. Seit der Konfirmation des Junkers hatte sie dem Pfarrer nicht über den Weg getrauet, darum vermachte sie ihm in ihrem letzten Willen baare zweihundert Taler mit der Klausel, dass er die Ehre ihr den Leichensermon zu halten, einem benachbarten Prediger übertragen mögte. Der Geistliche aber, ob er gleich arm war, und eine geizige Frau hatte, schlug das Legatum grossmütig aus, und hielt die Predigt selbst, und zwar gerade weg, wie er es gewohnt war, für jeden aus seiner Gemeine zu tun, ohne ihrem guten Leumund den allerkleinsten Kleck anzuhängen, oder ihr irgend eine Tugend nachzulügen. Schand- oder Ehrensäulen zu errichten, käme, so dachte er, dem Geschichtschreiber zu, nicht dem Prediger; Weihrauch sei all überall ein abgeschmacktes Ding; und Asa fötida könne schlechterdings kein taugliches Ingrediens einer heiligen Rede sei. – Diesen Umstand, so wenig er eigentlich in mein Buch gehören mag, kann ich, zu Ehren meines lieben Pfarrers, unmöglich verschweigen, dessen ehrwürdige Absicht, so oft er predigte, immer die war, seine Zuhörer zu erbauen und zu bessern. Dieser Zweck, davon glaubte er überzeugt zu sein, stand nicht zu erreichen, wenn er die Tugenden oder Fehler einer vor ihm stehenden Leiche, jene zum Muster, diese zur Vogelscheuche ausstellen wollte. Aber zur Ehre des Edelmannes kann ich ebenfalls nicht verschweigen, dass er ihm die zweihundert hundert Taler dennoch bezahlte. "Bin dem Pastoren das Schulgeld noch schuldig, dass er mich das Lesen gelehrt hat." So sagte er, und sandte ihm überdem noch ein artiges Geschenk für die Leichenpredigt.
Als unser Edelmann sich von den Unruhen des Leichenbegängnisses einigermassen wieder erholet hatte, schwankte er zwischen zwei Einfällen hin und her, über welchen er nicht etwa seit gestern brütete. Schon lange war er mit dem heldenmässigen Gedanken schwanger gegangen, dermaleinst, wenn die gnädige Mama versterben sollte, wieder Kriegsdienste zu nehmen. Das war der eine Einfall. Der andre war nicht vollends so halsbrechend, und die Frucht der ternhaften Unterhaltungen weiland seines Mentors, aus welchen ihm noch diess und jenes im Gedächtnisse schwebte. Denn, das muss ich, da es hier die gelegenheit gibt, dem Hofmeister nachrühmen, dass er sehr fleissig gewesen war, den Zögling in den Mysterien der hohen schulen, so viel an ihm war, zu initüren, und dessen Geschmack durch die kräftigsten Burschenlieder zu bilden. Und wenn das alles nicht tiefe Wurzel geschlagen, oder schlimme Folgen hervorgebracht hatte, so ist es bloss der damaligen zarten Jugend des Junkers beizumessen, die unstreitig zu des Mentors zeiten ausserordentlich zart gewesen sein muss, da er noch in den ersten Jahren seiner Bekanntschaft mit dem Ludimagister, das heisst, wie er schon nahe an die vierzig war, Mayenkäfer ankleidete und Kartenhäuser bauete. Aber so tief hatten die Erzählungen des Hofmeisters doch gewurzelt, dass sie nach dem tod der gnädigen Frau den Einfall in seinem Gehirne erzeugten, eine Universität zu beziehen, nicht eben um zu studiren; denn er wusste nicht recht, was studiren sei: sondern um sich für sein Geld zu vergnügen, weil er steif und fest glaubte, das Universitätsleben sei das lustigste Leben von der Welt.
Diese beide Einfälle hielten einander in des Edelmanns kopf so ziemlich die Wage. Aber wenn er zwischen beiden, wie dort Herkules am Scheidewege, unschlüssig stand, so war es nicht etwa deshalben, weil er für jeden Einfall Gründe pro und kontra fand; – denn mit Gründen sich zu befassen, war bisher nie sonderlich seine Sache gewesen; – sondern weil ihn weder Instinkt noch Zufall zu einem von beiden determinirte. Er nahm sonach von einem Tage zum andern die Sache ad deliberandum, und so flossen ihm ganz unvermerkt ein acht oder zehn Jahre hin, in welcher ganzen Periode der Unschlüssigkeit er beständig die Lebensart fortführte, an die er sich seit dem tod des Obristlieutenants gewöhnet hatte, ohne ein Tittelchen dran zu ändern. So wie man ihn jetzt kennet, standen auch Tausend an Eins zu wetten, dass er in eben dem Gleise bis an sein eigenes Ende geblieben sein, und sich dabei eins ums andre, jetzt an dem Glanze des Soldatenstandes, jetzt an den akademischen Freuden ergötzt haben würde, wenn es nicht seinem Gestirne beliebet hätte, ihm den Ludimagister in den Weg zu führen. Diesem mann war es vorbehalten, die Unentschlossenheit des Edelmanns zu enden, seiner Phantasie ihren Schwung zu geben, und ihn in das glänzende Licht zu setzen, wovon ich, so Gott will, in den folgenden Kapiteln einen Abglanz meinen Lesern ins Auge stralen zu lassen gedenke.
Viertes Kapitel.
Das erste Kapitel vom Taufnamen.
Von Gott und Rechtswegen gebühret uns Geschichtschreibern der Rang vor den leidigen Poeten, und Trotz sei dem geboten, der mir das abstreiten will! Nur Eins zu rügen: wenn diese Leutchen erst bitten und betteln müssen, dass eine Muse sich ihrer annehmen, und ihnen Nachricht von den Sächelchen geben wolle, die sie zu singen Willens sind, und die nicht selten – so bekannt sind, dass alle Zeitungen davon sprechen: so kann unser einer selbst auftreten, darf keines Vormunds oder Soufleur's, erzählet selbst, was er mit Augen gesehen, oder aus Urkunden geschöpfet hat; und das ist dann doch wohl ein wenig glaubwürdiger, als was Poet auf Treu und Glauben einer alten Jungfer sagt – oder als sein eigenes Weibergeklatsche, dass er der Muse in den Mund legt. Denn, wiewohl das Ding seine grossen und handgreiflichen Bequemlichkeiten haben mag, den