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Dem Himmel sei Dank, lieber guter Leser! wir sind uns nun nicht mehr so fremd, als da ich mit meinem Siegfriedbüchlein zum erstenmal ins Publikum schritt. Du glaubst nicht, wie behaglich mir das sei, mir, der ich nirgend lieber als unter alten Bekannten bin, dass ich, da Du mit dem, was ich Dir nach meiner Wenigkeit in gedachtem Werklein aufzuschüsseln vermogte, so ziemlich freundlich fürlieb nahmst, nunmehr Deiner Majestät, Durchlaucht, Hochgebohrnen, oderHochedlenwas Du nun gerade bist, als ein alter Bekannter treuherzig die Hand bieten kann.

Zwar, wärest Duund das kann sich gar wohl zutragen, da ich diesen meinen neuen ersten teil so gut als den alten, und auf eben den Fuss, dem guten biedern Nicolai und der hohen Ottomanischen Pforte hiermit, respektive ergebenst und in tiefster Devotion, dediciret haben will; – wärest Du also gerade eine Majestät, so mögte mancher, der noch nicht weiss, wie kordat die Schriftstellerchen heuer mit Königen und Kronprinzen in Büchern, Vorreden und Dedikationen zu reden pflegen, es für sehr zutäppisch erklären, dass ich so antik und Deutsch Dir die Hand biete. Aber mögen sie doch, lieber Sultan! Wenn nur Deine Majestät sich nicht dran stösst, so mag sich meinetwegen die eingebildete Majestät jedes Mufti, Iman, Torschreibere, Kommissionsrats, – oder wer sonst wähnet, ein rechtschaffner Mann ehre ihn mehr durch einen krummen rücken als durch einen biedern Gruss, dran stossen. (Diese Leutlein kennen meine Art nicht: wem ich die Hand biete, von dem hab ich sicher eine gute Meinungdenn ich halte meine Hand ein wenig in Ehren, einen neuen Hut aber kann ich für etliche wenige Gulden wieder kaufen, drum nehm ichs mit dem nicht so genau.) Da wollt ich ohnehin drauf schwören, dass ich überall schiedlicher und friedlicher mit Dir aus einander kommen werde, als mein erstes Siegfriedbüchlein mit den Einwohnern eines kleinen Fleckens im land zu Schwaben. Denn, wir können nichts mit einander auszumachen haben, sobald Deine Majestätwie sie denn ohne die grösseste Ungerechtigkeit nicht anders kannsich nur versichert hält, dass ich Dich, obgleich Du Sultan bist und ein Muselman, wegen des wichtigen Postens eines Monarchen, welchen Dir eben der Gott vertrauete, der dem Muselman so wohl als dem heiligen Vater zu Rom und dem Oberrabbiner zu Berlin Leben und Dasein gab, eben so herzlich ehre, als wenn Du der Allerchristlichste König wärest, – wenn Du anders, wie ich zu Deiner Kaiserlichen Majestät das veste Vertrauen habe, ein guter Mann bist. Undnimm mir das nicht übel, grosser Sultan! – ein guter Mann zu sein, ist Deine Schuldigkeit nicht mehr und nicht weniger, als es die meinige ist. Zwar gibt es einige Leute, die dafür halten, je grösser und vermögender einer sei, desto mehr sei er verbunden, ein guter Mann zu sein: ich aber mögte wohl hören, womit sie das beweisen wollten? Denn ich, der ich das Glück habe, kein König zu sein, war, so lange ich Rechts und Links unterscheiden konnte, steif und vest der Meinung, es sei, was diesen Punkt betrift, keiner von allen, die aus Noah's Kosten herstammen, vor dem andern von Gott mit einem vorzüglichen Berufe begnadigt; und hier ist mein Beweis, von dem ich wohl einmal wenn Dirs nicht zu viel Mühe macht, zu erfahren wünschte, ob er Deiner Ottomanischen Majestät einleuchtet. Der Sultan, sag ich, ist Mensch, ehe er Sultan, und der Bettler ist Mensch, ehe er Bettler ist. Mensch ist also hier die Hauptsache; Despot oder Bettler sind zufällige Nebenumstände. Da nun gut sein, so sehr er kann und vermag, des Menschen Pflicht ist, (cf. Bibel, Koran, und Vernunft,) und der Bettler so wohl vom weib gebohren ist, als der Sultan: so fliesst daraus der Schluss, dass einer wie der andre all sein bischen Kraft anstrengen müsse, so gut als möglich zu sein. W.Z.E.W. Alles, was Deinesgleichen voraus haben, ist, dass jede Minute ihres Lebens ihnen gelegenheit gibt, zu beweisen, dass sie gut sind; da im Gegenteil der Bettler oft sein ganzes Leben hindurch vergebens auf eine unzweideutige gelegenheit warten kann, darzutun, dass Adel der Seele vielfältig mit Dürftigkeit gepaaret sei, und ächte Grösse und Güte des Herzens gar wohl unter einer Hülle von Lumpen wohnen könne. Aber das ist auch vielleicht das einzige, was Deinesgleichen neidenswert macht – (wenn ihr bei allen eueren Lasten und Sorgen, und der schweren Rechenschaft, die ihr vor dem Trone des ewigen Monarchen zu geben habt, überall neidenswert seid –) und stehet der Wahrheit nicht im Wege, dass der Mann in Lumpen obgezeigtermassen einerlei grossen Beruf mit Euren Majestäten, Durchlauchten, Hochgebohrnen, u.s.w. habe. – Bist Du also, wie ich sagte, überzeugt, dass ich, unbekümmert, ob Du und Deine Untertanen beschnitten oder unbeschnitten sind, in Dir den Gesalbten Gottes ehre, den Mann, den die Vorsehung mit der Gewalt rüstete, Millionen meiner Brüder glücklich oder elend zu machen: so wüsst ich nicht, was wir mit einander zu teilen haben könnten. Indessen, was dickgedachter Marktflecken im land zu Schwaben mit mir und meiner unbedeutenden Autorschaft zu teilen haben könnte, wüsst ich eben so wenig, und doch erhoben