1780_Wezel_105_100.txt

machen; und wenn sie vor ihm auf die Füsse fiele, so fährt er sie doch an wie eine Viehmagd: ein paarmal trieb er's so arg, dass ich mich des Weinens nicht entalten konnte; und dann ging ich mit der Gräfin in ihr Zimmer: eine Träne jagte immer die andre bei ihr: sie rang die hände; sie konnte kein Wort reden: das schmerzte mich so tief in der Seele, dass ich zu dem Grafen unangemeldet ins Zimmer lief und ihm zu Füssen fiel und bat, er möchte meiner Tante nicht so übel begegnen. Kannst Du Dir einbilden, Heinrich? – Der Onkel war wirklich recht bestürzt und räusperte sich so kurzatmicht, wie er immer tut, wenn er sich nicht recht zu helfen weiss; er hub mich auf und drückte mir die Hand so ängstlich, als wenn's ihm von Herzen leid täte: da trat der krummbeinichte Jakob ins Zimmer: gleich liess mich der Graf fahren und sagte mir mit gebieterischem Tone: "Geh in dein Zimmer! Wenn du in Zukunft etwas mit mir zu sprechen hast, so weisst du, wo du dich vorher melden musst. Führe sie fort!" sprach er zu seinem Jakob. Der Bube fletschte die Zähne und freute sich recht innig, dass ich so übel ankam: er fasste mich bei dem arme, aber ich gab ihm einen so empfindlichen Nasenstüber, dass er mich fahren liess und hell wie eine Trompete in seine beiden Tatzen hinein nieste.

Ich kann mir's gar nicht aus den Gedanken bringen, ob wir vielleicht an allem dem Unglücke schuld sein möchten: denn seitdem wir im Kabinette ertappt worden sind, hat es angefangen und nicht wieder aufgehört bis zu meiner Abreise nach Dresden. Die Gräfin hat uns ein paarmal verteidigt

Ach! da hör ich unsern Boten betteln. Lass ihn morgen nachmittag wiederkommen. Lebe wohl.

Ulrike.

Den folgenden Morgen kam wirklich ein zweiter Brief an, der die Fortsetzung ihrer abgebrochnen Erzählung entielt.

den 13. Jun.

Allerliebster Heinrich!

Tante Sapperment buchstabiert heute noch an ihrem Briefe: sie schreibt wie Onkels Reitknecht, den wir einmal behorchten, da er auf dem Futterkasten an seine Braut schrieb. "H-o-ch Hoch" – so buchstabiert sie laut vor sich, und wenn sie einmal drei Worte zusammengestoppelt hat, so liest sie sich's laut vor, um zu sehen, ob Verstand darinne ist; und dann ruft sie mich hundertmal und fragt mich: "Wie schreibt man denn das Wort? wie denn das?" – Sag ich ihr, wie ich glaube, dass es sein muss, so ist's ihr niemals recht. – "Sapperment! das ist ja falsch; das klingt ja nicht!" – da streitet, da zankt und flucht sie! und wenn ich ihr recht gebe, um nicht zu streiten, so sappermentiert sie wieder, dass ich ihr nicht helfen will. Mir ist es nunmehr desto lieber, je länger sie über ihren Briefen zubringen muss: unterdessen kann ich ungestört an Dich schreiben; und zu meinem noch grösseren Vergnügen glaubt sie jetzt sogar, dass ich nicht richtig buchstabieren kann, und fragt mich deswegen sehr selten um Rat, nur wenn der Bediente nicht zu haus ist, der ihr besser zu raten weissweil es bei ihm allemal klingt, wenn er vorbuchstabiert, sagt sie. Du müsstest Dich zu tod lachen, wenn Du einmal zuhorchtest, was für mitunter wird dann auf beiden Seiten ein gutes Stückchen geflucht. Der Bediente ist einmal Packknecht gewesen und spricht mit allen Leuten, als wenn's seine Pferde wären. Wenn er der Tante zuweilen zwei N oder M vorgesagt hat, so ist sie imstande, ein ganzes halbes Dutzend in einem zug hinzuschmieren: – "Oh!" schreit der Bediente wie zu einem Pferde, das stillstehn soll. – "Dass dich der Donner und das Wetter!" fährt die Tante grimmig auf und wischt die überflüssigen M mit der Zunge weg, "die verfluchten M laufen einem aus der Feder heraus, als wenn sie der Satan herausjagte. Nun hab ich gar die Wetteräser alle ausgewischt." – "Ah! Ah!" spricht der Packknecht, "was blecken Sie denn die Zunge so lang heraus wie ein Kehrbesen?" – Dann fliesst die Tinte auf dem nassen Papier zusammen: wieder ein Donnerwetter auf das Rackerpapier! dann wird ausgestrichen: daraus entsteht eine Donner-Blitz-Hagelssau. – "Da! Hans Pump!" ruft Tantchen dem Bedienten, "das verfluchte Schwein ist für mich zu gross"; und so schluckt es Hans Pump wie eine Auster mit Haut und Haar vom Papier weg.

Da haben wir's! da bettelt unser Briefträger schon. Schick ihn erst übermorgen und etwas später! Viel tausend Küsse von

Deiner Ulrike.

Der Termin war etwas weit hinausgeschoben; und den zweiten Tag darauf erst in der Dämmerung erschien der versprochne Brief: er war sehr eilfertig und unleserlich geschrieben.

den 15. Jun.

Lieber, lieber Heinrich!

Tante Sapperment ist zum Besuch: ich will Dir hurtig erzählen, was ich letztin vergessen habe. Ich sagte Dir, dass es der Tante Gräfin jetzt so übel geht, weil sie uns hat verteidigen wollen. Sie glaubt es nicht, dass wir die Absicht hatten, davonzugehn: aber der Graf lässt sich's nicht ausreden. Ich klagte Schwingern mein Herzeleid, dass ich glaubte, die Tante müsste um