1779_Mller_075_4.txt

Lehrer seiner Jugend. Seine Güte war in Schwachheit, seine Tätigkeit in Alfanzerei, seine Grösse in Abenteuerlichkeit und in jenen närrischen Stolz ausgeartet, der Kaisern, Königen, Herzogen und Fürsten nichts Grosses oder Kleines voraus lassen wollte.

Sein Vater, ein wackrer Husarenobristlieutenant, rauh wie sein Schnauzbart, und brav wie sein Säbel, hatte es in den Wissenschaften nicht weiter gebracht, als bis zur Fähigkeit, eine Ordre lesen, und seinen Namen so so unterzeichnen zu können, daher er auch bei andern Leuten nichts auf Schulfüchserei hielt. Am allerwenigsten war er Willens, den Kopf seines Sohnes mit solcherlei Unrat ausstafiren zu lassen.

Der Säbel war ihm alles, und diesen Sinn trachtete er auch einzig in der Seele seines Erben zu nähren. Daher kams, dass unser Edelmann von Vaterswegen nichts weiter gelernt hatte, als Reiten, Fechten, das Gewehr präsentiren, und mit lateinischen Buchstaben seinen Namen zu kratzen. Der König, als Gevatter, hatte dem Kindlein eine Kornetstelle eingebunden, folglich war er Soldat, und folglich hatte er nach des Obristlieutenants Meinung an jetztgedachten Geschicklichkeiten Gott und genug.

Seine gnädige Frau Mama liess sich, wie manche Mutter, eine reichliche Portion Affenliebe gegen ihr Söhnchen zu Schulden kommen, und wollte nicht, dass er durch vieles Lernen an Kopf und Nerven geschwächet werden sollte. Ueberdem hielt sie alle irdische menschliche Weisheit für eitel Tand, und war fest überzeugt, Witz und Verstand müsse einen Edelmann von sechzehn Ahnen von selbst zufallen. Nicht eben, als hätte sie zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet; das war nicht ihr Fall, denn sie wusste vom Reiche Gottes so wenig, als ob gar keins gewesen wäre: sondern weil sie es wirklich für bürgerlich und pöbelhaft hielt, sich mit Büchern und Wissenschaften zu beschäftigen, gab sie sich alle Mühe ihrem Sohne eine tiefe Geringschätzung solcher Narrenteidung beizubringen. Dagegen predigte sie ihm täglich und stündlich die hohe Lehre von seinem alten Adel, und schärfte ihm wohl ein, dass er nach seines Vaters tod, die Einkünfte seines freien Guts ungerechnet, jährlich an die zwanzigtausend Taler Zinsen zu verzehren haben würde.

Der Hofmeister des jungen Herrn war ein sklavischer Kerl, ein niedriger Speichellecker, der mit dem Obristlieutenant Danziger trinken, und der gnädigen Frau die Hand küssen konnte. Was Recht war, wusst er so gut als einer. Er hatte aber weder das Herz es zu sagen, noch die Entschlossenheit es zu tun, denn er befand sich gut im schloss, und liebte faule Tage über alles. Aber fechten konnte er trotz Rahn, das muss ich sagen; und zu Pferde sass er wie eine Puppe, auch das muss wahr sein; und saht ihr ihn tanzen, so stahl er euch vollends das Herz aus dem leib. Auch, wenn der alte Herr Lust hatte zu paschen, oder die gnädige Frau Piket zu spielen, war niemand bereiter als er, dem Herrn und der Dame ihr Geld abzugewinnen.

Aller Nutzen, den unser Edelmann aus seiner Erziehung zog, bestand darin, dass die heftigen Leibesübungen mit dem Karabiner, mit dem Rapier, und auf der Reitbahn, seine Muskeln stärkten, seinen Körper dauerhaft machten, und seine natur abhärteten; und dass er, weil Mama und der Mentor ihn metodisch in mancherlei Spielen unterwiesen, durch den Zwang den heftigsten Widerwillen gegen alle Arten des Kartenspiels fasste.

Vierzehn Jahre war unser Junker alt, wie sein Herr Vater das Zeitliche gesegnete. Seine gnädige Mama fand jetzt in ihren überreifen Jahren den Soldatenstand bei weitem nicht mehr so reizend, als in ihren jüngern Jahren, da der goldbesetzte Dolman, die funkelnden Quasten und Schleifen des Pelzes, die reichen Franzen auf den knapp anliegenden Scharivari, und der hohe wehende Federbusch auf dem haupt des damaligen Herrn Rittmeisters von Lindenberg jetzt ihres wohlseligen Gemals, ihr jugendliches Herz in lichterlohe Flammen, setzten. Sie bat um den Abschied ihres Sohnes, schützte eine schwächliche Leibesbeschaffenheit vor, darüber er sich mit seinen vor Gesundheit strotzenden Backen nicht zu beklagen hatte, und trieb ihr Wesen so lange, bis der Junker wirklich seinen Abschied erhielt.

Nun wuchs er denn in Gottes Namen unter der Zucht seiner Frau Mama und des treufleissigen Mentors ferner auf. Zu allem Glücke noch fand sichs, dass der Pastor loci ein ernstafter, verständiger und gewissenhafter Mann war. Da es nun Sitte im land ist, dass der junge Kavalier nicht minder als junge Bauer konfirmiret werden muss, und der fromme unbestechliche Pfarrer unsern Junker so wie er war, in seiner unbeschreiblichen Unwissenheit nicht annehmen wollte: so gedieh es dahin, dass er von der edlen Lesekunst schier so viel begriff, als zur Erlernung der zehn Gebote und was sonst im kleinen Katechismus stehet, erforderlich sein mag. Auch fasste er durch Vorschub des ehrlichen Predigers die Grundsätze der christlichen Sittenlehre in so fern, dass ihn der wackere Mann nach Jahres Frist unter die Katechumenen aufnehmen konnte, ohne sein Gewissen gar zu sehr zu verletzen. Der gute Prediger verlohr zwar durch seinen Trotz und Halsstarrigkeit, wie es die Frau von Lindenberg nannte, manches Accidens, manche Mahlzeit auf dem Edelhofe, und manchen fetten Braten für seine Küche: aber er tröstete sich darüber, und zwar sehr leicht, mit der Erfüllung seiner Pflicht, und mit der Zufriedenheit, dem jungen Herrn einige gute Grundsätze beigebracht zu haben, die, das meinte er könne nicht fehlen, früh oder spät ein lebendiges Gefühl der grossen Wahrheit bewirken müssten, dass man seine Bestimmung hienieden noch nicht erfüllet habe, wenn man reiten, fechten, und