Gemalinn und ältesten Herrn Sohn verwalten zu lassen. Und die Frau Premierministerinn hatte auch eine so vortreffliche Hand zum Hüten, dass das Vieh wundersames Gedeihen hatte. Es währte aber kein halbes Jahr, so fand Herr Schwalbe eine schöne gelegenheit, es dem Herrn Leibpoeten einzutränken. Der Küsterdienst an der hochadlichen Pfarrkirche wurde vakant, und in Ermangelung eines andern Subjekts musste sich der Herr Schlossnachtwächter, oder Chef von der Garde bequemen, Küster zu werden, weil er sein Wächterhorn recht taktmässig blies, und eine schöne stimme hatte, die Stunden zu rufen. Da wusste es nun der Prämierminister so zu karten, dass der Herr Leibpoet den Nachtwächterdienst übernehmen musste.
Wie aber zuletzt mein lieber ehrlicher Pfarrer starb, dessen geschichte ich mit nächsten auf Subscription drucken lassen werde: da nahm das Indigenat ein Ende, weil in ganz Lindenderg kein Eingebohrner war der Teologie studiret hatte, und das Konsistorium keinen unteologischen Pastor anerkennen wollte.
drei und Zwanzigstes Kapitel.
Welches noch nicht das letzte in diesem buch ist.
Seine Gnaden hörten aus der Zeitung, dass in Wien ein neues Schauspiel von Stephanie mit vielem Beifall aufgeführet sei, und erkundigten sich stracks, was es mit solcherlei Dingen für eine Bewandniss habe. Zu allem Glück war der Schlosspoet bei dieser Erkundigung zugegen, der im stand war, Seiner Gnaden hinlängliche Auskunft zu geben, weil Monsieur le Premier es nicht so recht deutlich machen konnten, was eine Komedia und ein Teatrum sei. Der Poet hatte sogar in seiner sehr mignonnen und ponponnen Bibliotek einige teatralische Sachen, die er holen liess, um dem Edelmann das Ding recht begreiflich zu machen. Der dirigirende Minister musste vorlesen, und so erbärmlich er las, fand der gnädige Herr doch an der Minna von Barnhelm so viel Behagen, dass er plötzlich ausrief: Kriege Lust zu den Kram. Hagel noch mal, das ist schnurrig! Manister Lektoris, weiss er was? Will auch ein Triatrum anlegen.
Dem Minister war nicht leicht ein Anschlag zu abenteuerlich; und die zierliche Gerechtigkeit bequemte sich gern zu allem, wobei es Accidenzen gab, und disponirte den Secretär und Verwalter eben dahin. Die Herren beruhigten sich, ausser der Beruhigung die feile Seelen allemal in dem Anwachs der Einkünfte finden, damit, dass das grösste teil des Lächerlichen, wenn auch das Gerücht davon über die Grenzen des abgelegnen Gütchens kommen würde, auf den gnädigen Herrn fiel. Kurz, das Teater ward, wie jede Torheit, allgemein beliebt. Der Kuhstall, wo die Viehstände rechts und links die natürlichsten Koulissen von der Welt machten, war der Schauplatz. Minna von Barnhelm hatte, als die erste Komödie, die dem gnädigen Herrn vorgelesen war, den stärksten Eindruck auf ihn gemacht, also war sie auch die, womit das Lindenbergsche Triatrum eröffnet wurde. Die Frau Schlosspoetinn hatte just einen hysterischen Zufall von grosser Heftigkeit, und konnte nicht mitspielen. An ihrer Stelle musste man sich dann nach einer andern Minna umsehen.
Es lebte in dem dorf Lindenberg, im haus eines bauern, eine alte ein und sechzigjährige französische Mamsell, aus mir wohlbekannten Ursachen, inkognito vel quasi. Sie hatte weiland zu Prag, der Hauptstadt im Böhmerland, als Französinn oder Gouvernante gedienet, sah sich aber genötigt, das Königreich Böheim zu verlassen, und zog nach Sachsen, in die Polackei, wieder nach Sachsen, nach Braunschweig, Hannover, Magdeburg, Berlin und Spandau; hatte aller Orten merkwürdige Ebenteuer, und lebte jetzt im Pommerlande. Sie hatte, Kasu, das rechte Auge verlohren, konnte aber mit dem linken noch ganz gut sehen, und sprach – nicht Kasu – stark durch die Nase. Der Edelmann konnte sie nicht leiden, weil sie aus Frankreich war, jetzt aber musste er aus der Not eine Tugend machen, und diess holde geschöpf repräsentirte die Minna.
Des Edelmanns Haushälterinn, eine feine Matrone, lud sich Franciska auf den Nacken. Sie hatte sich wohl einmal in ihrer Jugend das Sternum entzwei gefallen, daher denn unter ihrem spitzen Kinn ein so merkliches Vorgebirge hervor ragte, dass das ehrliche Weib nicht wusste, wie ihre Knie aussahen: aber das tat nichts zur Sache, sie machte darum ihre Franciska flott weg. Die männlichen Rollen waren nicht weniger gut besetzt. Den Grafen von Bruchsal machte der Edelmann selbst, weil es die vornehmste person im Stücke war, wiewohl er, als Soldat, auch zum Oberstwachmeister herzlichen Appetit hatte. Da er aber sein Gedächtniss nicht überladen wollte, fand er für gut, sein Part, wie er es nannte, aus dem buch herzulesen, worinn ihn, weil er die edle Lesekunst lange nicht mehr getrieben hatte, der Herr dirigirende Minister fleissig üben musste, so dass er ohne eben sehr oft anzustossen, damit fertig würde. Den Tellheim machte der Jäger mit dem Stelzfusse, und der Herr Schlosspoet den Wachmeister. Der Oberkammerherr Christian stellte den Wirt vor, u.s. weiter.
Er hatte sein Wesen geraume Zeit mit dem Teater. Aber zuletzt, wie denn alles vergänglich ist, zerfiel es durch einen witzigen Einfall der Frau Schlosspoetinn. Diese vornehme Dame war zu zeiten sehr vornehm, und fand es abscheulich tief unter ihrer Würde, eine Rolle in einem Schauspiele zu übernehmen. Da man aber doch nicht sein Lebenlang hysterische Zufälle haben kann, ohne sich selbst gewaltig zu inkommodiren, so mussten die ihrigen auch ihre Lucida Intervalla haben. In einem solchen Zwischenraume, da andre Ursachen es foderten, dass sie schlechterdings gesund sein musste, drang ihr der Edelmann die Rolle der Lise,