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meinetwillen so viel ausstehn: allein er tröstete mich und versicherte, dass der Graf durch den schändlichen Jakob und seinen Vater wider sie aufgebracht wäre. Die abscheulichen Kreaturen können's nicht leiden, dass sie den Grafen zuweilen zu etwas bewegt, was ihnen nicht lieb ist: er soll durchaus nichts tun, was sie nicht angegeben haben. Er fürchtet sich auch vor ihnen wie unser Spitz vor der Tante Sapperment. Ich wäre noch lange nicht nach Dresden geschickt worden, wenn die beiden Schurken nicht so getrieben hätten: aber für diese Schurkerei bin ich ihnen herzlich verbunden. Ich rate auch noch eine micht ist: eh' ich fortreiste, speisten fast alle Tage Advokaten, fremde Kaufleute und Bankiers bei uns: das geschah auch bei meinem Papa kurz vor seinem tod; und wenn ich die Mama fragte, was die Leute alle wollten, so antwortete sie mir: "Wir müssen sie füttern, damit sie uns das Brot nicht nehmen." – Ja, sie kehrten sich viel daran; denn da der Papa tot war, liessen sie uns nichts zu beissen noch zu brechen. – Ich gebe dem Briefe vier, fünf, sechs Küsse für Dich; nimm sie ihm ab!

Deine Ulrike.

Fünfter teil

Erstes Kapitel

Herrmann gab jedesmal seinem Boten, wenn er ihn aussandte, einen Brief an Ulrike mit, worinne er ihr seine bisherigen Schicksale seit der Abreise aus seinem Vaterstädtchen pünktlich und umständlich erzählte, und war deswegen den ganzen Tag unaufhörlich mit Schreiben beschäftigt, ohne einen Schritt aus dem haus zu tun. Die Frau Doktorin floss von Lobsprüchen über und weissagte ihm mit der äussersten Zuversichtlichkeit, dass er in kurzem ein grosser Mann sein werde, weil er so fleissig an ihres Mannes Akten schriebe. Kaum dass er auf ihre Lobeserhebungen und Verheissungen hörte! Kaltblütig nahm er sie an, und der Doktor, der wohl wusste, dass er wenig oder nichts für ihn arbeitete, liess seine Frau aus Gutmütigkeit und Liebe für seinen Schreiber in ihrem Wahne.

Nach dem letzten, eilfertig geschriebenen Briefe stockte die Korrespondenz: der Bote ging zwar den zweiten Tag nach dem Empfange desselben mit einem grossen Schreiben von Heinrichen zur Baronesse, allein er brachte es wieder zurück mit der Nachricht, dass ihn die Köchin abgewiesen habe. – War das Geheimnis verraten? Hatte man die Baronesse von Dresden weggebracht? Wollte man sie verheiraten? Wollte man sie einsperren? – Alles gleich wahrscheinlich für den argwöhnischen Verliebten! Dahinter musste er kommen, kostete es auch noch soviel. Sein Postbote wurde befehligt, gegen Erlegung eines baren Gulden die Gasse, wo die Baronesse wohnte, unablässig durchzupatroullieren, in der Nachbarschaft und im haus, doch mit Vorsichtigkeit, nach ihr zu fragen und bei der ersten gewissen Nachricht sogleich getreuen Bericht zu erstatten. Herrmann setzte sich ebenfalls in Bewegung, auch durch sich selbst Gewissheit zu bekommen.

Neun Tage lang erfuhr er nichts, als dass Ulrike weder verreist noch eingesperrt, noch weggebracht sei, sondern sich wirklich in Dresden befinde und alle Tage mit ihrer Tante ausfahre: er sah auch einigemal die Kutsche, allein seit der Begebenheit bei der Mühle fuhr die Oberstin nicht anders als mit zugemachten Fenstern, stieg bei einer Spazierfahrt nie aus, wenn es nicht in einem Garten oder andern verschlossnen Orte war, und erlaubte Ulriken nicht, einen blick aus dem Wagen zu tun: sobald sie nur Miene machte, sich nach dem Fenster zu neigen, so wurde sie mit einem Donnerwetter oder Sapperment wieder in die Ecke gedrückt. Das waren neun Tage, in Höllenpein zugebracht!

Erst am zehnten langte ein Brief an, den sie, mit Blei beschwert, dem Kurier zum Fenster herabgeworfen hatte. Er wurde nicht gelesen, sondern verschlungen.

den 24. Junius.

Ich schreibe Dir diesen Brief, liebster Heinrich, mit höchst betrübtem herz, so voll Beklemmung, dass sie mir den Atem nimmt. Was ich befürchtete, ist geschehn: die Oberstin hat der Tante Gräfin den ganzen Vorfall bei der Mühle haarklein geschrieben, und ich habe gestern einen Brief von ihr bekommen, der mir am herz nagt. Sie bittet mich um Gottes willen, ich soll mir Gewalt antun und meine Liebe gegen Dich aufgeben. Sie hätte, schreibt sie, aus zu guter Meinung von meinem verstand keine von allen Beschuldigungen und verdächtigen Anzeigen wider mich geglaubt und sehr oft durch meine Verteidigung des Onkels Unwillen auf sich geladen: 'Aber nunmehr', setzt sie hinzu, 'hat mich das Geständnis, das Du Deiner Tante mit der äussersten Frechheit in der Mühle tatest, aus meinem Irrtum gerissen: ich sehe, dass Du nicht bloss unvorsichtig, sondern verführt bist und Deine Verführung liebst, Dir vielleicht gar etwas darauf zugute tust. Besinne Dich, Ulrike: bedenke, wer Du bist, wer Dein Onkel und Deine übrigen Verwandten sind! Und dann überlege, ob Du es verantworten kannst, uns allen eine solche Schande zu machen! Weise den liederlichen Buben' – Heinrich! das Blut möchte mir liederlichen Buben! wenn's nicht meine Tante wäre, ich wollte ihr eine verzweifelte Antwort auf den liederlichen Buben geben. – 'Weise den liederlichen Buben von Dir! Meide, fliehe den Erzbösewicht, der uns unsere Wohltaten durch Bubenstreiche vergelten will! Alles Gute, was ich ihm erzeigt habe, muss sein Verderben werden: mein eigenes Verderben muss ich mir zur Strafe wünschen, dass ich mich von unseliger Schwachheit verleiten liess, den Schänder unsers Hauses selbst zu erziehen. Noch weiss der Graf nichts von der