Hand, es wäre denn etwa, dass er mit der Wurst nach dem Schinken geworfen hätte. Von dem geringsten erwiesenen Dienst aber pralte er sein lebenlang. Bei Anlässen hergegen wie der gegenwärtige, wo er nur mit Rat und Worten zu dienen hatte, war er sehr, recht sehr dienstfertig.
"Könnten Sie das? rief der entzückte Schulmeister. Wissen Sie wirklich hier herum eine Druckerei, oder einen Künstler, der eine machen könnte?"
Das nun wohl eigentlich nicht, Herr Lekter! Aber wir haben einen Mann hier, der ein Tausendkünstler ist, der nimmt Pränumeration an auf Bücher. Ich habe seit vielen Jahren auch bei ihm gepränumeriret. Habe zwar noch kein Buch gekriegt, aber das wird schon noch kommen. Gut Ding will Weile haben, und seine künftigen Bücher sind hol mich – gut Ding. Ich habe da unter andern vor ein Jahrer zehne auf ein Buch gepränumeriret, das soll heissen: neu eröffnetes Ein mal Eins, mit historischen, kritischen und geographischen Randglossen. Das wird meiner Seel 'n kapitales Buch werden! Alle Matematici im ganzen land sollen dran arbeiten, und die Randglossen will er selbst machen ...
"Dann stehet zu besorgen, fiel der Ludimagister mit einer schlauen Miene ins Wort, dass die vielen Köche den Brei verderben werden, wie das Adagium sagt. Aber, Herr Pfrieme, der Mann denke ich wird mir nicht viel helfen können. Ich bin nicht Willens auf mein Werk pränumeriren zu lassen. Auch hab ich keine zehn Jahre Zeit."
Der Mann könnte Ihnen denn doch Anleitung geben, mein Herr Lektor. Sonst wenn Sie wollen gepränumeriret haben, will ich auch pränumeriren. Ich habe einen hübschen Imperatus von Büchern, wohl an die zwanzig Stück, wo ich alle auf pränumeriret habe, und mein Vor- und Zuname in gedruckt steht. Andre Bücher mag ich nicht haben. Sie können ja mal zu dem mann gehen. Schadt ja nicht. Ich will Ihnen hinbringen.
"Ei ja, wenn Sie meinen, Herr Pfrieme."
Nun kam in einer blank gescheuerten kupfernen Kanne der Kaffe, samt Zubehör. Die Herren setzten sich und das grüne Genie liess sichs doppelt gut schmecken, weil es ihm nichts kostete. Was aber beim Kaffe geredet wurde, und wie des Exschusters giftige Zunge, zum Zeitvertreib der Frau Wirtinn, die wieder ins Zimmer kam einen guten Namen nach dem andern meuchelmördrisch anfiel, ärgerliche Liebeshändel zwischen Bürgerweiber und Musketiers, zwischen Meisterinn und Gesellen, zwischen Geistlichen und Weltlichen, zwischen fräulein und Grafen, ungeheure Lügen und nichtsbedeutende Wahrheiten mit schändlicher Grosspralerei und schmutziger Niederträchtigkeit durchmischet, herschwadronirte, und ohne auf Charakter, Stand oder Würde zu sehen, die Einwohner des Orts Strassenweise durch seine ehrlosen Spiessruten jagte, und keines Menschen, selbst seiner leiblichen Brüder nicht schonte, – und alles das aus Drang des Genie; – ferner, wie er seine eignen Heldentaten, seine Wege zu weiland seines Vaters Geldschranke und den Spinden seiner Hausgenossen herposaunte, und es als ein grosses Kompliment ansah, dass die Wirtinn ihn, und zwar auf keine sehr versteckte Weise, der Giftmischerei beschuldigte: – alles das entalten wir uns, wie billig, um weder dem Fiskal noch der Obrigkeit des Ortes ins Amt zu fallen oder vorzugreifen. Der Ludimagister aber fand an dem verläumderischen Talent des alten Sünders ein innigliches Behagen, und in dessen giftigen Romanen die kräftigste Nahrung für seinen Geist; denn im grund war er selbst ein hämischer Bube, nur dass er es nicht so auslassen durfte. In Dörfern pflegen Lästerungen gar zu bald rund zu kommen, und er hatte jeden bauern zu schonen, wenn er in seinen ausserordentlichen Einkünften, welche doch manchem Dorfschulmeister das meiste bringen, keinen Defekt spüren wollte.
Dreizetes Kapitel.
Das dritte Kapitel vom Geniewesen. Oder:
Mein langes Kapitel.
Nach dem Kaffee erhoben sich die beiden Herren zu dem obgedachten mann, und da sie auf dem Wege dahin vor dem haus des mineralgrünen Philosophen mit der grünlichgelben Seele vorbei mussten, erbat sich dieser die erlaubnis, seinen Anzug ändern zu dürfen. Er nötigte das schwarze Genie um so viel zuversichtlicher hinein, da er wusste, dass seine strenge Hausehre nicht zu haus sei. Das erste was der Schulmeister im haus sah, waren ein Paar flachsköpfigte Buben, die der Herr Papa zu künftigen Genies erzog, und denen die Schelmerei schon jetzt aus beiden Augen kuckte, wie denn der jüngere auch nicht ermangelte, dem Schulmeister, so bald er sich nur gesetzt hatte, einen Hasenschwanz vermittelst etlicher Kletten an die Perüke zu heften.
Der grüne Mann hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, und erschien wieder in verändertem Pomp, an Beinen gestiefelt, mit seinem weissen atlasnen Bratenweste und seinem schönen roten Kleide mit blanken weissen Knöpfen. Er zeigte und besah seine gestiefelten Extremitäten so viel und so lange, dass der Ludimagister nicht umhin konnte zu versichern, er habe nie so wohlsitzende Stiefel gesehen.
Das macht, ich habe sie selbst zugeschnitten, versetzte Meister Pfrieme etwas voreilig, indem er dadurch beinahe seine ehemalige Profession verraten hätte, auf die er nicht sehr stolz war. Er fasste sich aber geschwind wieder, und fuhr fort: Denn ich muss Ihnen sagen, ich habe an manchen Dingen mein Plasir; unter andern mag ich auch gern meine Stiefel selbst zuschneiden.
"Ich gestehe, sie sind nach dem schönsten Schnitte von der Welt."
Das macht, Herr Lekter, ich schneide sie nach der Philosophie zu. Den Ofen da hab ich auch selbst aufgesetzt.