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doch zum teil, den Dank dafür verdienen.

Man pflegt so gern auf den Zufall zu lästern, aber man sage davon was man will, er tut dem Menschengeschlecht überhaupt mehr zu Gefallen als zum Possen. Der Ludimagister hatte die Gewohnheit jedes bedruckte Papierchen, das er aus den Krämerladen kriegte, sorgfältig durchzustudiren; auf diese Art schnappte er manchen fetten Bissen Gelehrsamkeit weg. Er konnte ein bischen Latein, und der Zufall war ihm einmal so günstig, dass er ihm, da er ein paar Lot Schnupftoback aus dem nächsten Städtchen mitbringen liess, zwei Blätter aus des hochgelahrten Henrici Smetii Prosodei bescherete. Da hatte er nun, einen griechischen Vers aus dem Oppian ungerechnet, den er nie brauchte, weil er ihn nicht lesen konnte, einen hübschen Vorrat von hundert zwei und siebenzig Brocken aus verschiedenen lateinischen Dichtern. Das schien ihm zu einem ziemlichen Anstrich von Lektüre schon hinlänglich; und Gott weiss, ob er diesen Vorrat fleissig im mund führte! Man hätte schwören sollen, er habe sich nach Herrn Partridge lateinischen Andenkens gebildet; es ist aber erweislich, dass er von dem mann so wenig wusste, als wenn derselbe nirgends existiret hätte, weil vom Tom Jones noch all mein Tage kein Exemplar in die mörderischen hände eines Krämers sich verirret hat. Eben so wenig hatte er irgend einem Gelehrten den üblichen Kunstgriff zu danken, seine Quellen sorgfältig zu verbrennen, nachdem er sie auswendig gelernet hatte; er hatte ihn selbst erfunden. Auf die Art konnte er manches für seine eigne Gedanken geben, und in Absicht der hundert zwei und siebenzig Brocken jeden Dichter so kecklich citiren, als wenn er ihn selbst gelesen hätte, und ich hätte den sehen wollen, der seine Glaubwürdigkeit in Verdacht hätte ziehen dürfen.

Die andern Personen, die in diesem goldnen Büchlein vorkommen, wird, der geneigte Leser, so wie Zeit und Ort es mit sich bringen, kennen lernen.

Wir hatten uns vorgenommen zu sagen, was unser Edelmann hatte; und das wäre, so viel für jetzt Not tut, so ziemlich ins Reine gebracht. Wir gehen nun weiter, und melden, was unser Edelmann war. Dabei können wir uns denn, so viel dieses Kapitel betrifft, beliebter Kürze bedienen, weil alle folgende Kapitel überflüssig sein würden, wenn der Leser aus dem gegenwärtigen den Edelmann im Pommerlande vollständig und mit allen seinen Grillen und Launen kennen lernte. Doch über seine Erziehungsgeschichte müssen wir uns wohl etwas weitläuftiger ausbreiten, damit unsre Leser ihm für keine Missgeburt halten mögen.

Grillen hatte er also und Launen; das ist uns entwischt. Sonst war er eine so gute Seele von Junker, als jemals eine unter Gottes Sonne gelebet haben mag: schlecht und recht; ohne Komplimente, mitin ohne Falsch; nicht sehr vertraulich, aber offenherzig und bieder, und so weiter, wie man ihn in der Folge finden wird. Aber, bei alle dem wollt er es wissen, dass er ein Edelmann sei, – und zwar, wie Seine Gnaden sich ausdruckten: so gut ein Edelmann, als der Kaiser.

Er trug eine hessliche Stutzperüke, und einen zottigten grünen Friesrock über seinen Pelz; in Sommertagen aber auch wohl eine Schwanzperüke und seinen Dolman, ohne Pelz und Friesrock, weils ihm so lustiger und leichter war, und er sich noch immer mit Entzücken dran erinnerte, dass er von der Wiege an bis in sein vierzehntes Jahr Kornet unter einem Husarenregimente gewesen war. Auch pflegte er sich immer herzlich über die Heldentaten zu freuen, die er hätte verrichten können, wenn er im Dienste geblieben wäre. Sein langer Schnurrbart hieng in zwei Knoten herab, und stand gar herrlich zur runden Stutzperüke. Seinen grossen altmodischen Hut umstralte eine breite goldne Kutschertresse Seine hirschledernen Scharivari gingen, wie ich wohl nicht zu erinnern brauche, bis unter die Knöchel herab. Die gelben Halbstiefel waren, wie sichs gehört, mit Eisen unterlegt, und dienten einer dick mit Silber beschlagenen Meerschaumnen Pfeife, für die wenigen Augenblicke, die ihr Besitzer ohne Rauchen zubrachte, zum Quartiere. Den Anzug vollendete ein silberner Säbel, der nie von seiner Seite kam, und unter dem grünen Friesrocke hervor hinter Seiner Gnaden herschleppte.

So von innen und aussen fiel der Edelmann im Pommerlande jedem der ihn sah, gleich in der ersten Minute ins Auge.

Seine Gnaden wohnten fast immer zu Pferde, und ritten am liebsten junge, schnellfüssige, unbändige Hengste, mit denen sie meisterhaft umzugehen wussten, und deren Zeug mit Schnakenköpfen prunkte.

Zweites Kapitel.

Erziehungsgeschichte des Junkers.

Der Edelmann, so wie er nun leibte und lebte, hätte ganz aus der Reihe der Dinge weggenommen werden können, ohne dass ausser seinem Gute irgend eine lebendige Seele dabei zu kurz gekommen wäre. – Doch nehme ich, nach reiflicher überlegung, diejenigen Seelen aus, die, wenn sie über andrer Leute Torheiten lachen, zugleich in ihren eignen Busen zu greifen pflegen. – Von der natur aber war er so wenig bestimmt, das Spiel eines närrischen Schulmeisters und seiner eignen Grillen zu werden, als mich vielleicht die natur zum Geschichtschreiber seiner Torheiten bestimmet hat. In seinem Charakter war so viel Güte, so viel Tätigkeit, so viel Grösse, dass er, wenn der rohe Klumpen gehörig wäre geformet, und die leeren Fächer des Gehirns gebührend angefüllet worden, aus dem Kabinete würde haben Länder beglücken, und im feld eine Stütze seines Monarchen sein können. So aber war seine Anlage versäumt oder verderbt, jenes von seinem Vater, dieses von der gnädigen Frau Mama, beides von dem