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alle Erfodernisse, jährlich ein Opus quadripartitum zu erzeugen das keinem Professorkinde obgedachten Schlages nachstehen dürfe?

"Nee! rief der Edelmann als Herr Schwalbe mit seinem Kritikakel fertig war, hat der Justitscharius wirklich all die hubschen Reimels auf meinen Rosenbach gemacht? – Krischan! – Den Justitscharius!"

Es trat, oder eigentlich: es hüpfte herein ein kleines, zierliches, niedliches, süsses, bebiesamtes, beessenztes, gedrechseltes, undwie der Lektor versichert, – geschminktes, allerliebstes Männlein, in dessen sauberen Korduanschuhen herrliche Steinschnallen funkelten. Der schönste seidne Strumpf schmückte das wohlgemachteste Beinchen. Schwarze Atlassne Beinkleiderlein schlugen die artigsten Falten. Ein Westchen von Drap d' Argent mit geschmackvollen Blümchen, und ein dunkeldunkelpurpurfarbnes Röckchen bekleidete das mignonnen Persönchen, und doppelte Spitzenmanschetten umcirkelten die weissen Händchen. Ein Halstuch von weissem Taffet blähete sich unter dem Kinne in einer pauschenden Schleife. Der künstliche Lockenbau des kastanienbraunen Haars, der babylonische Turm des Krepps nach damaliger Mode, der bläuliche Puder a la Fleur d' Orange, ein grosser grosser Scheffelsack von Haarbeutel durch den ein breiter breiter Postillon d' Amour über die Schultern herüber in den Schlitz des Jabot flatterte, der Syrup der über das ganze Püppchen ausgegossen war, samt dem kleinen Hütchen von Karton mit schwarzem Taffet überzogen, und dem kleinen Porcelanernen Degenalles das kündigte eher einen Geweiheten der holden Dame von Gnidus, als einen Priester der ernsten und ehrbaren Temis an. Das Männchen tanzte, wenn er ging; lispelte, wenn er sprach; fragte, wenn er antworten sollte; antwortete, wenn er nicht gefragt wurde; verkehrte gar lieblich die Augen; hatte stets den Zahnstocher in der rechten Hand, und die Lorgnette in der linken, und konnte sich sehr fertig auf dem Absatz umdrehen. Er hatte von seiner kleinen person, sehr niedliche Begriffe, und ein aus Spott und Mitleid gemischtes Lächeln für alles andre; trank, als Dichter, gern starke Begeisterung; sprach gemeiniglich Sentenzen und Sarkasmus, und war ein ganz erträglicher Mensch, wenn er schlief. So sah die Gerechtigkeit auf Lindenberg aus.

"Hör er mal, Herr! mein Ordinari da hat in der neuen Avise ein paar Reimels krimisiret, die er auf meinen Rosenbach gemacht haben soll. Hat er das Dingschen bei sich?"

Nein, gnädiger Herr. Man pflegt so was nicht bei sich zu tragen. Befehlen Sie 's aber, so kann Christian sichs von meiner Frau geben lassen.

"Nee, nee, lass er man sein. Bin just nicht so gleich drauf versteuret. Kann 's meinen Lektoris man mal geben. Aber Herr, was ich sagen wollt, nicht eins ins ander zu reden, so mag ich das wohl leiden, dass er 'n feinen warmen Raptum hat, wie die Avise sagt, ob 's mir wohl lieber wäre, wenn er sich um sein Knips juris bekümmern täte: aber dass er seine Frau da vor allen Christenmenschen splitterfaselnackend auszieht, und ihren Tritt und ihre Hüften und alles was sie hat, herweiset, sieht er, das ist 'n Spitakel. Weil er aber doch 'n Karmina auf meinen Rosenbach gemacht hat, so kann er sich dafür 'ne Gnade bei mir ausbitten."

Die harten Sachen in dieser Anrede, so treuherzig der ehrliche Junker sie auch vorbrachte, frappirten den Richter doch. Er sammelte einen Augenblick Sinnen; drauf sprach er: Darf man sich die Avise wohl auf einen Augenblick, ausbitten, von welcher Euer Gnaden sagten?

"Oh ja! gern. Warum nicht? Lektoris, geb er doch mal die Avise."

Der Justitiarius lief das Blatt flüchtig durch, und als er sich von dem guten Willen des Herrn Lektors sattsam überzeugt hatte, entlud er sich seiner Galle folgendergestalt:

In der Tat, gnädiger Herr, ihr Lektor ist das erste Recensentengenie unter dem mond. – Für mich wüsst ich nichts zu bitten; aber erlauben Sie mir, mich für den Schulmeister zu verwenden. Ich ersuche Sie, den ehrlichen Mann für sein Meisterstuck zwo Stunden ans Halseisen stellen zu lassen.

"Wie? – Was? Herr, ist er gescheut? Nee! da wird nichts aus. Was hat der Lektoris getan? Herr, versteht er sein Juris nicht besser? Dass er ihn krimisirt hat, das ist sein Handwerk. Ich hab 'n zu meinen Avisenmacher gedeklarirt, und er da ... Links um! Schnickschnack! Das ist nicht Kustühm, dass Ihn der Mann gelobt hat, und soll drum ans Halseisen."

Gnädiger Herr, ich habe ihr Wort ...

"Er mag sonst was haben. Nee, das hab ich nicht versprochen. Eine Gnade soll er sich ausbitten, und nicht ehrlicher Leute ihr Unglück, versteht er?"

"Der Justitiarius stand auf seine fünf Augen; der gnädige Herr war verlegen; dem Schulmeister klopfte das Herz. Endlich fanden Seine Gnaden diese Auskunft: Lektoris, hört er, der Mann da, will ihn ins Halseisen haben, weil er 'n recessirt hat, und verlässt sich auf, weil ich 'm 'ne Gnade versprochen habe. bitte er sich auch 'ne Gnade von mir aus!"

Halten untertänigst zu Gnaden! sagte der Lektor nach einigem Besinnen; ich bitte demütigst, dass Dero dem Herrn da befehlen, mich eigenhändig an und abzuschliessen, und, weils eben gewaltig regnet, so lange ich am Pfal stehe hinter mir so wie er da ist zu knien, und mir '