Unsinn, den man selber zu verantworten sich nicht getrauet, durch eine stimme vom Himmel reden zu lassen: so treibt mir es doch oft kalten Schweiss aus, wenn ein Poet die Muse die er aufgeboten hat, oder die stimme vom Himmel gar zu erbärmlich – deräsonniren lässt. Wusst er es vorher, dass sie comme un bijou resonniren würde, warum rief er sie zu hülfe? Und wusst er es nicht vorher, so konnte er es denn doch merken, wie sie es durch den Mund von sich gab, dass es schaal sei; warum schrieb er es denn nach? – Mit unter trägt sichs wohl zu, dass das Orakel vernünftig spricht; aber dann bringt gemeiniglich der Dichter sein Sage mir, Muse! so trotzig heraus, dass er völlig das Ansehen gewinnt, als wollt er sie nur ihre Lektion überhören. Und es mag jemand vor den Augen und Ohren des ganzen Publikum den Schüler oder den Schulmeister machen, beides – mit Gunst zu melden – kommt immer ein bischen, ich weiss nicht wie, heraus.
Ich bin es selbst, freundlicher lieber Leser, der dir die Nachricht gibt, dass unser Edelmann eigentlich mit seinem Taufnamen Seifried hiess. Seifried, Erbund Gerichtsherr auf Lindenberg. Diese Nachricht hab ich mir von keiner Muse sagen lassen, und bin überall keiner Eingebung Dank dafür schuldig, sondern ich habe sie unmittelbar aus dem Kirchenbuche geschöpft. Es würde auch wohl vergeblich gewesen sein, wenn ich einer von den Musen den Mund drum hätte gönnen wollen, denn die Musen sind gottlose blinde Heiden, denen kein ehrlicher Küster erlauben wird, ihre Nase in ein christliches Kirchenbuch zu stecken. Besser also, ich wendete dem Küster zwei Groschen zu, als einem heidnischen Teufelsbraten einen Kratzfuss.
Seifried hiess also eigentlich der Edelmann; aber er hörte es gar zu gern, wenn man ihn Siegfried nannte. Und – zur dienstlichen Nachricht: hier etwa fängt er an interessant zu werden, wenn es anders, wie ich sehr geneigt bin zu glauben, jemand gibt, den er interessiren kann.
Fünftes Kapitel.
Die Dorfschenke, oder der gehörnte Siegfried.
Deswegen fange ich auch ein neues Kapitel an.
Es war an einem unvergleichlichen Herbstnachmittage, als Junker Seifried tat, was er vorher niemals, oder doch so ausserordentlich selten zu tun pflegte, dass davon auch nicht der Schatten einer Nachricht auf mich gekommen ist: Er ging spazieren.
Fast ganz an der südlichen Grenze seines Gebietes lag das kleine Lustwäldchen, dessen ich zu Anfang des ersten Kapitels rühmlichst gedacht habe. Dahin begab sich der Edelmann. Er lagerte sich unter einer majestätischen Eiche, und hörte den Vögeln, die um ihn her zwitscherten – nicht zu, hatte auch in der Welt kein Arges draus, dass eine liebliche Quelle zu seinen Füssen mit sanftem Murmeln durch Gebüsch und bunte Blumen sich schlängelte. Er rauchte sein Pfeifchen, freuete sich herzlich, dass es Zirkel gab, wenn er in den Bach spuckte, und schlummerte endlich gar sanft und süss über dem Rauchen ein. Als er erwachte, fand er sich in der schönsten Abenddämmerung, und ehe er noch den Rückweg halb vollendet hatte, war es völlig dunkel.
Der gnädige Herr erreichte sein Dorf, und schlenterte ganz gemächlich durch die Pfützen und über die Mistaufen vorwärts, bis eine laute patetische stimme, die in der stube der Dorfschenke gewaltig deklamirte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Neugier war sonst des Pommerschen Edelmanns Fehler nicht, aber heute sollte alles bei ihm ungewöhnlich zugehen. Bin doch kurjos zu wissen, was da so gröhlet, sagte er bei sich selbst und kuckte ins Fenster. Da sah er denn am Ende des Tisches den Schulmeister, sitzend in seiner ganzen Gravität, vor ihm zwei Endchen Licht, eins auf dem Leuchter, das andre in den Hals einer Bouteille gesteckt, neben und hinter ihm die Kinder des Wirts mit aufgesperrten Mäulern, und um den Tisch her fünf oder sechs bauern in ihren weissen Kitteln, die kurzen Stummelchen im Schnabel, aus welchen der Dampf des Brandenburgischen Knasters in dichten wirbelnden Wolken hervorstieg, und die stube an Qualm und Wohlgeruch vollkommen jenem Abgrund ähnlich machte, der der Hölle zum Schornstein dienet, und in welchen Astolph, reitend auf dem Hippogrifen die Harpyen zu allen Teufeln jagte.1 Der Schulmeister hatte die wahre und wundersame geschichte des kecken und mannhaften Ritters Siegfried, mit dem Beinamen des Hörnernen, in seiner linken Hand, breitete die rechte in zierlichen Gestikulationen seinem Auditorium entgegen, und las, dass er braun um den Kopf wurde. Er war gerade bei dem unerhörten Ebenteuer, des Ritters wider den scheusslichen Haselwurm. Die Nasenlöcher der bauern erweiterten sich, die Kinder schmiegten sich an einander, die Wirtin rückte ihren Bettschemel näher an den Tisch und sah von Zeit zu Zeit hinter sich, ob ihr auch etwa ein Drache in die Arrieregarde fiele, und der Junker draussen vor dem Fenster horchte aufmerksam zu, als der Schulmeister las, wie die Hiebe fielen als Hagel, und jeder Hieb 'ne Wunde machte, wie 'n Scheuntor, und wie der Ritter den Lindwurm, dess er kümmerlich Herr werden mogt, braten tät, dass 's Fett raus quoll, und 's Fett Horn ward, als 's gerann, und der Ritter sich damit fest machte wider Hieb und Stich, und 's Fräulin erlöste, und sich zu ihr tät wonniglich – und was des Dings mehr war, welches alles Ihr weiter nachlesen möget, teils im Büchlein selbst, teils auch in der