wissen, wie ich versorgt sein will: ich bin's